Predigt zum Meinradstag, 21. Januar 2020

22.01.2020

Am Hochfest des ersten Bewohners Einsiedelns predigte der Diakon der Pfarrei Einsiedeln, Steffen Michel. Traditionell wird das Pontifikalamt als gemeinsamer Festgottesdienst von Kloster und Pfarrei Einsiedeln gefeiert. Darum wandte der Prediger das Evangelium auch auf die aktuelle Situation in der Pfarrei Einsiedeln an. 

Kamel und Nadelöhr – Predigt von Diakon Steffen Michel zu Mk 10, 17-30

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

Am Beginn dieses Evangeliums kommt da ein junger, wohlhabender Mann zu Jesus und stellt ihm eine Frage. Allein schon das, finde ich eine sehr sympathische Einleitung, in diese Geschichte von heute: Da ist jemand, der Jesus eine Frage stellt. Da wird einmal nichts erbeten, nichts eingefordert, nichts reklamiert – nein, diesem Jesus darf ich auch mit meinen Fragen begegnen. Und wie gut ist das, wenn man überhaupt noch Fragen hat. Viele Menschen fragen ja heute gar nicht mehr nach Gott, und sie stellen ihm auch keine Fragen mehr nach den brennenden Dingen in ihrem Leben.

Hier ist ein junger Mann, der tut es, er hat eine grosse, ganz besondere Frage an Jesus: «Wie kann ich das ewige Leben erlangen? Was muss ich tun dafür?» Wenn es wirklich ein ewiges Leben nach dem Tod gibt – und das verspricht uns ja die Bibel – dann gibt es doch keine entscheidendere und wichtigere Frage als diese!

Wir stellen uns heute alle möglichen und unmöglichen Fragen: Wenn ich in unsere Pfarrei Einsiedeln schaue, dann werden auch da viele Fragen momentan gestellt, besonders im Zuge unserer pastoralen Neuausrichtung: Sollen die Sonntagsgottesdienste jetzt wirklich erst um 10 Uhr stattfinden, oder doch lieber um 09.00 Uhr? Wie viele Gottesdienste sind überhaupt noch vertretbar bei so wenig Personal, wieviel Erstkommunion braucht ein Viertel? Fragen über Fragen – es gäbe noch viel mehr. Und ich denke mir so oft: Schade, wie man doch an den wesentlichen Dingen einfach «vorbeifragen» kann. Es wird allzu viel gefragt nach Strukturen und Administration, Ressourcen und Management… Wer aber stellt noch die Frage des reichen Jünglings…? Wer stellt heute noch die wirklich wichtigen Fragen, die, auf die es wirklich ankommt für einen Christen?

Die richtigen Fragen zu finden ist das eine, aber bin ich auch bereit mich der Antwort zu stellen, besonders dann, wenn diese so ganz anders ausfällt, als wie ich sie mir ausgemalt habe?

Wenn wir ganz genau hinhören, dann erkennen wir auch in der Frage des jungen Mannes dieses Bedürfnis nach Struktur, nach Organisation, wenn er sagt: «Hier schau her, ich habe mich seit meiner Jugend an die Gebote gehalten. Ich bin doch ein guter Mensch. Das habe ich alles erreicht, – wie muss ich jetzt mein Handeln gestalten; wie sehen nun die nächsten Schritte konkret aus? Was muss ich tun?»

Und da erkennt Jesus – hier stimmt etwas nicht – da ist jemand leider auf dem Holzweg. Und er vermittelt ihm: Tun kannst du dafür schon mal gar nichts. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sich jemand den Himmel durch sein eigenes Tun verdienen könnte. Das bedeutet für den jungen Mann: Er kann machen, was er will – durch seine Leistung wird er es nie schaffen in den Himmel zu kommen. Aus eigener Kraft allein, und selbst wenn er noch so viele Gebote halten würde, gewinnt kein Mensch das Reich Gottes. Es ist weder der Lohn für gute Taten, noch das Ergebnis eines moralischen oder besonders frommen Lebensstils. Mit all dem, kann ich das Reich Gottes nicht erwerben, und das liegt daran, dass es eben überhaupt nichts Erwerbbares ist, sondern es ist im Wesentlichen Geschenk, reine Gnade aus Liebe. Nur er kann es schenken. Für Gott ist das möglich, nicht für den Menschen – so haben wir gehört.
Für Gott ist es möglich, uns schwachen und unvollkommenen Menschen das ewige Leben zu schenken, obwohl wir nie perfekt sein werden und immer wieder in die eigenen Fehler und Macken zurückfallen werden, das macht mir Mut und das schenkt mir Hoffnung.

Egal wie weit jemand auch von Gott entfernt sein mag, wie ungern er das aufgibt was er sich angehäuft und aufgebaut hat und was vielleicht noch zwischen ihm und Gott steht: Gottes Liebe kann immer zu dem Menschen durchdringen!

Und darauf darf ich vertrauen: Was ich selbst nicht schaffe, ist von Jesus am Kreuz bereits erlöst worden. Das Kreuz Christi wird zum „Nadelöhr“: Da muss man vorbei auf dem Weg zum ewigen Leben. Dort am Kreuz darf ich loslassen, was das Herz gefangen nimmt. Und dann, wenn ich mit leeren Händen dastehe, dann kann ich auch sein Geschenk entgegennehmen – vorher geht das nicht.

Ein Mensch, der das verstanden hat, ist der Hl. Meinrad. Er hatte auch seine ganz eigenen Fragen. Aber er ist damit ganz anders umgegangen, für ihn gab es nur die eine Adresse um seine Fragen zu deponieren und das war allein Gott. Da wurde nicht gefragt nach Strukturen und Organisation, nein, für ihn gab es nur eins und das war das Wesentliche – die Beziehung zu seinem Erlöser. Dafür war er bereit alles zurückzulassen, um nur ganz allein bei diesem seinem Gott zu sein, von ihm allein erwartete er die Antworten auf seine ganz persönlichen Lebensfragen. Und es ist gut und richtig, dass wir dieses Evangelium heute an diesem Gedenktag gehört haben, denn der Hl. Meinrad ist quasi die konsequente Fortführung des reichen Jünglings. Er ist nicht einfach betrübt weggegangen, weil er sein Hab und Gut aufgeben sollte, sondern er hat es freiwillig und bereitwillig getan, indem er sich in die Einsiedelei zurückgezogen hat. Und damit wird er zum perfekten Pendant des wohlhabenden Mannes aus der heutigen Geschichte.

Vielleicht möchte uns dieser Festtag heute einladen, einmal wieder neu die Hände und das Herz zu leeren, von Dingen, die mich zu arg in Beschlag nehmen. All meine Fragen, alles was mich momentan umtreibt, hat seinen Platz hier vorne, vor dem Altar – da darf ich Jesus alles zu Füssen legen. Und so können auch wir – wie der Hl. Meinrad – mit freien Händen und aufgeschlossenem Herzen uns unserem Erlöser nahen.

Zum Bild: Nach der Festmesse entstand dieses Foto in der Sakristei. Abt Urban Federer wird flankiert von den beiden Diakonen Steffen Michel (Pfarrei Einsiedeln, rechts) und Br. Thedore Haggerty (Marmion Abbey, USA – „Enkelkloster“ von Einsiedeln, links), neben den beiden Ministrantinnen sind noch Br. Jean Fish (Saint Meinrad Archabbey – „Tochterkloster“ von Einsiedeln) und P. Cyrill Bürgi (Zeremoniar) zu sehen.