Predigt zum Fünften Fastensonntag

29.03.2020

Auch in der Predigt am 29. März wurde das Sonntagsevangelium auf die aktuelle «Corona-Krise» hin ausgelegt. Pater Martin Werlen richtete im Konventamt zum Fünften Fastensonntag folgende Worte an die Zuhörenden:

Liebe Mitfeiernde, daheim und hier im Chor der Klosterkirche Einsiedeln, was wir zur Zeit erleben, ist erstmalig in der Menschheitsgeschichte: Ein Virus lähmt die ganze Welt und fordert sie heraus. Kein Bereich ist ausgeschlossen: Forschung, Gesundheitswesen, Bildung, Mobilität, Politik, Wirtschaft, Tourismus, Sport, Finanzmarkt, Glaubensgemeinschaften, privates Leben, öffentliches Leben, alt und jung, reiche Länder genauso wie arme Länder. Die ganze Welt weiss davon.

Wir können nicht mehr so tun, als ob uns das nicht angehen würde. Das Coronavirus respektiert nicht einmal unsere Landesgrenze. Selbst fromme Menschen schrecken es offensichtlich nicht ab. Es ist zum Davonlaufen. Aber wohin? Überall dasselbe. Papst Franziskus hat die Stimmung am Freitag Abend vor dem menschenleeren Petersplatz in eindrücklichen Worten zum Ausdruck gebracht: «Tiefe Finsternis hat sich auf unsere Plätze, Strassen und Städte gelegt. Sie hat sich unseres Lebens bemächtigt und alles mit einer ohrenbetäubenden Stille und einer trostlosen Leere erfüllt, die alles im Vorbeigehen lähmt.» Niemand weiss: Wie geht das weiter? Wie lange noch müssen wir so eingeschränkt leben? Der Bundesrat ruft uns zu Geduld und Ausdauer auf. Ein Arzt im Elsass sagt in der ganzen Überforderung: «Das Schlimmste: nicht zu wissen, was morgen passiert.» Wie gehen wir damit um? Eines ist klar: Es beschäftigt uns alle – wohl mehr, als wir meistens nach aussen kundtun. Was mich beeindruckt: Wie oft ich nicht so sehr der Sorge um sich selbst begegne, sondern vor allem der Sorge um die Menschen, die uns nahestehen. Etwas passiert in dieser Situation. Etwas wird uns mehr und mehr klar. Papst Franziskus formulierte das so: «Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern.» Und tatsächlich: Viele rudern in grosser Solidarität – sehr viele Menschen. Aber es gibt auch Menschen, die sich zurückziehen, andere, die ihre Angst mit Zynismus überspielen, wieder andere, die verzweifeln.

In all diesen Gefühlslagen spricht uns heute das Wort Gottes an. Welch grossartige Erzählung, die wir soeben aus dem Johannesevangelium gehört haben – sozusagen eine Schule des Glaubens! Es lohnt sich, dieses Wort bei uns ankommen zu lassen; diese Botschaft so zu meditieren, dass heute das Wort Brot für unser Leben wird! Wir finden es im 11. Kapitel des Johannesevangeliums. Jesus ist befreundet mit den Geschwistern Maria, Marta und Lazarus. Die Schwestern lassen Jesus ausrichten, dass ihr Bruder krank ist. Und dieser Jesus, der schon manche Kranke geheilt hat, geht nicht sofort zu seinen Freunden. Im Gegenteil: «Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.» Ist das nicht unerhört? In der Zwischenzeit weiss Jesus, dass Lazarus gestorben ist. Und er sagt zu seinen Jüngern: «Ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war.» Dann fügt er eine völlig unerwartete Begründung an: «Denn ich will, dass ihr glaubt.» Als Jesus bei seinen Freunden ankommt, ist Lazarus schon vier Tage im Grab. Marta geht mit ihrer Not Jesus entgegen mit einem ungeheuren Vorwurf: «Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.» Denselben Vorwurf mit denselben Worten richtet später auch Maria an Jesus: «Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.» Die Not der Menschen lässt Jesus nicht kalt. Er selbst weint. Und er lässt alle Anwesenden erfahren, dass unser Glaube einen Horizont schenkt, der unsere menschlichen Vorstellungen bei weitem übertrifft. Ja, es ist zu spät! Aber diese Einsicht bedeutet für den glaubenden Menschen nicht das Ende. Im Glauben eröffnet sich der Horizont zu einer Weite, die der Mensch von sich aus nicht kennt. Und genau diesen Horizont will Jesus uns schenken. «Ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt.»

Auf den Hinweis Jesu, dass Lazarus auferstehen wird, antwortet Marta: «Ich weiss, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.» Kritikerinnen und Kritiker unseres Glaubens würden sagen: Vertröstung auf das Jenseits. Und genau hier bringt Jesus ein, was unseren Glauben ausmacht. Ob wir es nicht bisher meistens überhört haben? Nein, er vertröstet nicht auf das Jenseits. Wir als Christinnen und Christen glauben nicht einfach an die Auferstehung, die einmal kommen wird. Wie berührt das Wort Jesu, das er an Marta richtet: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.» Wir als Christinnen und Christen glauben nicht einfach an die Auferstehung. Wir glauben an den, der die Auferstehung und das Leben ist. Immer dann, wenn unsere Wünsche, auch unsere frommen Wünsche, nicht erfüllt werden, sagt Jesus zu uns: «Ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt.» Ihr braucht nicht in euren engen Wänden hängen zu bleiben. Das Leben ist mehr – viel mehr. Ich hole euch aus euren Gräbern herauf und ihr werdet lebendig. Dieses Leben will ich euch schenken, Leben in Fülle.
Liebe Schwestern und Brüder, ich hoffe, dass wir alle solche Glaubenserfahrungen schon gemacht haben. Nicht Vertröstung auf ein Jenseits, sondern Erfahrung im Hier und Heute. Wir müssen uns nicht auf den Tod vorbereiten – auf die Auferstehung dürfen wir uns vorbereiten. Jetzt! Heute in dieser Auferstehung leben! Vieles in unserem Leben kann – auch jetzt – zum Verzweifeln sein. Wir werfen unsere Vorwürfe Gott ins Gesicht: Wärest du hier gewesen… Und doch geben wir nicht auf. Wir bleiben bei ihm, der so anders ist, als wir es erwarten. Und plötzlich dürfen wir staunend bekennen: Ja, es stimmt, du bist die Auferstehung und das Leben. Gott kann neues Leben schenken, wo scheinbar alles zu spät ist. Aus dieser Erfahrung heraus schreibt der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Juli 1944 aus dem Gefängnis: «Gott führe uns freundlich durch diese Zeiten; aber vor allem führe er uns zu sich.»

Nach einem Moment der Stille wollen wir in dieser Krisenzeit miteinander dankbar und voll Freude ins Credo-Lied bei Nr. 98 einstimmen: «Wir glauben, Gott, dass du es bist, durch den wir sind und leben.»