Predigt am Siebten Sonntag der Osterzeit

24.05.2020

Pater Ansgar Schuler hat im Konventamt am 24. Mai eine interessante Predigt mit starker ökumenischer Note gehalten. Wichtig war für ihn eine Erfahrung in Lausanne (Bild: die gotische Kathedrale der Waadtländer Metropole). Lesen Sie die Predigt hier nach: 

Liebe Mitbrüder, liebe Mitchristen,
vielen von uns ist die Bitte vertraut: „Bete für mich“. Manchmal geht dieser Wunsch auch an die Grosseltern, die es als ihren besonderen Beitrag für die ganze Familie verstehen, Söhne, Töchter, Enkelinnen und Enkel und deren Anliegen und Sorgen vor Gott zu bringen.

So wird gerade dieses unscheinbare Tun dieser älteren Menschen, die Zeit haben und sich Zeit nehmen für das Beten, oft zu einem besonderen Schatz für die Jüngeren, die sich ja oft genug im Stress befinden. Dadurch wächst eine persönliche und tiefe Verbundenheit.

Oft sind es auch hier an der Pforte unsere Mitbrüder, die für diesen Dienst des Betens angefragt und gerne in „Anspruch genommen werden.“

Hier haben viele Menschen ganz instinktiv das Gefühl, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die mit Gott vertraut sind und so die richtigen Worte finden, um die jeweils eigenen Sorgen angemessen vor Gott zu tragen.

So weiss ich von vielen Grosseltern, dass auch sie mitleiden, wenn die Enkel erfolglos, so viele Stellengesuche geschrieben haben.

Wie viel leichter hatte ich diese Stellensuche, als ich vor genau 50 Jahren, nach der Banklehre und der RS ins Welschland gehen wollte. Ich wählte mir dazu Lausanne aus. Diese Stadt hatte ich schon an der Expo 64 liebgewonnen.

Viel schwieriger dagegen aber war die Zimmersuche. Ein Berner Oberländer, aus Frutigen aber, hatte für mich in der neuen Bank den entscheidenden Typ: Das Haus „La Croisée“, ganz nahe von meinem Arbeitsort, welches der Chrischona-Gemeinde Basel gehörte. Es sei zwar dort etwas fromm und dabei faltete er die Hände.

Das „Kreusi“, wie wir die Stadtmission liebevoll nannten, hatte Platz für über 100 junge Leute, meist Deutschschweizer, die nach der Lehre sich sprachlich verbessern wollten.

In Erinnerung sind mir in dieser meiner ökumenischen Zeit geblieben die frohmachenden Lieder mit Gitarrenbegleitung, die Zeugnisse, die die jungen Leute über Gott gegeben haben und die interessanten Gespräche über religiöse Themen. Auch die erste Bibel kaufte ich mir dort. Bis heute habe ich noch schriftlichen Kontakt zu zwei damaligen Bewohnern. Ihre Briefe enden meist mit einer Bibelstelle. Z.B.: „Ich grüsse Dich mit Phil 1,6“. Das meint dann im Klartext: „Ich bin gewiss, dass Gott den guten Weg, den er mit Dir begonnen hat, auch vollenden wird, bis zum Tag Jesu Christi.“

Das Motto aller oekumenischen Bewegungen lautet: „Dass sie alle eins seien.“ Diese Worte finden sich im heutigen Ev. des Johannes. Man sagt diesem Abschnitt auch das „Hohepriesterliche Gebet“. Jesus betet zum Vater. Er bittet den Vater um die Einheit.

Sollte der Vater die Bitte seines Sohnes nicht erhören? Nun, wenn wir auf unsere Kirche schauen – und auf die vielen anderen christlichen Kirchen in der Welt, dann mag man doch so seine Zweifel haben. Anscheinend hat es nicht geklappt mit dieser Einheit, oder?

Nun, vielleicht wäre das mit der Einheit ja schon weiter, wenn wir ihr nicht im Wege stehen würden – mit unseren Vorstellungen von Einheit – weil wir ja meinen, Einheit hiesse, dass es nur eines geben darf, also nur eine Kirche – und sicher denken wir dann gleich an unsere röm. kath. Kirche.

Vielleicht ist Einheit ja auch dann erreicht, wenn Einigkeit besteht zwischen den unterschiedlichen Kirchen. Dann, wenn wir uns nicht gegenseitig schief anschauen, sondern lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren und zu respektieren. Und wenn wir aufhören zu denken, die anderen Kirchen seien weniger „Wert“ als unsere – nur wir seien „die Wahre“.

Unlängst hat unser Papst Franziskus in einem Interview zum Thema Einheit zwischen den Kirchen gesagt: „Wenn wir glauben, das die Theologen sich einmal einig werden, werden wir die Einheit nach dem Jüngsten Gericht erreichen.“

Und zum Schluss sagte er: Theologen sind hilfreich, wenn es um die Einheit gehe. Aber am hilfreichsten ist der gute Wille von uns allen, die mit offenen Herzen für den Heiligen Geist auf dem Weg sind.

Und so besucht Papst Franziskus die lutherische Gemeinde in Rom. Er trifft sich mit Altkatholiken, mit Vertretern der Anglikanischen und Reformierten Kirchen. In Turin besucht er die Waldenser. Er reist nach Havanna, um Verträge mit der russisch-orthodoxen Kirche zu schliessen und und und.

Und dann tut er das ja nicht, um denen zu sagen, was sie falsch gemacht haben und dass sie nach Rom zurück zu kehren haben, sondern et tut es, weil er sich mit ihnen verbunden fühlt – durch den Herrn Jesus Christus.

Weil er weiss: Das sind unsere Geschwister. Diese Kirchen haben alle denselben Herrn, eben Jesus Christus. Sie feiern dieselbe Taufe. Sie lesen alle aus demselben Neuen Testament. Und alle beten um denselben Hl. Geist.

Liebe Schwestern und Brüder,
da ist ein neuer Blick – ein liebevollerer Blick für einander als das früher war. Da ist man nicht mehr Konkurrenz, sondern da sind wir Geschwister. Man achtet die Entscheidung eines jeden Einzelnen, die ihn in seine jeweilige Kirche geführt hat.

Und wir lernen, nicht mehr von Spaltung zu sprechen, sondern von Vielfalt. Und das Ziel aller Bemühungen besteht nicht darin, diese Vielfalt zu beseitigen, sondern diese Vielfalt zu versöhnen – so dass es keinen Streit mehr gibt, sondern alle das suchen, was verbindet und vereint.

Es gibt diese schöne Geschichte von John Wesley, er lebte von 1707-1788, dem Begründer der ev.methodistischen Kirche. Er hatte einen Traum. Er kam an das Portal zur Hölle und fragte: „Was für Leute gibt es denn bei euch? Katholiken?“ Antwort: „Ja, viele.“ „Auch Anglikaner?“
Antwort: „Ja, viele.“ „Auch Lutheraner, Reformierte, Baptisten, Orthodoxe?“ Immer kam die gleiche Antwort: „Ja, viele.“

„Etwa auch Methodisten?“ „Ja, viele“. Betrübt ging Wesley weiter und kam an die Himmelstüre. Dort stellte er die gleichen Fragen: „Sind hier Katholiken?“ Antwort: „Nein, kein einziger.“ „Anglikaner, Lutheraner, Reformierte, Baptisten?“ Immer kam die gleiche Antwort: „Nein, kein einziger“.

Zaghaft fragte er am Schluss: „Aber doch Methodisten? Antwort: Nein, kein einziger.“ Erschrocken wollte Wesley nun wissen: „Ja, was für Leute sind denn im Himmel? Antwort: „Hier gibt es nur Christen.“

Vielleicht müssen wir lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Wenn wir fragen: Wer ist Protestant? Dann wird nur ein Teil die Hand heben. Wenn wir fragen: Wer ist Katholik? Dann werden wieder nur einige die Hand heben.

Aber, wenn wir fragen: Wer ist Christ? Dann werden wieder alle die Hand heben können.

Fragen wir doch? Wer betet das Vaterunser? Denn dann können sich wieder alle melden. Heute erleben auch viele Christen eine andere Art von Einheit: Alle christlichen Denominationen werden in einer ganzen Anzahl von asiatischen und afrikanischen Ländern gemeinsam verfolgt.

Jesus betet um die Einheit. Es ist sein Gebet. Und wenn er den Vater bittet, dann wird der Vater ihn erhören. Und deshalb dürfen wir sicher sein: Wir sind auf dem Weg zur Einheit.

Gottes Geist weht ja bekanntlich wie ER will – und nicht, wie wir es ihm vorschreiben. Denn Gott ist nicht ängstlich und nicht kleinlich – sondern sein Herz ist weit und seine Liebe kennt keine Grenzen.