Rückblick auf Ostern 2020

15.04.2020

Für die Einsiedler Lokalzeitung «Einsiedler Anzeiger» schrieb Bruder Gerold Zenoni einen lesenswerten Bericht über das diesjährige Osterfest.

Unsere Sorge – Der Mensch

Unter besonderen Vorzeichen – nämlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit infolge der Corona-Krise – wurden im Kloster Einsiedeln die Ostertage begangen. Als Ersatz boten die Mönche Übertragungen der Gottesdienste im Internet an.
bgz. Alles ist anders. Und doch gleich! Die Sehnsucht nach Erlösung manifestiert sich in dieser Krise mit besonderer Dringlichkeit. Ein Virus hält die Menschheit im Würgegriff. Die Mönche im Stift Einsiedeln verlassen ihr Kloster nicht. Immerhin profitieren sie von den grosszügig vorhandenen Räumlichkeiten und den Gartenanlagen. Aufräumen lautete die Devise für viele Patres und Brüder. Bei dieser Arbeit fiel dem Schreibenden unverhofft eine für die aktuelle Zeit offensichtlich passende Broschüre mit dem Titel «Unsere Sorge – Der Mensch» von Alfred Döblin (1878-1957) aus dem Jahre 1948 in die Hände. Döblins Trachten galt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zwar der Analyse des Phänomens kriegerischer Gewalt, wobei er das Konkret-Historische in den Hintergrund schob und stattdessen den Aufruf zu einer allgemeinen inneren Wandlung beleuchtete, aus welcher dann erst eine aktive Einstellung der jüngeren Generation resultieren könne, wie Friedrich Wambsganz schreibt. Doch ist die Sorge um den Menschen in unseren Tagen nicht genau so aktuell?

Meditation zu nächtlicher Stunde

Döblin verfasste mit seinem Roman «Berlin Alexanderplatz» einen Welterfolg. Am 30. November 1941 konvertierte er zum katholischen Glauben. Sein Schriftstellerkollege Gottfried Benn spöttelte: «Döblin, einst grosser Avantgardist, und Franz Biberkopf vom Alexanderplatz, wurde streng katholisch und verkündet Ora et labora.» Döblin liess sich nicht beirren und wandelte sich nach Jahren der Emigration zu einem überzeugten Christen mit ausgeprägten kontemplativen Tendenzen. Ich erinnerte mich an jenen nächtlichen Gang durch einen ehemaligen Ostteil von Berlin im Jahr 2008 mit dem Schriftsteller Thomas Hürlimann. Nach einem Interview befanden wir uns auf dem Weg in ein italienisches Lokal. Der ehemalige Einsiedler Stiftsschüler wies mich auf jenes Gebäude hin, in dem der junge Döblin seine Arztpraxis betrieben hatte: Frankfurter Allee 194. Ich erinnerte mich aber auch an jene Veranstaltung in der Akademie der Künste in Berlin vom 27. November 2008 zu Ehren von Alfred Döblin. Auf der Einladung des S. Fischer Verlages war sogar der amtierende deutsche Bundespräsident Horst Köhler als Hauptredner aufgeführt. Allerdings liess sich der Politiker dann kurzfristig entschuldigen. Der deutsche Schauspieler Günter Lamprecht, Hauptdarsteller in Rainer Werner Fassinders legendärer Verfilmung von Döblins Roman «Berlin Alexanderplatz», las Texte von Döblin. In Erinnerung geblieben ist mir ein Gespräch mit Döblins Sohn Stephan Döblin, der extra aus Paris angereist war. Er interessierte sich für die Lebensform des Benediktinermönchs aus dem Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Dass der Schreibende am nächsten Tag bei einer Preisverleihung an den Illustrator Tomi Ungerer ebenfalls im Haus der Akademie der Künste bei einem Empfang in der Französischen Botschaft in der Person von Richard von Weizsäcker doch noch einen ehemaligen Deutschen Bundespräsidenten treffen durfte, ist wieder eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die aber auch wieder nicht ganz ohne Einsiedeln abging. Der Vater von Richard von Weizsäcker war zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Gesandter des Deutschen Reiches in Bern, wo sein Sohn Richard das Gymnasium besuchte. Er tat dies zusammen mit dem nachmaligen Einsiedlermönch Pater Michael Jungo. Zeitlebens hielten die beiden Kontakt und schrieben sich. So konnte es passieren, dass Pater Michael Post aus dem Amtssitz des Deutschen Bundespräsidenten erhielt.
Trotz der fehlenden Beteiligung aus dem Dorf, hielten die Mönche im Kloster an den nächtlichen Anbetungsstunden vom Hohen Donnerstag auf den Karfreitag und vom Karfreitag auf den Karsamstag fest. Als Meditationsgrundlage für diese nächtliche Stunde eignete sich Döblins Text ausgezeichnet. Ausgehend von Texten aus dem Alten und Neuen Testament zitiert er Henrik Ibsen, Rousseau und Marx oder den französischen Literaturnobelpreisträger und Pazifisten Romain Rolland. Döblin hält fest, dass der babylonische Turm, Sinnbild der Staaten und Gesellschaften, kein einmaliger Fall sei. Er gelte für alle Zeiten. Besonders für unsere Zeit, möchte man anfügen! «Gott tritt in die Welt, in dieses Chaos: Das Leiden Christi, der Kreuzestod. Gott hat die Gestalt dieser Menschheit angenommen, sie wird am Kreuz vernichtet. Es erscheint kein Prophet, kein Engel und auch kein Messias, sondern Christus ist der Mensch Jesu von Nazareth in der ärmsten und leidenden Gestalt.» Für Döblin ist das Kreuz das sprechendste aller Bilder. «Du bist mehr als unser Schöpfer, Du bist eingegangen in uns. […] Wir sind durch dich erhöht.»

Ohne Fusswaschung am Hohen Donnerstag

Von vornherein klar war, dass es am Hohen Donnerstag in der Abendmahlsfeier die übliche Fusswaschung nicht geben würde. Abt Urban sprach in seinen Ausführungen zu Beginn dieser Eucharistiefeier, dass sich Jesus uns mit Leib und Blut schenke. Innere, letzte Freiheit würden wir erfahren, wenn Jesus in unsere Herzen einziehe. Pater Thomas hielt die Predigt und erwähnte zu Beginn seinen praktisch leeren Terminkalender. Ruhe sei uns geschenkt in einer Welt, die völlig überhitzt sei. Es böte sich nun Zeit für Dinge, für die wir uns kaum Zeit nehmen würden. Jesus habe uns drei Dinge als Vermächtnis hinterlassen. Das Vertrauen auf das Weiterleben nach dem Tod, das Geschenk seiner tröstenden und stärkenden Gegenwart. Weiter sollen unsere Beziehungen untereinander geprägt sein vom gegenseitigen Dienen. Trotz der fehlenden realen Fusswaschung wünschte sich Pater Thomas im übertragenen Sinn, dass «wir uns weiterhin die Füsse waschen».

Die Karfreitagsliturgie begann um 15.00 Uhr mit einem stillen Einzug. Die Beteiligung von Chor und Orchester war bei all diesen Gottesdiensten nicht möglich. Dennoch war die Kirchenmusik auch unter diesen speziellen Umständen in der Einsiedler Klosterkirche präsent. Nach der Lesung sangen die Mönche unter der Leitung von Pater Lukas ergreifend schön eine Komposition von Tomas Luis da Victoria. Als Prediger legte Pater Lorenz sein Augenmerk eher auf die Nebenfiguren in der Passionsgeschichte. Denn auch in ihnen kämen verschiedene Facetten unseres Menschseins zum Ausdruck. Der Prediger fragte wie wir zur Passionsgeschichte stehen würden. Sind wir bloss Zuhörer? «Glauben ist letztlich ein Geschenk Gottes. Danken wir, wenn wir dieses Geschenk haben dürfen. Bitten wir, dass immer mehr Menschen den befreienden Weg des Glaubens entdecken.»

Ein Osterei für den Abt

Die Osternachtfeier von Karsamstag begann im üblicherweise für das Publikum nicht geöffneten Pfarrgarten, wo die Sakristane der Stiftskirche das Osterfeuer vorbereitet hatten. Mit diesem Feuer wurde die Osterkerze entzündet. Auch diesen Moment konnten die Gläubigen dank einer von Bruder Francisco bedienten mobilen Kamera an ihren Bildschirmen verfolgen. Abt Urban stand der Liturgie vor. In seiner Predigt ging er vom abrupten Verschwinden von Menschen im Internet aus und zog eine Parallele zum Evangelium. «Verletzte Liebe findet in der Osterbotschaft Heilung. Ostern stellt nicht alles wieder her, sondern führt uns in das Leben mit Gott hinein.» Abt Urban ermunterte zur Weitergabe dieses Lichtes, denn Ostern heisse das Licht von Gott zu nehmen und es weiter zu geben.
Am Ostertag läuteten von 10.00 Uhr bis 10.15 Uhr landesweit alle Glocken der reformierten und katholischen Gotteshäuser. Das Läuten erhielt an diesem Osterfest, das durch die Nichtteilnahme der Gläubigen an den Gottesdiensten geprägt war, eine besondere Bedeutung. Der Glockenklang verband über Konfessionen, Quartiere, Dörfer und Klostermauern hinweg die Menschen. Im Stift Einsiedeln hatte Bruder Alexander die Programmierung dieses aussergewöhnlichen Läutens vorgenommen.

Das Hochamt an Ostern begann um 10.30 Uhr. Pater Philipp ging in seiner Predigt von den Ursprüngen des Osterhasen aus dem Jahr 1678 aus und sprach von Maria Magdalena, die als eine Art Detektivin ihre Suche nach dem Herrn nicht aufgab. Auch Mönche seien gemäss der Regel des heiligen Benedikt Gottsucher. Schliesslich animierte er die Mitbrüder konkret zur Ostereiersuche in den Chorstallen. Tatsächlich fand auch der Schreibende an seinem Platz unter einem etwas schräg daliegenden Gebetbuch ein Schokoladeosterei. Selbst der Klostervorsteher ging auf dem Abtsthron nicht leer aus! Für das festliche Schlussspiel an der Orgel war Pater Theo im Oberen Chor besorgt. Die Mönche genossen nach einer Dankesansprache von Abt Urban am hohen Feiertag ein festliches Essen mit mehreren Gängen. Den Ehrenwein dazu hatte Bruder Anton im klösterlichen Keller schon am Vortag bereitgestellt. Alles war anders in diesem Jahr. Und doch leuchtete auch an diesem Osterfest die Sorge des Erlösers um den Menschen in besonderer Eindringlichkeit auf.

Zum Bild: Da während der Coronakrise alle Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden mussten, wurde das Osterfeuer nicht vor der Klosterkirche auf dem Klosterplatz entzündet, sondern im sogenannten «Pfarrgarten», einem unserer vier Innenhöfe. Ganz rechts im Bild unser Kameramann Bruder Francisco Deighton, welcher für die Übertagung via Livestream sorgte. Foto von Pater Thomas Fässler.