222 Jahre ist es her

03.05.2020

Am 3. Mai ergibt sich ein «Schnapszahl-Jubiläum» aus der wechselhaften und äusserst spannenden Geschichte unseres Klosters. Dazu hat Pater Thomas Fässler, einer unserer Haushistoriker, einen kurzen Text verfasst:

Bang werden sich die meisten Einwohner Einsiedelns am 3. Mai 1798 in ihren Stuben versteckt haben. Höchstens einen verstohlenen Blick getrauten sie sich wohl aus dem Fenster zu werfen, als vor genau 222 Jahren das Dröhnen der Stiefel von mehr als 6’000 französischen Soldaten durch die Gassen und Strassen des Klosterdorfs hallte. Zielstrebig marschierten diese auf die Gebäude der damals schon europaweit bekannten Fürstabei zu, die als einer der Zentren des Widerstandes gegen die neu gegründete revolutionäre Helvetische Republik galt, der sich die Innerschweizer Kantone unter keinen Umständen anschliessen wollten. Nach wenigen Tagen schon war allerdings ihr Widerstand zusammengebrochen, so erbittert auch gekämpft wurde. Im Kloster vermuteten Offiziere wie Soldaten reiche Beute, auch in Form von berauschendem Trank.

Erst wenige Stunden davor hatten die letzten Mönche die Flucht ergriffen, aus Angst, ansonsten – wie angedroht – ihr Leben lassen zu müssen. Auch jener Mitbruder, der geblieben war, um die Heranrückenden zu besänftigen und um Schonung des Klosters zu bitten, war aufs Äusserste gefasst. Gerade noch rechtzeitig hatte man auch das Gnadenbild in eine Kiste verpackt und in Sicherheit bringen können, wobei es auf seiner Odyssee in den nächsten Jahren auf mehreren Stationen bis nach Triest an der Adria kommen sollte. Mancher der Mitbrüder wird sich auf seiner Flucht nach St. Gerold, der Einsiedler Besitzung im Grossen Walsertal, nach den ersten Schritten nochmals umgedreht und sich gefragt haben, wann er seine Heimat wohl wiedersehen würde – ja ob dies überhaupt einmal der Fall sein würde. Als sie später von der Zerstörung der Gnadenkapelle sowie der Aufhebung ihres Klosters hörten, waren dies wenig hoffnungsvolle Nachrichten. Man hätte meinen können, dass dies das Ende der jahrhundertealten Geschichte der Benediktiner von Einsiedeln sei, wie schon manche Male zuvor…

Wer mehr über diesen geschichtsträchtigen Tag vor 222 Jahren, über dessen Vorgeschichte und Folgen erfahren möchte, wird im Buch von Pater Thomas fündig, das er letzten Frühling zu diesem Thema publiziert hat und das zeigt, dass die spannendsten Geschichten immer noch das Leben schreibt: Thomas Fässler: Aufbruch und Widerstand. Das Kloster Einsiedeln im Spannungsfeld von Barock, Aufklärung und Revolution. Egg 2019. ISBN: 978-3-906812-04-5. Erhältlich auch in unserem Klosterladen! Wir wünschen bereicherndes Lesevergnügen!

Zum Bild: Kupferstich eines unbekannten Künstlers mit einem Truppenaufzug von französischen Soldaten sowie Schweizer Bauern – wohl aus dem Mittelland – in Einsiedeln. Im Hintergrund eine Phantasiedarstellung des Klosters im klassizistischen Stil.