Predigt am Ostersonntag, 12. April 2020

12.04.2020

Am Ostersonntag ermutigte Pater Philipp Steiner die Mitfeiernden zur Suche des Auferstandenen inmitten der Coronakrise.  Er hielt im Rahmen des festlichen Pontifikalamtes mit Abt Urban Federer und der Einsiedler Klostergemeinschaft folgende Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder!

Dieses Osterfest ist anders. Die Coronakrise verunmöglicht viele unserer traditionellen Osterbräuche: Am Ostermorgen kann kein Gottesdienst in der heimatlichen Kirche gefeiert werden, der Besuch bei Eltern und Grosseltern muss über Telefon oder Skype stattfinden und Stau am Gotthard gibt es heuer auch nicht, weil «Ostern im Süden» nicht möglich ist.

Ein bekannter Osterbrauch aber ist aber immer noch möglich, und ich nehme an, dass dieser in so mancher Familie auch an diesem Osterfest praktiziert wurde: das Ostereier- oder Osternestsuchen. Ich selbst erinnere mich sehr gut an diese spannenden ersten Minuten am Ostermorgen. Mein Bruder und ich hatten jeweils unsere liebe Mühe, die immer neuen und ausgeklügelten Verstecke meiner Mutter ausfindig zu machen.

Wer weiss, wie sehr ich Süsses liebe, kann sich die Tortur während dieser bangen Minuten etwas besser vorstellen…

Ja, das Ostereiersuchen oder – die etwas grosszügigere Variante – das Osternestsuchen ist eine schöne Sache.

Übrigens wird der Osterhase bereits im Jahre 1678 erstmals erwähnt. Seine Aufgabe des Eierbringens ist jedoch um einiges jünger: Erst vor rund 100 Jahren begann man vom eierlegenden Osterhasen zu sprechen. Zuvor übernahmen andere Tiere diese Aufgabe. Diese variierten von Region zu Region. Manchmal war es ein Kuckuck oder ein Fuchs, ein Storch oder auch ein sogenannter «Ostervogel». Es waren also vor allem Vögel, die den Kindern die Ostereier brachten. Dabei wurde erzählt, dass diese am Gründonnerstag nach Rom flogen, um die Ostereier abzuholen. Am Karsamstag traten sie dann ihre Rückreise an und warfen die Ostereier willkürlich über Gärten und Felder. Die Kinder mussten die Eier dann am Morgen des Ostersonntags nur noch finden. Daraus also ist unser heutiger Brauch des Eierversteckens und Osternestsuchens entstanden.

Aber ist das nun nicht etwas gar weltlich, wenn ich in der Osterpredigt für die Ostereiersuche Werbung mache? Was hat dieser Brauch mit der Auferstehung zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Oder etwa doch?

Im vorhin gehörten Evangelium (Joh 20, 1–18) ging es doch auch um das Suchen. Freilich geht ein harmloser Grabbesuch dem Suchen voraus. Erst nach der Entdeckung des leeren Grabes macht sich Maria Magdalena auf die Suche nach dem vermeintlich weggebrachten Leichnam ihres Meisters.
Als sie diesen nicht auf Anhieb findet, bittet sie Petrus und den Lieblingsjünger, ihr bei der Suche zu helfen.

Wir hören im Osterevangelium also von einer gemeinsamen Suche. Dabei findet die Suche der beiden Apostel aber ein ziemlich schnelles Ende. Der Jünger, den Jesus liebte, «sah und glaubte» (Joh 20,8), Petrus aber scheint einfach nur irritiert gewesen zu sein und konnte sich auf das Gesehene keinen Reim machen. Doch Maria Magdalena sucht weiter. Sie lässt nicht locker und beginnt fast schon wie eine moderne Detektivin die Ermittlungen: Sie beginnt mit der Zeugenbefragung. Oder besser gesagt: Sie wird zuerst einmal selbst befragt. Denn am leeren Grab sitzen zwei Engel und fragen sie: «Frau, warum weinst du?» (Joh 20,13). Die Engelserscheinung scheint die Jüngerin nicht besonders zu überraschen und sie gibt Antwort. Doch dann übernimmt wieder sie die Initiative. Sie wendet sich an den vermeintlichen Gärtner und fragt nach sachdienlichen Hinweisen: «Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast!» (Joh 20, 15). Und dann kommt die grosse Überraschung: Im Nennen ihres Namens erkennt sie den geliebten Herrn. Der Tote lebt! Die Suche findet hier ihren vorläufigen Abschluss.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Ostereiersuche kann vielleicht auch als säkularisiertes und damit auch zwangläufig banalisiertes Symbol für das Suchen nach dem Auferstandenen gedeutet werden. Es ist eigentlich schade, dass das Suchen – abgesehen von einer Bitte an den heiligen Antonius beim Verlegen des Autoschlüssels – weitgehend in unserer religiösen Praxis fehlt.

Etwas anders sieht es im benediktinischen Mönchtum aus. Denn eigentlich sind wir Mönche von Berufs wegen «Gottsucher». Der heilige Benedikt schreibt in Kapitel 58 «Über die Aufnahme von Brüdern»: «Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht, ob er Eifer hat für den Gottesdienst, ob er bereit ist zu gehorchen und ob er fähig ist, Widerwärtiges zu ertragen» (RB 58,7). Die Gottsuche ist also das erste und wesentliche Kriterium, ob jemand eine monastische Berufung hat: «Man achte genau darauf, ob der Novize wirklich Gott sucht.»

Die Gottsuche ist der geistliche Motor für das klösterliche Leben. Doch muss man sich stets bewusst sein: die Initiative liegt bei Gott. Der amerikanische Trappist Thomas Merton (1915-1968) schreibt deshalb zurecht: «Keiner kann Gott finden, der nicht zuerst von Gott gefunden worden ist. Ein Mönch ist ein Mensch der Gott sucht, weil er von Gott gefunden worden ist.»
Auch bei Maria Magdalena und bei den Jüngern stand die Initiative Jesu am Anfang: Der Suche geht die Berufung und ein längerer gemeinsamer Weg voraus. Man sucht ja nur nach dem, was man liebt. Der Suche geht folglich meist auch die Erfahrung des Verlustes oder des Habenwollens voraus.

Liebe Mitbrüder, als «Gottsucher» sind wir Mönche österliche Menschen. Die deutsche Benediktinerin Manuela Scheiba hat darum den schönen Satz geprägt: «Ostern ist eine Art Notenschlüssel, nach dem das Lied des Lebens in einem Benediktinerkloster gesetzt ist.» Dieses Osterfest kann uns einladen, uns neu auf die Suche nach Gott zu machen. Das Osterevangelium zeigt uns, wie sehr die Gottsuche ein Gemeinschaftsunternehmen ist: Maria Magdalena und die beiden Jünger sind gemeinsam auf der Suche und die Frohe Botschaft des Auferstandenen findet in der Gemeinde der Jünger ihren Resonanzraum. Ein schönes Bild auch für unser Klosterleben! Doch das Suchen sollen wir aber im Alltag immer wieder einüben. Die Ostereiersuche kann uns heute daran erinnern. Darum hat der Osterhase heute Morgen an euren Sitzplätzen im Chorgestühl Eier versteckt. Findet ihr sie?

Während meine Mitbrüder nun beschäftigt sind, möchte ich mich abschliessend an Sie, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, wenden. Die aktuelle Coronakrise ist eine Einladung an Sie, wie wir Mönche zu Gottsucherinnen und Gottsucher zu werden. Die «ausserordentliche Lage» macht ihr Zuhause ja auch fast zu einer klösterlichen Klausur…

Gott macht die Suche in diesen Tagen und Wochen besonders spannend, denn an den üblichen «Verstecken» wie Eucharistie und Beichtsakrament ist er aktuell nicht zu finden. Wir müssen den Radius für die Gottsuche also ausweiten und nach weiteren «Verstecken» suchen. Auch hier spricht die Ostererfahrung der ersten Jüngerinnen und Jünger direkt in diese Krisenzeit hinein: Sie bleiben nämlich nicht am leeren Grab stehen, sondern werden zurück in den Alltag geführt.
Denn der Engel sprach zu den Frauen am Grab: «Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat» (Mk 16,7). Und die beiden Jünger waren auf den Weg nach Hause, als sie unterwegs von einem Unbekannten begleitet werden und den sie anschliessend in ihrem Zuhause beim gemeinsamen Mahl als den Auferstandenen erkennen (Emmausgeschichte bei Lk 24, 13–35).

Liebe Schwestern und Brüder, ich gebe ihnen nun keine heissen Tipps, wo Sie den Auferstandenen neben den Sakramenten finden können. Seien sie kreativ, lassen Sie sich überraschen und erinnern Sie sich an das Wort von Thomas Merton: «Keiner kann Gott finden, der nicht zuerst von Gott gefunden worden ist.» Das ist die erste und wichtigste Ostererfahrung.

Amen.