Predigt von Neujahr

01.01.2020

Zu ihm haben wohl die meisten von uns, liebe Schwestern und Brüder, ein zwiespältiges Verhältnis. Zum einen freuen wir uns auf ihn, zum andern fürchten wir uns aber auch vor ihm – vor ihm? Vor dem Neuanfang. «Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne», schreibt Hermann Hesse in einem Gedicht. Es ist wahr. Jedenfalls kenne auch ich es, dieses Gefühl am Beginn von etwas Neuem: Es ist das Kribbeln des Aufbruchs, die Neugierde auf etwas Neues, die Vorfreude auf bisher noch nie Erlebtes. Etwas Neues geschieht und wir sind mittendrin, ja wir sind ein Teil davon. Was uns elektrisiert, ist vielleicht die Möglichkeit, kreativ zu werden, selbst etwas schaffen zu können.

Gleichzeitig kennen wir aber auch das mulmige Gefühl, das uns in genau solchen Momenten des Aufbruchs, des Neuanfangs befällt: Es ist das Gefühl, von dem mir schon so viele erzählten, die eine Weltreise unternommen haben – und die im letzten Moment vor der Abreise am liebsten die Koffer wieder ausgepackt hätten. Ein Neuanfang bringt nämlich auch die Angst vor dem Ungewissen mit sich. Wer einen Neuanfang wagt, der verlässt die gewohnte Umgebung, in der man sich so gut eingerichtet hat. Selbst wenn es einem dort nicht oder nicht mehr behagt: Wenigstens weiss man, was man hat. Und das gibt Sicherheit. Wenn man aber ins Unbekannte aufbricht, hat man diese nicht: Wer aus dem Hafen herausrudert und immer weiter rudert, der ist irgendeinmal plötzlich auf hoher See, aber noch ohne das Land zu erspähen, zu dem hin man unterwegs ist, ohne genau zu wissen, wie lange man noch unterwegs ist, ja ob man überhaupt die richtige Richtung eingeschlagen hat. Deshalb bleiben wir vielleicht doch lieber zu Hause, bei unserer Routine, selbst wenn wir eigentlich längst wüssten, dass es Zeit wäre, aufzubrechen, aufzustehen, hinauszugehen. Manchmal ist es also nicht das Problem, dass wir zu hoch hinaus wollen, dass wir zu viel erstreben, das uns gar nicht zusteht. Im Gegenteil: Wir trauen uns zu wenig zu und machen uns deshalb erst gar nicht zu einer Veränderung hin auf.

Und was macht uns sonst noch Bammel in Hinblick auf einen Neuanfang? Bei manchen von uns ist es vielleicht die Angst vor dem Scheitern, dass wir das Vorgenommene schon wieder nicht schaffen, einmal mehr: Dass ich mir mehr Zeit für meine Familie und für mich selbst nehme, dass ich etwas mehr auf meine Gesundheit achte, dass ich bewusster meine Beziehung zu Gott pflege, dass ich etwas mehr Sorgfalt walten lasse im Umgang mit der Schöpfung. Daher kommt wohl auch der schlechte Ruf von Neujahrsvorsätzen, die ja – so hören wir in diesen Tagen immer wieder als Strategie der Selbstvergewisserung – sowieso nichts bringen würden und die man deshalb schon im Vornherein sein lässt. Ob dieses Scheitern bei guten Vorsätzen, bei Neuanfängen vielleicht von daher rührt, dass wir uns zu viel auf einmal vorgenommen haben, zu wenig Geduld mit uns hatten, und den Berggipfel in einem einzigen Schritt zu erklimmen suchten, der uns aber völlig aus dem Gleichgewicht brachte, sodass wir hinfielen, ohne das Ziel je erreicht zu haben? Dann könnten wir ja versuchen, die Strecke in kleinere, machbare Schritte zu unterteilen. Die Freude darüber, dass wir das nächste kleine Ziel erreicht haben, wird uns bestimmt beflügeln für die weiteren Schritte. Und lassen wir uns dabei nur nicht einreden, dass sich die einzelnen Etappen ja kaum voneinander zu unterscheiden, dass wir also kaum vorwärtskommen. Wenn wir dranbleiben, und das ist für mich der Kern des geistlichen Lebens, des Lebens mit Gott: Wenn wir dranbleiben, dann geschieht häufig mehr, als wir uns bewusst sind. Das kennen wir doch schon aus der Natur: Wenn wir im Frühling jeden Morgen hinausgehen zur kleinen Frucht draussen am Apfelbaum, sehen wir auch kaum eine Veränderung: Und doch hängt da im Herbst ein schöner, grosser, reifer Apfel. So stehen auch wir plötzlich auf dem ersehnten Berggipfel, geniessen den wunderbaren Ausblick – und sehen daneben vielleicht einen weiteren Gipfel, der noch etwas höher ist und – Sie wissen schon – den wir vielleicht gerne als nächstes besteigen würden.

Sie sehen, liebe Schwestern und Brüder: Meine Predigt ist ein Plädoyer für das Wagnis des Neuanfangs! Wenn wir also schon längst von etwas loskommen oder etwas Neues beginnen wollten, dann ist heute ein guter Moment dafür – so wie jeder Tag ein guter Moment dafür ist. Und selbst wenn wir wieder stolpern, immer wieder und immer über dasselbe, dann dürfen wir darauf vertrauen: Gott schaut nicht darauf, ob wir tausend Mal fallen. Er schaut vielmehr darauf, ob wir einmal mehr bereit sind, seine Hand, die er uns unentwegt entgegenstreckt, zu ergreifen, und es mit ihm zusammen noch einmal wagen. Spüren sie auch schon das Kribbeln des Neuanfangs?

 

P. Thomas Fässler