Predigt am Hohen Donnerstag, 9. April 2020

09.04.2020

Im Rahmen der Abendmahlsfeier am Hohen Donnerstag hielt Pater Thomas Fässler eine eindrückliche Predigt, die wir hier gerne wiedergeben:

Wie viele Male hat uns in den letzten Jahren, liebe Schwestern und Brüder, die Feier der Heiligen Tage mitten im Alltag erwischt, ja uns schon fast überrascht, weil diese Tage regelrecht über uns hereingebrochen sind, ohne dass wir wirklich innerlich darauf vorbereitet waren? Es musste ja jeweils auch dies und das unbedingt noch erledigt werden, bevor alle in die Ostertage fuhren. Das meiste davon fällt dieses Jahr weg. Ja, vieles, das wir uns sonst so gewohnt waren, ist seit einigen Wochen nicht mehr möglich, das meiste davon vermeintlich Selbstverständliches. Der Blick in ihre Agenda zeigt wohl dasselbe Bild wie bei mir: Lauter gestrichene Termine. Bei einigen war ich – ich gebs zu – wenig traurig darüber, dass sie nicht stattfanden, bei anderen hingegen schon, weil ich mich darauf gefreut habe, zum Teil sogar sehr. Vielen von uns wurde dafür anderes geschenkt: Viel Ruhe und Beschaulichkeit. Eine Pause in einer Welt, die sonst nach immer mehr, nach immer schneller und nach immer besser schreit – und sich dabei völlig überhitzt. Wir haben Zeit geschenkt bekommen für Dinge, für die wir uns sonst kaum Zeit nehmen. Leute haben mir geschrieben, wie sie sich schon lange nicht mehr an einer so schön aufgeräumten und geputzten Wohnung haben freuen können. Wir hatten Zeit für ein Buch, das wir vielleicht schon lange mal lesen wollten; Zeit für ein langes Telefongespräch mit einer Person, bei der wir uns schon lange nicht mehr gemeldet hatten; Zeit für ein gemeinsames Spiel in der Familie. Wir entdeckten, wie viel Spass die Arbeit im Garten machen kann. Und nicht zuletzt hatten wir Zeit, uns auf das Geschehen vorzubereiten, das wir jetzt gemeinsam feiern dürfen. Ostern wird so für viele von uns in diesem Jahr zu einem besonders intensiven Erlebnis, auch wenn sie – ja vielleicht gerade weil sie nicht selbst hier in der Kirche dabei sein können.

Bis vor Kurzem hätten wir uns wohl nie vorstellen können, dass wir uns für all dies jemals derart einschränken könnten. Ja, wir hätten uns die Ruhe nie selbst gegönnt; sie musste uns regelrecht aufgezwungen werden, damit wir sie geniessen können. Und plötzlich war das Unvorstellbare möglich. Plötzlich haben wir auch Zeit, uns den grossen Fragen zu stellen, zu denen wir sonst gar nicht kommen: Wer ist der Mensch? Was sind die anderen für mich und was bin ich für die anderen? Auch wenn wir vielleicht selbst keine Angst davor haben müssen, dass das Corona-Virus für uns lebensbedrohlich ist, so ist uns doch schlagartig die Endlichkeit auch unseres Lebens bewusst geworden. Vielleicht nicht jetzt unmittelbar durch eine drohende Ansteckung: Aber irgendwann sehen wir uns doch vor unserer letzten Stunde – jede und jeder von uns. Unausweichlich. Was wird mir in diesem Moment wichtig sein? Was möchte ich dann den Meinen hinterlassen?
In dieser Feier gedenken wir der letzten Stunden Jesu. Er war sich des nahenden Todes bewusst, er aber ganz allein. Selbst seine engsten Vertrauten ahnten nichts davon. Jesus aber sah nun die Stunde gekommen, seinen Jüngern nach einer langen Zeit des Hinführens zu genau diesem Punkt hin drei Dinge als Vermächtnis zu hinterlassen – drei Dinge, die sie nie vergessen sollten: Das erste ist das Vertrauen auf das Weiterleben nach dem Tod – und zwar in ganz neuen, ungeahnten Dimensionen, sodass dieses neue Leben nach dem Tod nicht einfach eine Verlängerung dessen ist, was wir schon hier auf Erden haben, auch an Leiden und Sorgen. Das betrifft unsere Beziehung zu uns selbst, zu meinem Sein. Das zweite Vermächtnis Jesu ist das Geschenk seiner tröstenden und stärkenden Gegenwart in der heiligen Eucharistie: Die Möglichkeit, Christus bei uns zu wissen, auch ohne ihn sehen und be-greifen zu können. Dies betrifft unsere Beziehung zu Gott. Das letzte Vermächtnis schliesslich betrifft unsere Beziehung zu den anderen, die geprägt sein soll vom gegenseitigen Dienen. Das wollte Christus ja ausdrücken im unglaublich starken Bild der Fusswaschung. Wer der Grösste sein will, der soll der Diener aller sein. Und wer Gott nahe sein will, der trifft ihn im Dienst am Menschen.

In den letzten Tagen und Wochen haben wir über die Medien und im persönlichen Leben viele schöne Zeichen des gegenseitigen Dienens erfahren dürfen: Angefangen von aufopfernden Pflegenden in den Spitälern bis hin zu grosser Solidarität in der Nachbarschaft. Fremde rücken zusammen, tragen sich gegenseitig durch diese Herausforderung. Wir hätten alle viele Geschichten davon zu erzählen. Ich bin tief berührt von alledem. Wir können heute in diesem Gottesdienst auf die rituelle Fusswaschung verzichten, weil in letzter Zeit im Alltag schon so oft Füsse gewaschen worden sind.

Nicht alles, worauf wir nun verzichten müssen, ist ein Verlust. Allerdings ist mir auch bewusst: Vieles vermissen wir von ganzem Herzen, vieles, was uns wirklich gut tut. Wir würden gerne rausgehen, etwas unternehmen, Leute treffen. Und ich weiss: Es gibt auch Leute, die nun viel mehr als sonst zu tun haben, auch im Kloster. Ich höre von vielen Spannungen, die durch das plötzlich so enge Zusammenleben von Menschen entstehen. Und da gibt es natürlich die Kranken, die Sterbenden, die überarbeiteten Pflegenden, jene, die sich vor einer Ansteckung fürchten, und jene, die dieser Lockdown wirtschaftlich arg trifft, ja die gar vor einem finanziellen Ruin stehen. Nicht zu vergessen sind auch die weltpolitischen Herausforderungen und Probleme, an die nun niemand mehr denkt. Ich wünsche mir deshalb auf keinen Fall, dass es die Umstände erfordern, dass diese ausserordentliche Lage noch sehr lange anhält. Was ich mir aber wünsche, ist, dass wir alle etwas aus dieser Krise mitnehmen – etwas, das mit dieser unserer Feier hier eng zusammenhängt: Dass sich in unserem Leben nachhaltig etwas ändert. Dass wir herausfinden, was wir wirklich brauchen und was uns wirklich gut tut. Dass wir nach der Überwindung dieser Krise nicht einfach wieder in die alten Fahrwasser geraten. Sondern dass wir gemeinsam eine neue Welt gestalten, in der Gott und der Mensch im Mittelpunkt stehen, in der wir Zeit füreinander haben und Zeit für uns selbst, und in der sich nicht alles um Gewinnmaximierung und Kosten-Nutzen-Denken dreht. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin einander die Füsse waschen. Dass wir das Vermächtnis Jesu, das er uns im Abendmahlssaal hinterlassen hat, in unserem Leben umsetzen. Zeit dafür, um nachzudenken, wie wir dies auch dann konkret tun könnten, wenn wieder etwas mehr Normalität herrscht, haben wir ja genug. Es gibt viele Stimmen, die bezweifeln, dass sich wirklich nachhaltig etwas ändert. Ob sie recht haben oder ob sich mein Wunsch erfüllt, das hängt auch von uns ab – von uns allen, von ihnen und mir.

Amen.

Bild: Das Kuppelfresko von Cosmas Damian Asam in unserer Klosterkirche veranschaulicht das Mahl am Abend vor Jesu Leiden. Man beachte, wie die Sitzbänke für die vorausgegangene Fusswaschung links aus dem Bild getragen werden.