Predigt zum Fest Darstellung des Herrn am 2. Februar 2020

02.02.2020

Im Rahmen des Pontifikalamtes um 09.30 Uhr und in der Pilgermesse um 11.00 Uhr hielt P. Philipp Steiner OSB die folgende Predigt:

Liebe Schwestern und Brüder

Als ich von Pater Dekan die Liste mit den Predigteinsätzen für die erste Jahreshälfte erhalten habe, war meine Freude gross, als ich darauf den 2. Februar erblickte.

Seit ich im Kloster bin, liebe ich diesen Tag. Denn wir feiern ihn jeweils mit einem gemeinsamen Gottesdienst zusammen mit der Pfarrei am Abend. Die damit verbundene Segnung der Kerzen bei der Gnadenkapelle, das sich ausbreitende Licht und die anschliessende Prozession in der halbdunklen Kirche machen diesen Tag zu etwas Besonderem. Die Liturgie lässt uns den Inhalt des Festes mit allen Sinnen und vor allem auch leiblich konkret erfahren. Dieser letzte Ausläufer des Weihnachtsfestes beschert in den Abendstunden noch einmal richtig schöne Emotionen und unweigerlich klingt der adventliche Liedruf nach: «Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt!» Mariä Lichtmess ist ein ideales Fest für emotionale Typen wie mich: Es ist etwas fürs Herz.
Umso grösser war meine Enttäuschung bei der Entdeckung, dass der 2. Februar heuer auf einen Sonntag fällt. Also kein abendlicher Gottesdienst, keine besondere Stimmung, keine Kerzenromantik.

Aber es ist gerade das Fehlen all dessen, was mir einen weiteren Aspekt des heutigen Tages nahegebracht hat. Seit 1997 wird der 2. Februar als «Welttag des geweihten Lebens» begangen. Mit der Einführung dieses Gebets- und Reflexionstages wollte der heilige Papst Johannes Paul II. die Bedeutung des Ordenslebens in seinen vielfältigen Facetten neu in Erinnerung rufen und zum Gebet um geistliche Berufungen anregen. Gleichzeitig sind alle gottgeweihten Frauen und Männer eingeladen, ihre Professversprechen zu erneuern.

Warum sollte dies ausgerechnet am 2. Februar geschehen?

Grund sind die zwei Personen, die im Festevangelium der Darstellung des Herrn eine prominente Rolle spielen. Simeon und Hanna sind mit dem Tempel von Jerusalem eng verbunden. Während Simeon «vom Geist in den Tempel geführt» (Lk 2,27) wurde, hielt sich Hanna «ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten» (Lk 2,37). Diese beiden betagten Menschen werden offensichtlich als «Prototypen» des gottgeweihten Lebens betrachtet, während der Tempel zum Symbol für den sakralen Raum des Klosters wird.

So ganz abwegig ist diese Parallele ja nicht: Das gottgeweihte Leben ist in Europa alt geworden. Das Durchschnittsalter der Ordensgemeinschaften steigt und die Mitglieder werden weniger, Klöster werden geschlossen und umgenutzt, Aufgaben abgegeben und Stiftungen sollen das religiöse Erbe in die Zukunft retten.
Der Zustand unserer Klöster und Gemeinschaften ist wie Mariä Lichtmess am helllichten Tag: ziemlich ernüchternd.

Doch wir dürfen hier nicht stehen bleiben. Simeon und Hanna haben noch mehr zu bieten! Tatsächlich eröffnen sie uns gerade auf diesem ernüchternden Hintergrund eine Perspektive, die den Horizont des Glaubens erahnen lässt, ohne dass wir die aktuelle Situation schönreden müssen. Ja, das Ordensleben in Europa ist weitgehend alt geworden. Aber gerade in dieser Situation des Loslassens und im Verlust der Autonomie – mit welcher auch viele betagte Menschen ausserhalb der Klöster konfrontiert sind – werden uns Simeon und Hanna so zu Vorbildern. Es ist die Grundhaltung der Erwartung, welche diese beiden Menschen besonders auszeichnet. Sie sind Vorbilder der Hoffnung und der Zuversicht. Papst Franziskus hat dies vor drei Jahren so ausgedrückt: «Simeon und Hanna sind in ihrem Alter zu einer neuen Fruchtbarkeit fähig und sie bezeugen es singend: Das Leben verdient, voll Hoffnung gelebt zu werden denn der Herr hält sein Versprechen» (Papst Franziskus am 2. Februar 2017).

Ja, Gott hält sein Versprechen und er kommt. Das ist es, was die Ordensleute gerade auch in unserer Zeit bezeugen sollen: die Hoffnung, dass die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht nicht aus unserem eigenen Tun kommt, sondern in der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Und diese prophetische Haltung ist keine Frage des Alters. Sie ist vielleicht gerade den älteren Menschen besonders zu eigen, während wir jüngeren eher Gefahr laufen, im Aktionismus aufzugehen und uns das Heil und die Erfüllung selber schenken zu wollen.

Simeon und Hanna erinnern uns daran, dass die wahre geistliche Fruchtbarkeit nicht an die biologische gebunden ist. Wer «voll im Saft ist» und meint, alles selbst machen zu können, der läuft Gefahr, das Wichtigste zu verpassen.

Schliesslich waren die Vorhöfe des Tempels vollgepackt mit Menschen, als Maria und Josef kamen, um den gerade mal vor 40 Tagen geborenen Jesus dem Herrn darzustellen. Aber Lukas erzählt nur von zwei alten Menschen, dass sie im Kind den verheissenen Messias entdeckt haben. Sie liessen sich von Gott überraschen und liessen sich nicht von den damals gängigen Bildern des Messias irreleiten. Nein, Simeon und Hanna nahmen den Messias so an, wie er sich ihnen zeigte: als einfaches Kind.

Hunderte Menschen werden an jenem Tag am jungen Paar mit dem neugeborenen Kind achtlos vorübergegangen sein. Und doch haben auch sie Anteil am Messias. Denn Simeon und Hanna gelten als Repräsentanten des ganzen Bundesvolkes, weil sie die Erwartung auf das Kommen des Messias stellvertretend wachgehalten haben.

Mir scheint, dass auch die Ordensleute diese Erwartung in der modernen Gesellschaft wachhalten sollen. Indem die Ordensleute und gottgeweihten Personen diese Berufung leben, erfüllen sie in der Kirche eine wichtige Aufgabe.

So sagte Papst Franziskus in seiner letztjährigen Predigt zum 2. Februar gleich zweimal: «Ihr, gottgeweihte Männer und Frauen, ihr seid die immerwährende Morgenröte der Kirche!» (Predigt von Papst Franziskus am 2. Februar 2018).

Das ist ein hoffnungsvolles Bild – auch für das altgewordene Ordensleben in Europa – wenn es sich vom greisen Simeon und der Prophetin Hanna inspirieren lässt. Das Gleiche gilt übrigens auch für alle Eltern und Grosseltern, welche an der Situation leiden, dass ihre Kinder und Enkel den Glauben nicht mehr praktizieren. Ihnen allen gilt die Einladung: Seien wir Zeuginnen und Zeugen der Hoffnung, dass Gott ihnen zu seiner Zeit begegnen will.

In der Zwischenzeit mögen wir leuchten wie die Morgenröte: nicht aus uns selbst, sondern als Verweis auf Jesus Christus, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet. Denn die Kirche heute braucht kein stimmungsvolles Kerzenmeer, sondern Menschen der Hoffnung, die auf dieses Licht hinweisen.

Amen.