Predigt von Abt Urban am Palmsonntag

05.04.2020

Im Rahmen des Pontifikalamtes zum Beginn der Heiligen Woche richtete Abt Urban Federer folgende Worte an die anwesende Klostergemeinschaft und die per Internet mit uns verbundenen Gläubigen:

Weit weg ist die Erfahrung der Spannung zwischen Palmsonntag und Karfreitag von unseren Erfahrungen ja nicht. Da wird einer zuerst als Hoffnungsträger gefeiert und dann fallgengelassen, weil er die Hoffnung nicht bringt, wie wir es gerne hätten. Auch wenn in diesen Tagen und Wochen bei uns sehr viel Solidarität gelebt wird, gibt es den Ausschluss von anderen Menschen auch in dieser Krisenzeit: Da sind etwa junge Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind, und die darum als «Looser», als Verlierer dastehen, denn diese Krankheit ist doch eine der Alten. Da sind ältere Menschen, auf die nun Rücksicht genommen werden sollte, die aber deshalb den Jüngeren den Spass verderben. Das Gefühl des Fallen-Gelassen-Werdens gibt es also auch heute.

Darum liebe Brüder und Schwestern geht es ab heute bis Ostern nicht einfach um einen Hoffnungsträger, der vor 2’000 Jahren fallengelassen und gekreuzigt wurde. Vielleicht können uns Karwoche und Ostern dieser Krisen-Zeit mehr als sonst vor Augen führen, was diese Woche mit uns zu tun hat. Ich versuche dafür, in drei Punkten meine Gedanken zum Matthäusevangelium zu sortieren.

1) Jesus zieht von Betfage am Ölberg vorbei in Jerusalem ein. Dabei musste er durch das Osttor reiten, später «Goldenes Tor» genannt, um in die Stadt zu gelangen. Das Goldene Tor wurde im 16. Jahrhundert durch die osmanischen Eroberer zugemauert, weil die Juden daran glauben, dass der Messias durch dieses Tor kommen wird. Der heutige Palmsonntag ist nicht zuerst Geschichte, sondern ein Bekenntnis. Jesus reitet durch dieses Tor und zeigt sich so als Messias, als Christus, dem wir heute im Sanctus der Messe das Hosanna zurufen, ihn sonst aber etwa im Kyrie als Kyrios, als Herr – Gott –, bekennen.

2) Das Goldene Tor führt direkt zum Tempelberg von Jerusalem, dem einstigen grossen Heiligtum des Judentums. Jesu Ziel ist der Tempel. Tatsächlich finden wir Jesus noch im gleichen Kapitel im Tempel: Er stösst Tische um, treibt Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus und er will, dass dieser keine Räuberhöhle sei. Diese Tat war wohl der Tropfen für ein überlaufendes Fass, diesen Hoffnungsträger des Volkes zu beseitigen, ihn zu kreuzigen. Jesus ist hier aber kein gutbürgerlicher Saubermann, der einen tadellosen Gottesdienstraum fordert. Vielmehr schreit er den Menschen ein Zitat aus dem Buch Jesaja entgegen: «Mein Haus soll ein Haus des Gebetes genannt werden.» Bei Jesaja selbst steht da noch genauer: «Mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden» (Jes 56,7). Für alle Völker, als auch für uns. Der Messias wirft bei der Tempelreinigung seinem Volk vor, seine Bestimmung vergessen zu haben. Es darf nicht nur für sich leben und Handel für seine Opfer treiben, sondern sollte Gottes Gegenwart für al-le Völker verkünden. Auch als Kirche haben wir eine Berufung, eine Sendung, eine Mission. Es reicht nicht, Hosanna zu rufen und dabei um uns selbst zu kreisen, um das Christentum rein zu bewahren. Jesus zieht heute in unser Heiligtum ein, damit unser Bekenntnis gleichzeitig unsere Sendung ist, wir also Gottes Gegenwart zu den Menschen bringen.

3) Das Goldene Tor in Jerusalem ist heute zugemauert, so wie unsere Kirchentüren heute verschlossen sind. Wie kann das Bekenntnis zu Jesus Christus denn nun das Heil zu allen Menschen bringen? Andere Tore haben sich geöffnet: unser Live-Stream, Social Media, die Solidarität am Telefon, das Gebet. Aber das sind nur Impulse aus unserer Gemeinschaft heraus, das ist unsere Gebetsgemeinschaft mit den Menschen, die mit uns verbunden sind. Das eigentliche Heiligtum, in das der Messias einzieht, ist nicht dieser Kirchenraum, sondern der Mensch, ist vor allem der getaufte Mensch, der Tempel des Hl. Geistes ist. «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?», ruft uns der hl. Paulus zu (1 Kor 3,16). Darum bist Du Mensch, ob hier in der Kirche oder zu Hause vor dem Computer berufen, Haus des Gebetes zu sein. Du bist berufen, eine lebendige Beziehung mit Gott zu pflegen – dort, wo Du jetzt bist. Du bist aufgerufen, Deine Berufung zu leben: das Heil Gottes, seinen Frieden, zu anderen Menschen zu bringen. Öffne verschlossene Türen bei der Nachbarin, lass nicht Leute fallen, die der Gesellschaft scheinbar nichts bringen, bring Hoffnung dorthin, wo der Zynismus regiert.

Du bist gesandt, Deine Berufung zu leben, Tempel Gottes für diese Welt zu sein. Das ist nicht nur angenehm, die Welt wartet nicht darauf und der Weg kann Dich zum Kreuz führen. Wenn Du aus einer lebendigen Beziehung mit Gott heraus lebst, wirst Du diesen Weg trotzdem gehen. Denn die Liebe Christi drängt Dich (vgl. 2 Kor 5,14). Und ich füge dem hinzu: Der Glaube an Ostern wird Dir helfen.

Bild: Leider viel die diesjährige Prozession in Erinnerung an Jesu Einzug in Jerusalem etwas einfacher aus als in früheren Jahren… Wir vermissen die Anwesenheit der Gläubigen im Kirchenschiff!