Predigt am Weissen Sonntag, 19. April 2020

19.04.2020

«Wer die Bedeutung der Leiblichkeit für den Glauben als wenig wesentlich streichen will, geht Gott aus dem Weg.» – Pater Theo Flury plädierte in seiner Predigt für einen «handfesten» Glauben. Hier zum Nachlesen:

Liebe Brüder und Schwestern

Thomas, der Ungläubige, sagen mit Jesus die einen, Thomas, der Zweifler die andern.

Thomas der Handfeste – wäre nicht auch dieses Attribut zutreffend? Thomas muss zuerst mit eigenen Augen sehen, dann erst kann er glauben. Jesus geht ihm entgegen: er lässt ihn sich sogar berühren.

Muss der christliche Glaube nicht grundsätzlich auf etwas Handfestem aufruhen? Diese Frage lässt sogleich an den ersten Vers des 1. Johannesbriefes denken: «Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, verkünden wir: das Wort des Lebens».

Das Kernelement des christlichen Glaubens aber ist das Ereignis der Auferstehung Jesu. Paulus hält fest: Wäre Christus nicht wirklich auferstanden, wären wir Christen die törichtesten aller Menschen.

Wie Christus auferstanden ist, darüber sagt uns die Heilige Schrift wenig. Anschaulich gemacht wird sie irgendwie durch die Verklärungsszene auf dem Berg Tabor, die lichtvoll das vorausnimmt, was dunkel und leidvoll kurze Zeit später in Jerusalem geschehen soll. Aber dass Christus auferstanden ist (oder vom Vater auferweckt worden ist, wie einige Autoren sagen), darüber will das Wort der Schrift keinen Zweifel aufkommen lassen. Darauf wird nicht nur alles Weitere gebaut. Erst in dieser Perspektive wird auch alles Frühere verständlich und empfängt von ihr her seinen Sinn.

Das Wort, der göttliche Logos, ist an Weihnachten Fleisch geworden, Leib, Körper, weder Gedanke noch Traum oder Wunschbild. Grundlegender für unseren Glauben als Intuitionen, Gedanken und Bilder ist der Leib. Er ist es, der Beziehung und Verbindlichkeit schafft. Wir leben von Berührung, denn diese bedeutet verlässlichen, handfesten Kontakt mit der uns umgebenden Wirklichkeit.

Gott wählt diesen dem Menschen naturgemässen Weg, um sich zu offenbaren. Wirklichkeit Gottes heisst immer auch Leiblichkeit. Gott wird Leib im Schoss der Jungfrau Maria, Jesus hat als wirklicher Mensch gelebt: Er hat gegessen und getrunken, er hat sein Gewand berühren lassen und Hände aufgelegt, er hat seinen Jüngern die Füsse gewaschen, eine Frau hat ihm die Füsse mit kostbarem Öl gesalbt, sie mit ihren Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Derselbe Leib ist gegeisselt und gekreuzigt worden. Derselbe Leib ist verklärt auferstanden und hat sich den Jüngern auf unterschiedliche Weise gezeigt. Denselben Leib durfte Thomas berühren und mit den Händen in die verklärten Wunden fassen, die zu verstehen geben, dass der Auferstehungsleib zwar unbegreiflich anders gestaltet ist als der sterbliche Leib, dass es sich im Wesentlichen aber doch um den gleichen Leib handelt. Jesus und der verklärte Christus sind ein und derselbe. Aus dieser leibhaften, körperlichen Erfahrung bricht es aus Thomas hervor: „Mein Herr und mein Gott!“

Wer die Bedeutung der Leiblichkeit für den Glauben als wenig wesentlich streichen will, geht Gott aus dem Weg.

Doch dürfen wir bei dieser Einsicht nicht stehen bleiben. Jesus sagt nämlich weiter zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig aber sind jene, die nicht sehen und doch glauben.

Trifft diese Seligpreisung nicht gerade auf uns zu? Wir leben schon lange nicht mehr zur Zeit der Urkirche. Uns erscheint der Auferstandene nicht mehr so, wie er damals den Jüngern und später noch dem Apostel Paulus erschienen ist.

Aber: damals, am Anfang, haben Andere für uns gesehen und berührt. Wir haben nicht ins Blaue hinaus zu glauben. Es fragt sich einfach, ob wir der langen Kette der Zeugen der Auferstehung Jesu Christi glauben können und wollen. Wer der jahrtausendealten Tradition der Glaubenszeugnisse nicht vertraut oder nicht vertrauen kann, dem hat sich ein grundlegender Zugang zum Glauben selbst verschlossen. Dieser ist allerdings zuerst immer Gnade; sollte Gott diese aus einem Grund nicht gewähren, wäre das für den betreffenden Menschen vielleicht gar nicht so tragisch, denn der Auferstandene kann in seinem verklärten Leib sogar durch verschlossene Türen, auch durch die verschlossenen Türen der Herzen, eintreten und sagen: «Der Friede sei mit dir!» Die Stunde und die Weise dieser Begegnung bestimmen jedoch nicht wir.

Während der gegenwärtigen durch die Abwehr des Coronavirus geprägten Zeit haben viele eine grosse Angst vor dem Zusammenbruch der Wirtschaft, die meisten aber vor Ansteckung, Krankheit und Tod. Körperliche Distanznahme ist deshalb angesagt und wird gelegentlich sogar etwas zelebriert. Luigi di Maio, der italienische Aussenminister, hat kürzlich in einer Rede weder das Eine noch das Andere in den Vordergrund gestellt. Was er in der notwendig gewordenen Isolation am meisten vermisse, seien – die Umarmungen! «Wir Italiener sind ein offenes, liebevolles, herzliches Volk, und die Umarmungen vermissen wir alle. Aber ich bin sicher, dass wir bald wieder aufstehen werden.» Möge für den jungen Politiker aus unserem Nachbarland und für uns alle Ostern auch in diesem Sinn in nicht allzu ferner Zukunft Wirklichkeit werden. In den Umarmungen der Menschen kann uns der menschgewordene Gott selbst umarmen und uns den Glauben schenken – den Glauben an das Leben, an die Menschen, an uns selbst und an die Auferstehung.

Amen.

Zum Bild: Der Sonntag, welcher die Osteroktav beschliesst, trägt verschiedene Namen. Neben «Weisser Sonntag» heisst er seit dem Jahr 2000 auch «Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit». Daran erinnert das bekannte Bild des «Barmherzigen Jesus» beim «Rosenkranzaltar» in unserer Klosterkirche. Das Bild geht auf eine Vision der heiligen Faustina Kowalska (1905 – 1938) zurück. Gerade auch in diese Zeit hinein hat es eine starke Botschaft: Gott hat ein offenes Herz für uns und lädt uns zum Vertrauen ein.