Gedanke zur Feindesliebe – 23. Februar 2020

22.02.2020

Ich könnte nicht sagen, dass ich einen „Feind“, einen Widersacher habe. Ich glaube auch, mich nicht selbst zu täuschen, wenn ich von mir behaupte, dass ich niemandes Feind und niemandem feind sei. Ich denke, dass es sehr viel braucht, bis man jemanden wirklich hasst und diesen als Widersacher betrachtet.

So mag uns das Wort Jesu, „Liebe deinen Feind!“ leicht fallen, nicht wahr? Machen wir uns aber nichts vor: Es gibt immer jemanden, den wir nicht mögen, eine schwierige Person, die wir auf den Mond schiessen möchten. Vielleicht wohnt sie nebenan oder arbeitet für dieselbe Firma?

Und diese Person nicht nur anzunehmen, sondern sie zu lieben, fordert uns Jesus auf: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Das ist doch starker Tabak!

Kürzlich habe ich ein Bild einer Ikone erhalten. Da trägt ein junger Mönch einen älteren Mitbruder auf seinem Buckel. Beide schauen in dieselbe Richtung, auf Christus, dargestellt im Baum des Lebens. Die Ikone ist beschriftet mit „Hagia Koinonia – Heilige Gemeinschaft“. Sie setzt die Worte aus der Regel des heiligen Benedikt ins Bild um: „Die Mönche sollen sich in gegenseitiger Achtung über­treffen, ihre körperlichen oder charakterlichen Schwächen sollen sie mit grosser Geduld ertragen“ (RB 72,4-5).

Wenn wir einander (er)tragen, wie es in der Ikone dargestellt ist, setzen wir schon sehr viel der Feindesliebe Jesu um. Auch wenn wir füreinander beten, können wir kaum einander wieder feind sein. Letztlich geht es darum, dass wir einander Hilfen sind auf dem Weg Christi, „der uns alle miteinander zum ewigen Leben führe“ (RB 72,12).

P. Cyrill