Predigt am Karfreitag, 10. April 2020

10.04.2020

Pater Lorenz Moser richtete während der Karfreitagsliturgie folgende Worte an unsere in der Klosterkirche versammelte Mönchsgemeinschaft und die mit uns über den Livestream verbundenen Menschen:

Liebe Mitbrüder hier in der Klosterkirche, liebe Brüder und Schwestern, die Sie sich zu Hause vor dem Bildschirm unserem Gottesdienst angeschlossen haben.

Es lohnt sich wohl, kurz innezuhalten und nochmals zurückzublicken auf die Passionsgeschichte, die wir soeben gehört haben. Dabei möchte ich für einmal nicht die Hauptperson, Jesus Christus, sondern ein paar der Mitspieler in diesem Drama ins Auge fassen, die der Evangelist Johannes besonders pointiert dargestellt hat. In ihnen kommen verschiedene Facetten unseres Menschseins zum Ausdruck, die uns wohl nicht ganz fremd sind. Vielleicht entdecken wir da und dort Ähnlichkeiten mit unserem eigenen Denken und Handeln: eine Einladung, uns zu besinnen.

Da sind einmal die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer, die Vertreter des Gesetzes und der Gesetzesfrömmigkeit: sie „haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben“, doch es ist ihnen nicht erlaubt „jemanden zu töten“; da sie aber Jesus weghaben wollen, nehmen sie ausgerechnet den Dienst jener politischen Macht in Anspruch, die ihnen sonst ein Dorn im Auge ist. Eine unheilige Allianz könnte man das nennen. „Wo ein Wille, da ein Weg“, auch im Bösen!

Da ist Pilatus, der „keine Schuld an ihm findet“, was er mehrmals betont, Jesus aber nach einigem Hin und Her trotzdem ausliefert und zur Kreuzigung übergibt, um dem Volk einen Gefallen zu tun und selber seine Ruhe zu haben, und vor allem um seine Gunst beim Kaiser nicht zu verspielen. Sich zurückziehen, um mit der Sache nichts mehr zu tun zu haben, entlastet nur scheinbar und ist auch eine Form von schuldig sein; da wird durch Unterlassen des Guten gesündigt.

Da sind die Jünger, die es mit der Angst zu tun bekommen, die fliehen und nötigenfalls, wie Petrus, ihren Herrn gar verleugnen, um unbehelligt davonzukommen. Sich distanzieren, um nicht selber dranzukommen. Feiglinge möchte man fast sagen, doch ein solcher Rückzug ist nur allzu verständlich, ist doch der Selbstschutz tief in unserer Natur verwurzelt! Wer von uns hätte da nicht gleich reagiert?

Und schliesslich sind noch all jene zu nennen, die ihn verspotten mit dem höhnischen, naheliegenden Hinweis: wenn er wirklich der Messias wäre, dann müsste er sich doch selber retten können. „Steig herab vom Kreuz“ – aber eben, du kannst es ja nicht, darum bist du auch nicht der Messias!
Ganz anders die Frauen, die ihm von Ferne folgen, vor allem die drei, die zusammen mit dem Apostel Johannes unter dem Kreuze stehen; allen voran Maria, die Mutter des Herrn, die es nicht übers Herz bringt, ihren Sohn allein zu lassen. Sie bleiben ihm nahe, halten ihm die Treue bis zum Letzten. Auch das ist Gott sei Dank möglich!

Wo stehen wir in dieser Passionsgeschichte? Sind wir blosse Zuschauer, die die Geschichte als schon lange bekannt wieder einmal hören, uns aber nicht weiter darauf einlassen, weil wir schliesslich viel anderes zu tun haben? Gehören wir zu den Skeptikern, die das Heil der Welt und unsere Zukunft überall anderswo suchen, nur nicht bei unserem Herrn? Oder glauben wir wirklich an den Gekreuzigten als unseren Herrn und Erlöser und vertrauen wir auf sein Wirken zum Heil der Welt?

Die spezielle Krisenzeit, in der wir gegenwärtig stehen, gibt uns viel Zeit und Gelegenheit, uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Doch aufgepasst: diese Krise führt nicht automatisch zu mehr Glauben, weder bei uns noch bei anderen. Hoffnung und Verzweiflung stehen oft sehr nahe beieinander, wie der Evangelist Lukas mit den beiden Schächern sehr anschaulich zum Ausdruck bringt: Der eine anerkennt Jesus als Erlöser, der andere lästert ihn, weil er ihm und sich selber nicht helfen kann.

Da wird deutlich sichtbar, dass der Glaube ein Geschenk ist. Danken wir von Herzen, wenn wir dieses Geschenk haben. Bitten wir um Stärkung und Vertiefung dieses Glaubens. Und bitten wir, dass immer mehr Menschen diesen befreienden Weg des Glaubens entdecken und bereit sind, sich auf ihn einzulassen. Das ist bei allen menschlichen Bemühungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, die ebenfalls nötig sind, der wichtigste und wertvollste Beitrag zur Bewältigung der heutigen weltumspannenden Krise.

Amen