Sonntagsgedanke – 2. Februar 2020

01.02.2020

In Gottes bergendem Schoss

Letzte Woche schlossen wir an unserem Gymnasium das erste Semester ab. Das bedeutet für die Lernenden viel Stress und Druck: Viele wollen und einige müssen in den letzten Prüfungen ihre Noten noch steigern. Nicht nur in der Schule, sondern in vielen Bereichen unseres Lebens sind wir in der Situation, dass von uns Leistungen erwartet sind. «Immer mehr, immer schneller, immer besser» heisst dabei die Devise. Oder zumindest nehmen wir sie so wahr. So überrascht es nicht, dass sich viele wie in einem Hamsterrad vorkommen – vor allem, wenn man das Gefühl hat, man müsse alles selbst tragen, man sei für alles selbst verantwortlich, Erfolg und Misserfolg seien in meiner eigenen Hand. Wozu aber das Ganze? Hat mein Mühen überhaupt einen Sinn?

Wie dankbar bin ich um das Geschenk des Glaubens, der für mich auch in dieser Hinsicht eine grosse Entlastung bedeutet: Er befreit mich von der Illusion, dass alles allein von mir abhängt. Vielmehr darf ich jemanden über mich wissen, der die Fäden in der Hand hat – und der es vor allem gut mit mir meint. Sollte ich ausgleiten, falle ich höchstens in seinen Schoss. Vertrauensvoll kann ich mich ihm übergeben, damit er über mich wacht, meine Hände lenkt und mir vor allem die Kraft schenkt, die Aufgaben zu meistern. Ich bin damit kein Gefäss, aus dem nur geschöpft wird; vielmehr bin ich eine Quelle, die weitergibt, was sie selbst aus der Tiefe empfängt.

Es ist wohl kein neuer Gedanke, den ich hier äussere. Und doch tue ich es. Denn es ist wichtig, dass wir ihn immer wieder hören. Denn er gehört zum Kern unseres Glaubens: Wir sind nicht mehr wert, wenn wir mehr leisten. Gott liebt uns nicht aufgrund unserer Leistungen, er macht unsere Würde nicht davon abhängig, ob und wofür wir nützlich sind. Er schenkt uns sie einfach so – als pure Gnade, aus bedingungsloser Liebe. Das ist die Art, wie auch wir auf andere zugehen sollten.

Letzthin habe ich einen Mitbruder sagen gehört: «Ich habe zwar sehr viel zu tun, aber ich fühle mich dadurch nicht gestresst.» Es ist wohl genau die beschriebene Einstellung, die ihm diesen Blick auf die Arbeit schenkt. Auch einen gottgewollten Blick auf die anderen schenkt uns diese Haltung. Und auch die Sinnfrage dürfen wir uns dabei ruhig stellen, ohne Angst haben zu müssen, dass das Gebäude über uns krachend in sich zusammenfällt, weil es auf höchst wackeligen Fundamenten steht. Eines aber dürfen wir daraus freilich nicht ableiten: Wir dürfen uns mit einem solchen Blick auf die Welt nicht aus der Verantwortung genommen meinen. Wie davon überzeugt zu sein, dass alles ganz allein von mir abhängt, wäre es genauso verfehlt, sich beispielsweise auf eine Prüfung überhaupt nicht vorzubereiten und darauf zu hoffen, dass mir Gott zur rechten Zeit alles einfach ins Ohr flüstern wird. Gott schenkt uns wohl die Kraft, er geht neben mir, er würde mich auffangen – aber den Weg gehen muss ich selbst.

P. Thomas