Predigt zum Laetare-Sonntag, 22. März 2020

22.03.2020

Am Vierten Fastensonntag, der ganz im Zeichen der Vorfreude auf das nahe Osterfest steht, hörten wir von der Heilung des Blindgeborenen beim Teich Schiloach. In seiner Predigt setzt unser Dekan, Pater Daniel Emmenegger, das Evangelium in Bezug zur aktuellen Krisensituation:

Liebe Mitbrüder, Liebe Mitfeiernde über Internet

Wenn Sie trotz der doch ausserordentlichen Länge des heute verkündeten Evangeliums aufmerksam zuhören konnten, dann stimmen Sie mir bestimmt zu, wenn ich sage, dass das Bundesamt für Gesundheit an Jesus wohl keine besonders grosse Freude hätte: Da spuckt er doch auf die Erde, um aus diesem Gemisch einen Teig zu kneten, den er dann einem anderen auf die Augen streicht. Für die Verbreitung von Viren sind das geradezu paradiesische Umstände!
Wenn wir allerdings von der aktuellen Pandemie-Situation mal absehen, so befremdet uns das Ganze schon etwas weniger. Schliesslich ist auch uns eine heilende oder zumindest schmerz- oder juckreizlindernde Wirkung von Speichel nicht ganz unbekannt. Und er kam sicher bei den meisten von uns beispielsweise bei einem juckenden Insektenstich schon mal zur Anwendung. In der Antike schrieb man dem Speichel eine heilende Wirkung gerade bei Augenleiden zu.

Aber weshalb sprechen wir hier jetzt eigentlich von einer Heilung? Denn Jesus heilt hier nicht einen Menschen von einem Leiden. Vielmehr schafft er an einem Menschen etwas für diesen völlig Neues. Es ist nicht so, dass der Mann das Augenlicht wiederbekommt, nachdem es ihm einmal erloschen ist, sondern so, dass der Mann das Augenlicht überhaupt erstmals geschenkt bekommt. Er wurde ja blind geboren. Sehen zu können war ihm bis anhin völlig fremd. Er konnte sich gar nichts darunter vorstellen. Entsprechend wird er in unserem Text auch gar nicht danach gefragt, ob er denn sehen will. Man spricht überhaupt nicht mit ihm! Man spricht über ihn. Er ist zu Beginn ein reines Demonstrationsobjekt für Gottes schöpferisches Wirken. Und dieses schöpferische Wirken geschieht in und durch Jesus. Das Evangelium zeigt uns Jesus nicht als Heiler, sondern als Schöpfer. Und als solcher steht er auch über dem Sabbat, an dem es nach jüdischem Gesetz verboten war, einen Teig zu kneten – gemeint ist primär Brotteig, um Brot zu backen. Aber gerade das tut Jesus: Er knetet am Sabbat einen Teig, um Neues zu schaffen!

Dieses Neue ist weit mehr als bloss Augenlicht. Es ist Leben! Und genau das wird uns am Blindgeborenen Schritt für Schritt demonstriert: Zunächst weiss er gar nicht wie ihm geschieht; ungefragt bestreicht Jesus seine Augen mit dem erwähnten Teig. Dann wird ihm befohlen, sich zu waschen; und der Mann gehorcht, ohne zu verstehen. Dann gilt es, in aller Schlichtheit zu all dem, was geschehen ist, zu stehen, ohne irgendetwas davon erklären zu können. Bei der ersten Befragung durch die Pharisäer wird er dann schon etwas kühner und bekennt, dass er diesen Jesus für einen Propheten hält. Bei der zweiten Befragung beweist er dann angesichts der Furcht seiner Eltern eigentlichen Mut: Er fordert die Pharisäer geradezu heraus mit seiner Frage, ob auch sie Jesu Jünger werden wollten, und er nimmt in Kauf, aus der Synagoge hinausgeworfen zu werden. Jetzt ist er reif für die Begegnung mit dem Herrn. Jetzt spricht Jesus nicht mehr über ihn, sondern mit ihm. Jetzt gibt er sich ihm zu erkennen. Und der Mann antwortet: „Ich glaube“. Aus dem blinden Bettler wurde ein freier Mensch. Frei aus dem Glauben!

Schwestern und Brüder in Christus: Als Glaubende dürfen wir in der schlichten Wahrhaftigkeit des Blindgeborenen, die wir zur Begegnung mit der Wahrheit heranreifen sahen, das schöpferische Wirken Gottes, das Leben schafft, bezeugen – gerade jetzt, in dieser Krisenzeit, da viele Menschen Angst haben und am Leben bedroht sind; jetzt, da sich eine Welle der Solidarität breitmacht; aber auch nach dieser Krisenzeit, wenn die Welle der Solidarität umzuschlagen droht in eine Welle der gegenseitigen Schuldzuweisung; wenn die Frage der Jünger an Jesus sich breit macht: „Herr, wer hat gesündigt; wer ist schuld?“ – Die Chinesen? Die vielreisenden Europäer? Die Regierungen und Behörden in ihrem Unterschätzen der Gefahr? Der Familienvater, weil er noch diesen oder jenen Anlass besucht hat? Der Arbeitgeber, weil er für seine Mitarbeiterinnen nicht genügend getan hat, um sie zu schützen?

Hier gilt: Schaut nicht auf fremdes oder eigenes Versagen! Seid vielmehr schlicht und wahrhaftig wie der Blindgeborene und schaut zusammen mit ihm auf Christus, der Leben schafft; der über dem Sabbat steht; der über dem Corona-Virus steht; der über unserem Versagen und über unserer Schuld steht! Hier ist die Quelle von Frieden, Freude und Einheit inmitten der „Quarantäne“ – d. h. inmitten der Vierzig Tage – der Vierzig Tage auf Ostern hin. Und: Ostern kommt. Garantiert!

Amen.