Predigt zum Ostermontag

13.04.2020

„Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen, und dort werden sie mich sehen“ (Mt 28,10).
Warum nach Galiläa? Was hat es mit diesem Galiläa auf sich?

Galiläa ist ein Gebiet im Norden Israels und liegt mehr als 100 km nördlich von Jerusalem.  Zur Zeit Jesu hatte dieses Gebiet aber keinen guten Ruf bei den Juden im südlichen Judäa.  In Galiläa überwog nämlich die heidnische Bevöl­ke­rung. Nach den Makkabäerkriegen nahm Simon Makkabäus die jüdische  Bevölkerung mit in den Süden nach Judäa (1 Makk 5,14-23). Zudem war Galiläa von Judäa, wo Jerusalem und Bethlehem liegen, durch Samarien getrennt. Dadurch konnte sich eine gewisse Eigenständigkeit entwickeln. Das äusserste sich auch in der Sprache. „Deine Mundart verrät dich“, sagten die Leute zu Petrus (Mt 26,73). Die Galiläer galten als Juden minderen Ranges. Ja, Matthäus weist explizit zu Beginn der Tätigkeit Jesu darauf hin: „Es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Strasse am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heid­ni­sche Galiläa: Das Volk, das im Dunkel sass, hat ein helles Licht gesehen“ (Mt 4,14-16).

Interessant ist, dass gemäss der drei ersten Evangelien Jesus genau dieses heidnische Galiläa zum Schau­platz seiner Haupt­wirk­samkeit erwählt hat. Er ist in Nazareth aufgewachsen, hatte Freunde in Kafarnaum, überquerte mehrmals den See von Genezareth, heilte einen Blinden Betsaida, ver­wandelte in Kana Wasser in Wein und erweckte einen toten Jungen in Nain zum Leben. Alles Ortschaften in Galiläa.

Erst als es gegen die Passion hin ging, begab Jesus sich in den Süden nach Judäa, wo Jerusalem liegt. Das war dann auch ein Diskussionspunkt unter dem Hohen Rat: „Kommt denn der Christus aus Galiläa? Sagt nicht die Schrift: Der Christus kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte?“ (Joh 7,41f) oder sie beschimpften ihr Mitglied Nikodemus einen Galiläer: „Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach und siehe, aus Galiläa kommt kein Prophet“ (Joh 7,52).

Nur das Matthäusevangelium lässt Jesus den Jüngern aus­richten: „Geht nach Galiläa! Dort werdet ihr mich sehen.“ Der erste Vers nach dem heutigen Evangeliumsabschnitt er­zählt dann prompt: „Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte. Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder“ (Mt 28,16f). Dann erhalten sie den Auftrag: „Geht zu allen Völkern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das ist die einzige Erscheinung Jesu vor den elf Jüngern gemäss Matthäus. Nur in Galiläa sahen sie Jesus.

Bei Lukas werden die Jünger nicht nach Galiläa geschickt. Ihnen wird nur ausgerichtet: „Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war“ (Lk 24,6). Das Lukasevangelium berichtet, dass die Jünger nach der Auf­er­stehung in Jerusalem geblieben sind. Die  Emmaus­jünger z.B. kehrten freudig nach Jerusalem zurück, als sie Christus beim Brotbrechen erkannten und sie zurück­eilten, um es den ande­ren zu berichten. Dann heisst es: „Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!“ und dann sagte er noch: „Bleibt in der Stadt – gemeint ist Jerusalem – , bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet!“ (Lk 24,36).

Was hat es also auf sich mit dem „Geht nach Galiläa! Dort werdet ihr ihn sehen“?

Mag das vielleicht bedeuten, dass die Jünger physisch oder zumindest in ihren Erinnerungen nach Galiläa zurückkehren sollen, um die vergangenen Jahre mit Jesus noch einmal zu rekapitulieren? Sie sollen den Spuren Jesu folgen und neu ver­stehen lernen. Sie sollen das Gesagte und Gehörte im Licht seines Todes und seiner Auferstehung deuten lernen. Bei den Betrachtungen dieser Ursprünge werden ihnen die Augen aufgehen. Sie werden sehen und begreifen. Die Jünger werden sich an die dreimalige Ankündigung seines Leidens und seines Todes und seiner Auferstehung (Mt 16,21; 17,22f; 20,17ff) erinnern. Auch das Ereignis auf dem Berg der Verklärung wird im neuen Licht erscheinen. Bei der Tempelreinigung als Jesus sagte, „Reisst diesen Tempel nieder und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“, lässt Johannes aus­drück­lich die Bemerkung fallen „Als Jesus von den Toten auferweckt war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus ge­sprochen hatte“ (Joh 2,22).

Damals sagten sich wahrscheinlich die Jünger: Hätten wir gewusst, dann wir hätten anders gehandelt“. Nur: Sie haben es gewusst. Sie alle waren in Galiläa. Eigentlich kam mit der Auferstehung Jesu nichts Neues hinzu, nur das Faktum, die Tatsache. Es ist in der Tat so geschehen, wie Jesus es gesagt hat. Aber: Sie alle waren in Galiläa und haben es gewusst.

Sie kennen gewiss viele solche Situationen in ihrem Leben, wo Sie im Nachhinein sagen müssen: „Eigentlich hätten wir es wissen müssen!“ oder „Hätten wir gewusst, dann hätten wir anders gehandelt!“ Haben wir es wirklich nicht gewusst?

Sogar in der heutigen Corona-Epidemie sagen viele: „Hätten wir gewusst, dann…“. Hand aufs Herz: Handeln wir nicht oft wider besseren Wissens – heute noch?

Wir Christen, wir waren alle in Galiläa als Jesus Blinden die Augen geöffnet, Lahme geheilt und uns die Frohbotschaft verkündet hat. Wir kennen die Worte von der Nähe des Reiches Gottes. Wir alle waren in Galiläa, als Jesus dort gewirkt hat. Eigentlich gibt es kein: „Hätten wir gewusst, dann…“

Jesus lässt deshalb bei der Erscheinung vor den Frauen seinen Brüdern ausrichten: „Geht nach Galiläa! Dort werden euch die Augen aufgehen.“ oder „Erinnert euch an alles, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war.“

Wenn wir Mühe haben, an Christi Auferstehung und an die Nähe des Reiches Gottes zu glauben, dann müssen wir zurück nach Galiläa. Wenn wir die scheinbare Ohnmacht Gottes in der Jetztzeit nicht versteht und mit dem Schwert dreinfahren wollen, dann müssen wir zurück nach Galiläa, um Ihn zu sehen.“

Es ist nicht unser Wissen, das uns zu Jüngerinnen und Jünger Jesu macht. Es ist das tatsächliche Gehen nach Galiläa, das uns Ihn sehen lässt. Es ist das tatsächliche Zurückgehen zu unseren Ursprüngen und Anfangsintentionen, die uns Ihn sehen lässt.

Denn es gibt kein „Hätten wir gewusst, dann…“

So lasst uns gehen nach Galiläa, um Ihn zu sehen.