Bild: Foto des Einsiedler Exemplars eines Dornes aus der Dornenkrone Christi. Die Reliquie wird im Kloster aufbewahrt.
Bild: Foto des Einsiedler Exemplars eines Dornes aus der Dornenkrone Christi. Die Reliquie wird im Kloster aufbewahrt.

Karwochenpredigten 2020 zum Nachlesen

07.04.2020

Am Palmsonntag sowie am Montag und Dienstag in der Karwoche hielten drei Mönche unseres Klosters die sogenannten «Karwochenpredigten». Sie können die Impulse von P. Martin, P. Markus und P. Philipp hier nachlesen.

Erste Karwochenpredigt von Pater Martin Werlen am 5. April 2020

Gott sei Dank ist es nicht wie immer!

Guten Abend, liebe Schwestern und Brüder daheim

In dieser Zeit ist unser Glaube ganz gehörig herausgefordert. Jetzt merken wir: Es genügt nicht, einfach zu tun, was wir uns gewohnt sind. «Es war immer so» ist jetzt plötzlich nicht mehr. Auch in unserem Glaubensleben.

Unser Glaube muss offensichtlich mehr sein, als am Sonntag zur Eucharistiefeier gehen. Und in der Predigt – selbst im livestream – reicht es nicht mehr, ein paar fromme Sprüche zu machen. Was die dichtende Nonne Silja Walter schreibt, gilt jetzt besonders: „Lieber nicht von Gott reden als in der alten, verdreschten, verbrauchten Sprache.“

Allerdings, das alles gilt eigentlich nicht erst seitdem das Coronavirus unangemeldet auf Besuch gekommen ist. Unser Glaube ist nicht das Wiederholen von Theorien oder das Aufrechterhalten von Systemen. Unser Glaube ist auch nicht das Einhalten von Forderungen, die von oben kommen. Das alles wird in diesen Tagen deutlich.

Dieses Jahr sind die Heiligen Tage nicht wie immer. Gott sei Dank! Denn jedes Jahr, wenn diese Heiligen Tage sind wie immer, haben wir noch nicht viel verstanden, was für eine Kraft und was für eine Freude unser Glaube ist. Grossartige Rituale – selbst die grössten Feiern – können so leer werden, wenn ihre Mitte fehlt. Solche Rituale sind zum Davonlaufen. Das haben wir in den vergangenen Jahrzehnten zur Genüge erfahren.

Unser Glaube aber ist lebendige Beziehung mit Jesus Christus. Das haben die Menschen gemerkt, die ihm vor 2000 Jahren zugehört haben. Hören wir dazu nur einmal aufmerksam einen Satz aus dem Matthäusevangelium – Mt 7,28-29:

«Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.»

Ich versuche, das hier Gesagte mit eigenen Worten zusammenzufassen: Jesus ist bei den Menschen angekommen. Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten seiner Zeit. Mit diesen hatte Jesus übrigens seine grosse Mühe.

Jesus kommt bei den Menschen an! «Genau, das ist es!», werden jetzt einige sagen. «Das ist es, was ich auch in der Kirche erfahren möchte!»

Passiert jetzt in der Kirche nicht genau das? Menschen realisieren, dass Jesus da ist. Nicht, weil alles so läuft wie immer. Im Gegenteil. Wenn jetzt Weisungen von oben kommen, tönt das ganz komisch. Noch komischer als sonst. Oder einfach peinlich. Jetzt berühren Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger, die mit den Menschen in ihrer Not sind – Gott-Suchende in dieser Zeit.

Wo auch immer wir in Sachen Glauben stehen: Wir alle sind herausgefordert. Als Glaubende sind wir herausgefordert, in unserem Glaubensleben nicht an der Oberfläche zu bleiben, im Gewohnten. Genau, das ist es! Die Krisensituation, in der wir jetzt sind, ist eine Herausforderung, tiefer glaubend zu werden. Das gilt für uns alle – besonders für uns, die wir den Predigtdienst innehaben. Silja Walter bringt es in einem Gedicht auf den Punkt:

Die Nacht steht wie ein Zelt
um alle Welt.
Ich höre, wie du darin sprichst
zum Menschen,
der im Schweigen auf dich lauscht.
Du redest jetzt zu mir,
wie es dir nie gelang, weil ich dich nicht vernahm,
tagsüber im Getriebe.

Unser Glaube ist nicht ein Systemdenken, sondern Begegnung. Interessant ist, wie Silja Walter das als Kind erfahren hat. Aber wohl nicht nur Silja Walter, sondern wir alle. Beten war Sprechen mit dem Gott, der da ist. «Beten ist wie mit einem guten Freund reden», so sagt es die heilige Teresa von Avila. Leider haben viele von uns das verlernt.

Hören wir einmal hinein, wie es Silja Walter als Kind ergangen ist. Sie hat von ihren Erfahrungen der Kinderfrau Anna erzählt. Wie diese darauf reagiert hat? «Aber nein, was denkst du dir, ist ja zum Lachen. … Aber nein, so etwas, das geht doch nicht. … Jesus hat das nicht so gesagt.» Und was ging der kleinen Silja durch den Kopf? «Ich weiss doch wohl, dass Jesus, Annas Jesus, nicht so redet. Aber mein Jesus kann doch mit mir reden, wie er will, da braucht er doch nicht unsere Kinderfrau zu fragen, was er mir sagen darf.»

Lassen auch wir Jesus zu uns sprechen – zu uns ganz persönlich. Das berührt. Das bewegt. Wir merken, da spricht einer, der Vollmacht hat. Der ist glaubwürdig. Wenn wir in dieser Krisenzeit die Beziehung zu Jesus Christus neu entdecken, dann geschehen auch heute Wunder. Dann ist auch unser Alltag nicht mehr wie immer. Unser Glaube wird Leben. Wir lassen uns vom Wort Gottes treffen und rufen mit Silja Walter staunend aus: «Das Wort ist Brot geworden.»

Ich erfahre es immer wieder als grosses Geschenk, wenn ich mit anderen Menschen über solche tiefen Erfahrungen austauschen kann. Leider treffe ich auch Menschen wie Anna, die einfach sagen: «Aber nein, was denkst du dir, ist ja zum Lachen. … Aber nein, so etwas, das geht doch nicht. … Jesus hat das nicht so gesagt.» Solche Kinderfrauen gibt es übrigens auch in einem Männerkloster…

Wie wird es in unserer Welt weitergehen nach dieser Krisenzeit? Einige befürchten, dass bald einmal alles wieder laufen wird wie zuvor: in der Wirtschaft, in der Politik, in der Mobilität, im Umgang mit der Schöpfung. Das darf nicht sein! So denken viele vernünftige Menschen. Wir sollten doch fähig sein, etwas aus diesen Erfahrungen zu lernen!

Gilt das nicht auch für unseren Glauben, für unser Kirchesein? Wie tragisch wäre es, wenn wir von allen erwarten, dass sich jetzt etwas ändert, und selbst würden wir sitzen bleiben! Wenn Jesus bei uns angekommen ist, dann werden wir auch nächstes Jahr nicht feiern wie immer. Wenn Jesus bei uns angekommen ist, dann kommen wir auch bei den Menschen an – denn «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jüngerinnen und Jünger Christi» (Gaudium et Spes 1).

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche uns allen, dass in diesen heiligen Tagen Jesus bei uns ankommt – auch bei uns Schriftgelehrten unserer Zeit!

Um 19.45 Uhr beginnt das Abendgebet unserer Klostergemeinschaft. Ich lade Sie alle ein, sich unserem Gebet anzuschliessen.

Morgen und übermorgen können Sie hier um 19.30 Uhr meine Mitbrüder P. Markus und P. Philipp hören. Wir freuen uns, wenn wir bei Ihnen ankommen!

Dieses Jahr sind die Heiligen Tage nicht wie immer. Gott sei Dank!

Zweite Karwochenpredigt von Pater Markus Steiner am 6. April 2020

Verschwendung

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer

Zunächst möchte ich Ihnen das Tagesevangelium vorlesen. Es findet sich bei Johannes:

12.1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte. 2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren. 3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. 4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte: 5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben? 6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Ein-künfte.7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt! 8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
Versuchen Sie für einen Moment, sich diese Szene möglichst plastisch vorzustellen, mit allen Sinnen. Sie ist ja filmreif. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass die Menschen damals nicht auf Stühlen am Tische sassen, sondern auf Polstern lagen, so dass die Füsse von hinten gut zugänglich waren.

Hat Sie etwas an dem Text angesprochen? Gibt es etwas, das sie nicht verstanden haben oder das sie sogar ärgert? Auch das darf sein.

Wenn ich nun doch noch einige Worte zum Text sage, so soll das Ihre persönliche Erfahrung mit ihm nicht zudecken. Behalten Sie diese in Ihrem Herzen, sie ist vor allem wichtig. Aber vielleicht kann ich sie noch etwas ausweiten.

Ich bin hier in einem Raum, der wirklich verschwenderisch ausgestattet ist. Ich möchte unseren Kameramann Br. Francisco bitten, Ihnen ein wenig von dieser Pracht zu zeigen. Gewöhnlich haben Sie keinen Zugang zu ihr, denn sie ist durch das Chorgitter abgeschirmt.

Ja, das ist eine Verschwendung. Ist sie zu verantworten? Damals, als die meisten Menschen in sehr bescheidenen Verhältnissen lebten? Heute, wo durch die gegenwärtige Krise viele in sehr drängende Not geraten? Für den barocken Menschen hat sich diese Frage nicht gestellt. Bei uns wird zurzeit während des Mittagessens ein Buch von Peter Hersche vorgelesen mit dem Titel: Gelassenheit und Lebensfreude, Was wir vom Barock lernen können. Verschwendung wird darin als ein Grundelement barocker Lebenskunst dargestellt. Das was man zur Verfügung hat, wird grosszügig eingesetzt, zur Freude der Menschen. So war man auch verschwenderisch bei den Kirchenbauten. Gewiss ging es dabei auch um das Prestige der katholischen Kirche, des Klosters, des äbtlichen Bauherrn. Aber zuerst ging es um die Ehre Gottes und auch hier um die Freude der Menschen. Die ganze Liturgie sollte ein Fest sein im Hause Gottes, das alle Sinne ansprach.
Hinter dem Evangeliumstext und auch hinter den Bildern unseres Chores steht aber eine ganz andere Verschwendung. Sehen wir uns das mittlere der drei Deckenbilder etwas näher an.

Im Zentrum steht die Dreifaltigkeit, ganz im Licht, oben Gott Vater, dann der Sohn, der den Arm erhoben hat, schliesslich der Heilige Geist in Gestalt einer Taube. In einer Kartusche ist die Frage des Vater geschrieben: Wer wird für uns gehen? Gemeint ist, die Menschen zu erlösen. Auf der Kartusche gegenüber findet sich die Antwort des Sohnes: Sende mich. Und die Engel bringen bereits die Leidenswerkzeuge, das Kreuz, die Dornenkrone, usw. . Das ist die grundlegende Verschwendung. Das Johannesevangelium hat es so formuliert: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ Gott hat das Leben seines eigenen Sohnes verschwendet für das Leben der Menschen. An diese Liebe denken wir in der Karwoche.

Maria von Betanien hat auf die Liebe Gottes, die ihr in Jesus entgegentrat, mit ihrer Liebe geantwortet. Und Liebe rechnet bekanntlich nicht, sie gibt unbesehen, eben verschwenderisch. Wie ist unsere Antwort? Zuwendung zum Herrn selber? Zuwendung zu jenen, in denen er auch heute uns anwesend ist, nämlich in den Armen? Not hat viele Gesichter, gerade in diesen Tagen der Krise. Wenn wir unsere Zeit, unsere Mittel, ja uns selbst verschenken, grosszügig, mit Phantasie, verschwenderisch, dann werden auch unsere Häuser von dem Duft des Öles erfüllt. Dann werden auch unsere Kartage nicht nur äusserlich anderes sein als gewöhnlich, Gott sei Dank!

Dritte Karwochenpredigt von Pater Philipp Steiner am 7. April 2020

Corona – Virus und (Dornen-) Krone

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ich begrüsse Sie zur dritten und letzten Karwochenpredigt!

Vielleicht haben Sie den Titel dieser Predigt bereits irgendwo gelesen: «Corona – Virus und (Dornen-) Krone». «Schon wieder ‘Coronavirus’!» werden Sie sich vielleicht gedacht haben.

Ja, «Corona» ist in diesen Wochen vor Ostern in aller Munde – und wird es wohl noch eine Weile bleiben. Ich habe jedoch zuerst an eine andere «Corona» gedacht, die in der Karwoche ziemlich prominent ist: die Dornenkrone Jesu. Denn eigentlich wollte ich bereits letztes Jahr eine Anbetungsstunde zu diesem Thema gestalten, habe dies aber dann unterlassen. Die Zeit war noch nicht reif dazu. Nun aber möchte ich die Gelegenheit nutzen, um die Brücke zu schlagen vom «Coronavirus» zur «Corona spinea», der Dornenkrone Jesu.

Die aktuell grassierende COVID-19-Pandemie geht ja bekanntlich auf einen Vertreter der Familie der «Coronaviren» zurück. Dieser Name wurde 1968 eingeführt und hängt mit dem Aussehen dieser Viren unter dem Elektronenmikroskop zusammen. Die Fortsätze auf ihren kugelförmigen Hüllen erinnern nämlich an eine Krone oder einen Strahlenkranz ähnlich der Sonnenkorona.

Nun, das Aussehen des Virus unter dem Mikroskop mag mit etwas Fantasie tatsächlich an eine «Krone» erinnern, mit einer kostbaren Kopfbedeckung der Herrscher früherer Zeiten oder den wärmenden Strahlen der Sonne verbindet man die tragischen Folgen dieser Pandemie im Alltag wohl weniger. Vielmehr zeigt das «Coronavirus» menschliche Ohnmacht, Schmerzen und Leid der Kranken, Trauer in den Familien und Ortschaften und vieles mehr.

Und da wären wir eben bereits bei jener ganz anderen «Corona», welche gerade auch in diese Zeit hinein eine besondere Botschaft hat.

Es ist ein alter Brauch, in der Fastenzeit und besonders in den letzten zwei Wochen vor Ostern das Leiden Jesu in den Blick zu nehmen. Beim Betrachten der Passion Jesu spielten früher die damit verbundenen «Werkzeuge» eine ganz herausragende Rolle. Als Zeugnisse des Leidens Jesu wurden Kreuz, Dornenkrone, Nägel und Gewand Jesu – respektive das, was man in Form von Reliquien dafür hielt – besonders verehrt.

Auch wir Mönche in Einsiedeln besitzen seit vielen Jahrhunderten zwei bedeutende Passionsreliquien. Neben einem grossen Kreuzpartikel hütet unser Kloster seit dem Mittelalter auch einen Dorn aus der Dornenkrone Jesu. Sie sehen diesen – eingefasst in ein kostbares Kreuz – neben mir stehen.

Der Weg dieser Reliquie hierher nach Einsiedeln war ziemlich lang: Er führte wohl von Jerusalem über Konstantinopel nach Paris, wo in der Kathedrale «Notre-Dame» bis zum grossen Brand vor ziemlich genau einem Jahr der Binsenreif der inzwischen «entdornten» Dornenkrone aufbewahrt und verehrt wurde.

Unter Abt Kolumban Brugger, der von 1895-1905 unserer Gemeinschaft vorstand, wurde dieses kostbare Reliquienkreuz geschaffen, in dessen Fuss der rund 2 Zentimeter lange Dorn eingefügt wurde.

Es ist müssig, über die Authentizität dieser Reliquie zu sprechen. Denn unter den rund 200 in Europa als Dornen Christi verehrten spitzen Pflanzenteile werden sich bestimmt auch etliche «Hochstapler» befinden. Doch das ist nicht weiter tragisch, können wir diese doch einfach als Ausdruck dafür ansehen, wie gross das Bedürfnis unserer Vorfahren war, dem leidenden Jesus nahe zu sein.

Darum möchte ich an dieser Stelle nicht beim Gegenstand stehen bleiben, sondern fragen, was denn die Botschaft der Dornenkrone und vor allem ihres Trägers für uns heute ist – gerade auch jetzt in dieser besonderen Situation.
Zuerst aber hören wir einen Abschnitt aus der Leidensgeschichte Jesu aus dem Johannesevangelium (Joh 18,33-19,5):

Da ging Pilatus wieder in das Prätorium hinein, liess Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben es dir andere über mich gesagt? Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohepriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier. Da sagte Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme. Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. Ihr seid aber gewohnt, dass ich euch zum Paschafest einen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse? Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber. Darauf nahm Pilatus Jesus und liess ihn geisseln. Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Sie traten an ihn heran und sagten: Sei gegrüsst, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht. Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, der Mensch!

Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer!

Die eben gehörten Worte aus dem Johannesevangelium stellen die Dornenkrönung in den richtigen Kontext. Es geht nicht einfach nur darum, Jesus zu quälen. Zusammen mit dem Umlegen des purpurroten Mantels ist sie eine verhöhnende Antwort auf das vorausgegangene Gespräch zwischen Jesus und Pilatus. Die Soldaten drehen die Hoheitszeichen Krone und Königsmantel in ihr Gegenteil um und machen sich lustig über Jesus, dessen Reich nicht von dieser Welt ist.

Der dornengekrönte Herr ist ein herzzerreissendes Bild für den erniedrigten Menschen: durch das Leid, das Menschen einander antun als auch durch das Leid, das ihm – bedingt durch seine Sterblichkeit – durch Krankheit und Tod wiederfährt.
Der Leidensweg Jesu zeigt uns, dass Gott im Schicksal seines Sohnes ein mitfühlender – weil mitleidender – Gott geworden ist. Unser Gott weiss, wie sich Schmerz anfühlt.

Er steht darum an der Seite all jener, welche dieser «Coronakrise» und so vieler anderer Leiderfahrungen ohnmächtig gegenüberstehen. Doch Jesus zeigt auch, dass die menschliche Würde nicht von äusseren Faktoren abhängt. Das abschliessende Wort des Pilatus «Ecce homo – Seht, der Mensch!» kann hier positiv gedeutet werden: Auch der Mensch in Schmerz und Leid hat eine Würde, die ihm nicht genommen werden kann. Denn in Psalm 8 (Verse 5-6) heisst es:

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.

Diese Verse aus Psalm 8 versuchen das Geheimnis des Menschen in Worte zu fassen. Mit seiner von Gott geschenkten Freiheit und der Fähigkeit zur Liebe ist der Mensch innerhalb der Schöpfung ein herausragendes Wesen. Doch diese Eigenschaften verpflichten auch. Und sie können, wie das Todesurteil des Pilatus, der Spott der Soldaten oder auch der menschliche Umgang mit der Natur heute zeigen, auch in ihr Gegenteil verkehrt werden. Unsere Freiheit ist Gabe und Aufgabe zugleich. Im Blick auf den dornengekrönten und verspotteten Herrn sehen wir beides: Würde und Drama des Menschen. Auch in der aktuellen «Coronakrise» können wir diese beiden Seiten des Menschen erkennen. Der Blick auf den dornengekrönten und verspotteten Herrn gibt uns keine Erklärung für das Leiden und das Drama des Menschen. Doch er schenkt uns die Gewissheit, dass Gott unser Los teilt und dass der Weg auf Ostern zuläuft. Aus den Dornen kann neues Leben wachsen und die Dornen selbst können Ort der Offenbarung Gottes sein, der sagt: «Ich bin der ich bin da» (vgl. Exodus 3). In Jesus sagt Gott aber noch mehr: «Ich bin der mit dir fühlt».

Das ist Trost genug, um den Weg weiterzugehen. Und dazu schenke Gott uns seinen Segen:

Gott, unser Vater, hat euch nach seinem Bild erschaffen und euch gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit. Er lasse euch eure Würde erkennen und aus ihr leben.

Jesus Christus, unser Erlöser, hat die Dornenkrone getragen als Symbol des Spottes und der Erniedrigung. Er stärke euch in aller Prüfung.

Der Heilige Geist, den Gott gesandt hat, um alles zu vollenden, erleuchte eure Herzen. Er geleite euch zur ewigen Anschauung des Königs der Könige.

Das gewähre euch der allmächtige Gott, + der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ich danke Ihnen für Ihr Dabeisein und Anhören dieser Gedanken zum Thema «Corona – Virus und (Dornen-) Krone». Gleich im Anschluss um 19.45 Uhr feiert unsere Klostergemeinschaft die Komplet, das Nachtgebet der Kirche. Morgen Abend findet um 19.30 Uhr eine Bussfeier statt, zu welcher ich Sie im Namen meiner Mitbrüder ebenfalls ganz herzlich einladen darf.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Abend und ein bewusstes Zuschreiten auf Ostern hin.

Bild: Foto des Einsiedler Exemplars eines Dornes aus der Dornenkrone Christi. Die Reliquie wird im Kloster aufbewahrt.