Gedanken zum Sonntag der Barmherzigkeit

18.04.2020

Vielfach machen wir als gewöhnliche Erdenbürger die Erfahrung, dass unsere Meinung nicht gefragt ist, dass nicht auf uns gehört wird, dass wir uns kaum Gehör verschaffen können. Man fühlt sich nicht ernst genommen. – als Kind; später wird man nicht als ganze Persönlichkeit wahrgenommen. Man fühlt sich nicht akzeptiert, übergangen, vernachlässigt. Man fühlt sich hilflos und ohnmächtig gegenüber den verschiedenen Chefs in der Kirche, der Politik, am Arbeitsplatz: „Die da oben machen ja sowieso, was sie wollen. Da habe ich nichts zu melden.“

Im heutigen Evangelium hörten wir eine Geschichte, in der einer das Wort von 10 Zeugen und mehr nicht ernst nimmt: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht“ (Joh 20,25). Für Thomas hat das Wortzeugnis der Apostel kein Gewicht. Er will Fakten. Und ein Wort ist für Thomas kein Faktum. Er aber muss lernen, dass er in seinem Wort ernst genommen wird, dass seine Gedanken des Zweifels nicht übergangen werden und dass er damit als Person wahrgenommen wird.

Wenn ein Mensch etwas sagt, drückt er damit sich selber aus. Wenn ein Mensch etwas tut, verwirklicht er sich damit selbst. Seine Gefühle werden zu Gedanken, seine Gedanken zu Worten, seine Worte zu Taten und darin wird eine Person greifbar.

Das Problem besteht oft darin, dass wir uns selbst nicht ernst nehmen – im Positiven wie im Negativen. Es kann sein, dass wir die schlimmsten Fluchworte gebrauchen. Wenn wir aber diese Flüche wirklich analysieren, sie dann doch nicht so gemeint haben wollen. Dasselbe bei Verwünschungen. Aber auch im Positiven nehmen wir oft unsere Worte nicht wirklich ernst: Vielfach geschieht es doch gedankenlos, dass wir beten „Dein Wille geschehe!“ und „Vergib uns, wie auch wir vergeben!“ Da nehmen wir uns dann in der Tat doch nicht so ernst.

Gott aber nimmt uns ernst. Er nimmt uns beim Wort. Ja, er nimmt uns todernst, so dass unser Nein zum Tod am Kreuz geführt hat. Das ist die Gerechtigkeit Gottes. Gott will, dass wir unser Nein ebenfalls ernst nehmen, denn dann bekommt unsere Reue und Umkehr ein grösseres Gewicht.

Gott aber überwindet dieses Nein in der Auferstehung Christi zu neuem Leben. Das ist die Barmherzigkeit Gottes. Denn Gott nimmt sein eigenes Ja – bedingungslos und unzerbrüchlich – ernst.

P. Cyrill