Gedanken zu Pfingsten

30.05.2020

Das Evangelium von Pfingsten (Joh 20, 19-23) ist für mich immer wieder eine Überraschung. Es gehört eigen­tlich zu den Osternberichten. Jesus erscheint nach seiner Auferstehung seinen Jüngern zum ersten Mal. Wenn wir es aber genauer lesen, entdecken wir, dass es eben­falls zu Pfingsten gehört. Nachdem Jesus sich mit seinen Wunden zu erkennen gegeben hat, „hauchte er sie an und sagte: Empfangt den Heiligen Geist!“ (Joh 20,22). Johan­nes verbindet die beiden Ereignisse, Ostern und Pfings­ten, Auferstehung und Geistsendung, miteinander.

Dieses unscheinbare Ereignis hinter verschlossenen Türen, unbemerkt von der grossen Öffentlichkeit, ist für mich eine grosse Entlastung gegenüber der anderen Erzäh­lung aus der Apostelgeschichte über das Pfingst­ereignis (Apg 2,1-11). Dort kommt der Heilige Geist in heftigem Sturm und Brausen, sicht­bar in Feuerszungen und von vielen Menschen aus aller Welt bemerkt. Die Apostel werden mit einem un­bän­digen Mut erfasst, der sie furchtlos vor die verschlossenen Türen treten lässt. Diese Geistausgiessung entwickelt eine ungeheure Dynamik von Jerusalem über Judäa und Sama­rien bis an die Grenzen der Erde und wird mit vielen sicht­baren Wundern (Apg 2,43) begleitet.

Die Erzählung dieser gewaltigen Bekehrungswelle der damaligen Menschen verunsichert mich, weil wir heute beten, dass dasselbe geschehe: „Was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute“ (Tagesgebet) und  wir spüren nichts. Wir beten darum, dass der Heilige Geist in uns wirke und wir spüren kein neues Feuer oder Beben wie es anderswo in der Apostel­geschichte (4,31) beschrie­ben ist. Glauben wir etwa zu wenig, dass wir das Feuer des Heiligen Geistes zu wenig brennen spüren?

Die unterschiedlichen Er­zäh­lungen des Pfingst­ereignisses geben mir aber eine Entlastung. Dadurch, dass sie die Geist­ausgiessung so verschieden, ja sogar schein­bar widersprechend berichten, lassen sie mich er­ahnen und erfassen, dass es der Heiligen Schrift nicht darum geht, historische Be­ge­benheiten genau zu proto­kollie­ren. Die Heilige Schrift will vielmehr. Sie will eine Botschaft ver­mitteln, die sich nicht auf wenige Fakten reduzieren lassen. Die Apostelgeschichte hebt auf der einen Seite das missionarische Zeugnis hervor, das schon in frühesten Tagen der Kirchen „nach aussen“ drang und den jüdischen Horizont über­schritt. Das Johannesevangelium auf der anderen Seite ergänzt diesen nach aussen drängenden Aspekt mit der Wirkung „nach innen“. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hinter verschlos­senen Türen wird nicht von grossen Beben und Wundern begleitet und doch löst sie grosse Freude und einen inne­ren Frieden aus. Dieses verborgene Geschehen birgt ein unmerk­liches, aber deutliches Wirken in sich.

Der Heilige Geist schenkte einen Frieden, eine Freude, einen Trost, dem ein innerer Drang folgte, aufzustehen, das Gute zu tun und ihr Leben hinzugeben. Wir erfahren die Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus im Galaterbrief einzeln benann­te: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlich­keit, Güte, Treue, Sanft­mut und Selbstbeherrschung“ (Gal 5,22f).

Das Wirken des Heiligen Geistes müssen wir nicht an den heftigen Stürmen und den sichtbaren Feuerzungen mes­sen, sondern an den unmerklichen und deutlichen Beben, die in uns ausgelöst werden. Gottes Geist löste eine Freu­de aus, ein inneres Drängen und schenkt Trost in allen Um­ständen.

Deo gratias. Alleluja.

 

P. Cyrill