Predigt in der Osternacht

11.04.2020

Abt Urban Federer sagte in der Osternachtsfeier: „Verletzte Liebe findet in der Ostererfahrung nicht einfach eine neue Message, sondern Heilung: die Liebe findet darin ihre Quelle und ihr letztes Ziel.“ Hier können Sie die ganze Predigt nachlesen:

Haben Sie schon von «Ghosting» gehört? Ghosting meint das spurlose Verschwinden eines Menschen im digitalen Netz. Ja Ghosting ist im Netz schon fast eine Epidemie geworden. Da werden Beziehungen aufgebaut, vor allem über Dating-Plattformen. Es werden Gefühle geweckt, für jemanden wichtig zu sein. Menschen verlieben sich – und plötzlich bricht das Gegenüber die Beziehung ab, verschwindet wie ein Geist. Für viele Menschen ist es das einfachste Tool, sich aus Beziehungen zu ziehen, die sie nicht mehr wollen. Zurück bleiben Geghostete. Sie sind ihren Ge-fühlen des Verlassenseins aus dem Nichts überlassen und mit der Erfahrung, dass Vertrauen einfach so kommentarlos missbraucht wird – ohne die Chance, etwas dazu zu sagen, sich zu wehren.

So liebe Schwestern und Brüder und Schwestern kommt mir das heutige Osterevangelium vor. Hätten die beiden Frauen, die verzweifelt zum Grab Jesu gehen, im digitalen Zeitalter gelebt, sie hätte dauernd auf ihr Handy gestarrt: Er wird sich doch noch melden, oder? Der ist doch nicht wirklich wie ein Geist einfach weg!? Der ganze Jüngerkreis hat sein Leben wegen dieses Jesus auf den Kopf gestellt: Familien und Beruf wurden aufgegeben, um mit diesem Messias herumzuziehen. Und warum das? Damit er wie ein Verbrecher hingerichtet wird? Und der sich nicht ein-mal wehrt? Und dann hat er etwas von Auferstehung geschwafelt: Wo ist er denn jetzt? Lazarus hat man doch lebendig wieder gesehen. Aber dieser Jesus: Ein Hochstapler, einer, der gerne ghostet und damit Vertrauen missbraucht?

So quer die Gefühle beim Ghosting, so quer die Gefühle im heutigen Evangelium. Vielleicht haben sie es gemerkt: Nichts geht darin logisch auf, drei Geschichten sind ineinander verschachtelt – zwei Frauen gehen zum Grab, dann die Wächter, die als Zeugen ausgeschaltet werden, und dann eine Begegnung mit Jesus. Doch davor: Gefühlschaos. Die beiden Frauen müssen quasi so lange auf eine Nachricht gewartet haben, bis ihr Akku ausging. Jedenfalls tun sie überhaupt nicht, was wir alle vernünftigerweise tun würden: Wenn uns gesagt würde, wir sollten nachsehen, ob dieser Jesus nun noch im Grab ist, dann würden wir es tun, oder nicht? Aber statt Suche nach Sicherheit, weiteres Gefühlschaos: Die beiden Frauen gehen einfach weg, «voll Furcht und grosser Freude», heisst es da. So reagieren Menschen, die einerseits in ihrem Vertrauen und Hoffen tief verletzt wurden, und andererseits wieder etwas Akku haben – und jetzt hoffen, sie hätten vielleicht doch nur eine Nachricht verpasst. Oder ist da mehr?

Christus ist nicht ein Leichnam, der plötzlich wieder umhergeht, nicht ein Geist, der sich wieder zeigt, er zieht jetzt nicht einfach weiter und predigt. Ostern ist anders. Der hl. Paulus hat, als er den Römerbrief schrieb, sein Ostererlebnis schon einige Zeit hinter sich. Für ihn heisst Ostern, als Getaufte wie der zum Leben erweckte Christus in der «Wirklichkeit des neuen Lebens» zu leben. So chaotisch das Evangelium, so klar formuliert der Römerbrief: «So begreift euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.» Die ältesten Osterzeugnisse sagen also nicht: Mit Ostern sind Deine Verletzungen vergessen, Dein Chaos weg, alles ist wie vorher. Nein, Paulus reflektiert seine Erfahrungen und sagt: wir sind für die Sünde tot – für alles, was uns von Gott trennt, uns beziehungslos zu ihm macht – und in Jesus Christus finden wir dieses wahre Leben, finden wir zurück zu Gott! Paulus diskutiert unsere Probleme und Leiden nicht weg, sondern stellt sie in ein neues Licht, in die Wirklichkeit des Lebens von Gott her. Verletzte Liebe findet in der Ostererfahrung nicht einfach eine neue Message, sondern Heilung: die Liebe findet darin ihre Quelle und ihr letztes Ziel. Enttäuschte Hoffnung führt nicht in die Vereinsamung, sondern zu mehr Leben. Ostern stellt also nicht einfach alles wieder her, sondern führt uns weiter: in das Leben in Gott hinein – mit all unseren Erfahrungen von Verlassen- und Nicht-ernst-genommen-Sein.

Das war jetzt kompliziert! Aber mir geht es eben wie dem Evangelisten Matthäus: Ich stottere, suche nach Worten, und kann doch nicht wirklich erklären, was Ostern ist. Darum machen Sie doch zu Hause einfach das, was wir hier zu Beginn der Feier gemacht haben: Nehmen Sie eine Kerze zu sich, die nicht brennt – Sie können ja auch eine auslöschen. Diese steht für das Ghosting: Ihr Licht, ihr Feuer ist weg. Sie könnten die Kerze nun einfach für sich selbst wieder anzünden. Aber so wäre nur alles wie vorher. Und würde das Ihnen Ihr inneres Feuer zurückbringen? Wenn Sie mehrere vor dem Bildschirm sind, zünden Sie sich nun gegenseitig die Kerzen an, geben Sie Licht weiter. Und wenn Sie allein sind, dann zünden sie mit der einen Kerze mehrere an. Ostern heisst, Licht von Gott her zu nehmen und weiterzugeben. So entsteht der Raum einer Wirklichkeit von neuem Leben, in der Hoffen und Lieben immer möglich ist. Amen.