Predigt zum Josefstag

19.03.2020

Pater Gregor Jäggi, der Subprior und Archivar unserer Gemeinschaft, hat am Josefstag eine eindrückliche Predigt gehalten. Er ging dabei von einem romanischen Kapitell mit der Darstellung der Heiligen Familie aus. Hier zum Nachlesen:

Unsere Erinnerung lebt von einer Unzahl von Bildern, die unsere Existenz bereichern und viele Möglichkeiten zur eigenen Lebensgestaltung vorstellen. Sie alle werden sicher auch ein persönliches Bild des hl. Josef in ihrem Vorstellungsvorrat finden. Vermutlich ist es meist das des alten, im Hintergrund stehenden Mannes, der dem Weihnachtsgeschehen fast un-gläubig staunend beiwohnt. Josef ist der passive Mann und wird deswegen kaum wahrgenommen. Er kann aber auch verzweckt werden als der emsige Arbeiter, der zu kleinbürgerlichem Fleiss und Bescheidenheit mahnt, oder gar als Bücherliebhaber, der als Bibliothekspatron einen dicken Geldsack in der Hand trägt, damit heutige Bibliothekare Bücher kaufen können, wie ich im Vatikan gesehen habe.

Ich habe auch ein Bild. Sie sehen hier die Abbildung eines mittelalterlichen Kapitells in der kleinen romanischen Kapelle von Saulieu im Burgund. Ich liebe dieses grossartige Kunstwerk sehr, denn es bringt das biblische Josefsbild hervorragend zum Ausdruck.

Im Evangelium tritt uns nämlich ein Mann entgegen, der mit dem kleinen Wörtchen gerecht charakterisiert wird. Josef ist ein Gerechter, d.h. er ge-hört zu denjenigen Menschen des Bundesvolkes, die der Bundesabsicht Gottes gemäss handeln, ein echter Glaubender. Diese Grundhaltung äus-sert sich jeweils in konkreten Taten, nicht im ängstlichen Befolgen der Gesetze. Josef hat vermutlich deren alle gar nicht gekannt. Gerecht sein heisst hier: er will seine Braut nicht ans Messer liefern. Denn er hätte sein Recht einfordern können als scheinbar betrogener Bräutigam, so sah es das Gesetz vor. Er wäre dann gesetzesfromm gewesen. Es schaudert ei-nem, wenn man die Gesetzesvorschriften liest, selbst wenn man den da-hinter liegenden Sinn versteht. Doch was für ein Recht ist das: ausser bil-liger Rache, die doch nur Leere hinterliesse, bedeutet es die Existenzver-nichtung eines Menschen. Josef verweigerte sich dieser zerstörerischen Logik. Genau hier, in der Überwindung einer rein gesetzlichen Haltung, finden wir die Wurzel der Gerechtigkeit. Das Gesetz ist Strafandrohung für Sünder und Barriere für die Hartherzigen, diejenigen, die vergelten wollen. Das Gesetz öffnet aber nicht die Türe zu mehr Mitmenschlichkeit und Solidarität, eben zur Gerechtigkeit als Nachahmung von Gottes Tun, nein, es kann das Herz nicht bekehren, es kann nur Chaos verhindern. Mit dem Gesetz – und das ist verführerisch – kann aber auch die eigene Ge-rechtigkeit, die stets nur Selbstgerechtigkeit ist, in der Öffentlichkeit ze-lebriert werden. Wer andere des Gesetzesbruches anklagen kann, der steht über diesen Sündern. Wir kennen es aus dem JohEv in der Begebenheit der Ehebrecherin. Wie viele vor dem Gesetz Gerechte standen hier bereit, um einer Sünderin heuchlerisch das Todesurteil zu sprechen. Als vom Tö-ten Besessene, Herren über das Leben, und doch Gott Vergessende, gehö-ren gerade sie dem Gott der Lebenden nicht an. Der Gott, der sich Israel zu einem Volk erwählt hat, will nicht den Tod, sondern die Barmherzig-keit und die Grossmut, welche Leben ermöglichen. Wie oft hatte Jahwe Barmherzigkeit gezeigt, auch wenn es nicht angebracht war. Nicht das Gesetz, sondern allein die Gerechtigkeit, die nur dank der Barmherzigkeit Gottes zu mir in mir wachsen kann, trägt die Zukunft in sich.

Gerechtigkeit und Treue gehören zusammen. Gott ist treu und gerecht, denn er hält die Bundesverpflichtung mit seinem Volk ein, obwohl dieses ihn verrät. Sein Sohn wird Mensch um „sein Volk von seinen Sünden zu erlösen“. Die Gerechtigkeit Gottes schafft seinem Volk Zukunft, eine Zu-kunft, die immer wieder durch die Sünde verstellt ist. Und in diese Ge-rechtigkeitsgeschichte Gottes zugunsten der Menschen gehört Josef hin-ein. Das verschaffte ihm nicht ein angenehmes Leben. Auf die buchstäb-lich gesetzestreue Weise hätte er es leichter haben können und hätte gera-de dadurch die Absicht Gottes verfehlt. Deshalb ist es ein Leben des Nicht-Begreifbaren, ein Leben der Suche, ein Leben des Dienstes und des Gehorsams geworden. Es hat das Leben anderer möglich gemacht.

Der Josef auf dem burgundischen Kapitell drückt diese Haltung aus: ein suchender Mensch vor dem unbegreiflichen Gott, ein wahrer Pfadsucher, angespannt mit offenem Mund. Er trägt schwer an der Last des Lebens. Der Dienst am Kind und seiner Mutter hat ihn im Griff. Er muss voran-schreiten in einer Angelegenheit, die nicht die seine ist, muss einen Weg erkunden, der nicht ein Trampelpfad ist. Er horcht mit grossen Ohren, da er die Stimme Gottes als Wegweiser braucht, sie ist nicht immer eindeu-tig und verständlich. Der Gerechte horcht auf die Stimme des Herzens, er setzt sich auch dem Widerstreit seiner Gefühle aus. Gross ist die Verant-wortung, die hinter seinem Rücken sichtbar wird. Er ist unten, während das Tier mit seiner Last fast zu schweben scheint. Er muss Gottes Auftrag erfüllen, der ihn in Schwierigkeiten bringt. Und er hat die Augen weit aufgerissen, denn er muss die Welt und den Lebensweg sorgsam erkunden und sie nach dem Massstab der Gerechtigkeit Gottes prüfen. In den Psal-men fand er viele Hinweise dazu, so wie wir viele Hinweise aus der Berg-predigt nehmen, welche die hohe Proklamation der wahren Gerechtigkeit ist. Josefstag als Ehrentag eines Gerechten möge uns hellhörig machen auf das Stichwort „gerecht“ beim Hören und Lesen der Heiligen Schrift.

In seinem durchkreuzten Leben lernte Josef begreifen, was der Sinn und das Ziel des Gesetzes ist: die Liebe Gottes zum Menschen im eigenen Handeln so sichtbar zu machen, dass anderem Leben grossherzig Raum gegeben wird. Gerechtigkeit ist Selbstbeschränkung, aber nicht Selbstauf-gabe, weil der Gerechte weiss, dass jeder Mensch unter dem Gesetz der Sünde immer die Grenzen zulasten anderer verschiebt und deshalb das Gesetz braucht. Josef musste Herodes nicht umarmen, er durfte ihn um-gehen. Wer gerecht sein möchte, gedenkt seines Sündigseins und ringt mit sich, damit für alle Lebensraum entsteht. Ein solcher Mann ist der wahre Schirmer der Kirche.

Gott selbst ist der vollkommene Gerechte, weil er die Liebe ist und so Le-ben schafft. Er zeigt dies konkret in Jesus und möchte unsere Nachahmung dieser Güte. Wir können und sollen uns um die Nachahmung der göttlichen Gerechtigkeit mühen, indem wir dem grossen Doppelgebot: Gott und die Nächsten zu lieben, mit aller Kraft nachleben. Josef braucht keinen Scheinwerfer, um ins Rampenlicht zu gelangen, da er für die richtig Sehenden genügend strahlt. Wir indessen feiern dankbar dieses Fest als Erhellung und Bestärkung für unseren Glaubensweg. Wie Josef auf dem Bild können wir unseren Weg gehen, da wir ja – wie er – den treuen Gott in unserem Rücken haben, auch ganz unten. Amen.