Sonntagsgedanke zum 26. Januar

25.01.2020

Lyrik und Prosa

Über die Feiertage von Weihnachten und Neujahr hatte unsere Klostergemeinschaft das Vergnügen, bei Tisch oder in der Kirche mehrmals Texte von zwei Frauen des Glaubens zu vernehmen: von Ida Friederike Görres (1901 – 1971) und von Sr. Hedwig Silja Walter (1919 – 2011). Die eine, Görres, ist eine geborene Erzählerin, erdverbunden, genau beobachtend und in Bekanntes auf eine eigene Weise Neues, andere Sichtweisen einbringend. Die andere, Walter, ist eine Lyrikerin, man kann sagen, eine Mystikerin, die sich auf ihre eigene Gotteserfahrung einlässt, schreibend um sie ringt und schreibend immer wieder Holz auf das Feuer legt, das in ihr brennt.

Die Begegnung mit den beiden schreibenden Frauen wirkte auf mich wie prickelndes und belebendes Mineralwasser. Ihre Spiritualität ist ganz auf lebendige Begegnung gegründet, auf Reflexion und Meditation. In Lyrik und Prosa tut die religiöse Rede gut, schafft Nähe und Wärme. Systematisches theologisches Denken gibt der individuellen religiösen Erfahrung einen kollektiven Kontext, während das in der persönlichen Erfahrung verortete symbolische und bildhafte Sprechen Ersteres vor zu viel Abstraktion bewahrt. Beides zusammen ergibt ein Magnetfeld zwischen zwei unterschiedlichen Polen, die zwar Unruhe entstehen lassen, aber auch davor bewahren, ins geistliche Koma zu fallen.

Ich füge zwei kurze Texte der Dichterinnen als Leseproben hinzu, welche die beiden Persönlichkeiten bestens charakterisieren: die Mystikerin Sr. Hedwig und die erdhafte und weltverbundene Ida Frederike Görres.

Im folgenden Text wendet sich Görres gegen eine Spiritualität, welche ihren erdhaften, schöpfungsmässigen Wurzelgrund verlassen hat (aus: Görres, Weltfrömmigkeit, ISBN 3-7820-0352-7).

„Der Christ baut sich nun ein Gottesbild zurecht, das Karl Rahner mit Recht „vampyrisch“ nennt; das alle Göttlichkeit und Gutheit von der Welt gleichsam absaugt, um sie ausschliessend, nicht einschliessend und spendend, in sich einzusperren. … Das Leitbild des Heiligen, des vollkommenen Christusjüngers, das hier verkündet wird und in Treibhäusern gezüchtet wurde, hat mit den einzelnen historischen Heiligen herzlich wenig zu tun. … Es ist pure Idee geworden, reine Abstraktion wie die Urpflanze.

(Der diesem Gottesbild entsprechende Heilige) hat alle menschlichen Neigungen und Bindungen restlos ausgerottet, er ist zu allen guten Werken gleich begabt und gerüstet. Er ist der synthetische Heilige, unabhängig von jeglichem natürlichen Material und Unterbau, rein durch Vernunft und Wille hergestellt: wie ein Weihnachtsbaum prangt er im Schmuck unzähliger Früchte, die nicht auf ihm gewachsen sind, von ferne hergeholt und kunstvoll aufmontiert. Und das Bäumchen, das andere Blätter hat gewollt, soll nun aus sich diese ungeheuerliche und unnatürliche Idealpracht reproduzieren!“

Als Andeutung einer Spiritualität der Verbundenheit mit der Schöpfung hingegen kann das folgende Gedicht von Sr. Hedwig Silja Walter gelten (aus: Walter, Gesamtausgabe Bd. 8, ISBN 3-7228-0571-6):

Schöpfungsoffenbarung

Der Lebensbaum
mit Glanz im Geäst.

In Knospe und Zelle
schon
sprudelt die Quelle,
das ewige Fest.

Und alle Räume
voll blauer Bäume
duften
davon.

Wir stehen,
wir schauen –
wie leuchtet der Morgen.

In uns ist,
in uns –
ist
das ganze Geheimnis
der Schöpfung verborgen.

Theo Flury