Predigt an Epiphanie – Erscheinung des Herrn

06.01.2020

Epiphanie – Erscheinung des HERRN. Nochmals ein weihnächtlicher Höhepunkt, nochmals feiern wir die Menschwerdung Gottes, gleichsam Weihnachten Nr. 2. Das Fest hat theologisch wie liturgisch einen hohen Stellenwert, steht aber in unserer Gesellschaft etwas abseits; im Gegensatz zu Weihnachten vielerorts gar kein Feiertag mehr. Warum wohl? Weil wir von Weihnachten allmählich genug haben? Es könnte auch etwas anderes dahinter stecken.

Es geht auch am heutigen Fest um die Menschwerdung, um das Kommen des Sohnes Gottes in diese Welt, aber der Akzent hat sich etwas verschoben: heute steht nicht mehr die Geburt des Jesuskindes mit allem Drum und Dran im Vorder-grund, sondern die Tatsache, dass der Sohn Gottes in dieser Welt erschienen ist, dass das Wort in die ganze Welt hinausgesprochen wird: Jesus wird den drei Weisen aus dem Morgenland vorgestellt, die gleichsam stellvertretend für alle Menschen den neugeborenen König suchen und die Erinnerung an ihn mit nach Hause tragen. Dieser Aspekt des Weihnachtsgeschehens spricht nicht, wie die Geburt zu Betlehem, unser Gemüt an, sondern eher unseren Verstand und ist deshalb weniger anschaulich – wohl auch ein Grund, warum das heutige Fest im Schatten von Weihnachten steht.

Diese Akzentverschiebung scheint mir nicht ganz nebensächlich zu sein.

Die Anschaulichkeit der Geburtsgeschichte hat ihre Kehrseite: sie kann uns dazu verleiten, allzu sehr bei diesem Ereignis der Geburt stehen zu bleiben und dabei zu übersehen, dass das nicht die ganze Menschwerdung ist. Jesus, der Mensch gewordene Gottessohn, hat schliesslich nur gut dreissig Jahre unter uns gelebt und dann mit dem Tod am Kreuz die Welt wieder verlassen – allerdings um durch die Auferstehung in einer neuen Art und Weise unter uns gegenwärtig zu werden.

Und diese andere Art und Weise seiner Gegenwart wird durch das heutige Fest gleichsam „eingeläutet“. Jetzt nimmt das Wort Gottes nicht mehr in der Gestalt des Jesuskindes einen konkreten, einzelnen Leib an, sondern es wird den Menschen, allen Menschen verkündet, damit es in ihnen Gestalt annehme.

Menschwerdung bedeutet eben nicht nur die Verbindung von Gott und Mensch in der Person Jesu Christi, Mensch wird Gott in allen Menschen, die sich für ihn öffnen, und darum bekommt die Menschwerdung eine unübersehbare Vielfalt, weil sie in jedem Menschen wieder eine etwas andere Gestalt annimmt.

Die Geschichte mit den drei Weisen aus dem Morgenland wird vom Evangelisten nicht weiter ausgedeutet; man erfährt nicht, welche Eindrücke sie mitgenommen und was sie mit der Botschaft dieses Königs gemacht haben. Aber auch in ihnen, so nehme ich an, ist das Wort Fleisch geworden.

Und genau das geschieht in all denen, die sich vom Wort Gottes treffen und er-greifen lassen. Es gibt Menschen, die diese Vereinigung mit Gott, diese Menschwerdung deutlich erfahren haben, grosse Heilige und Mystiker, die aber viel-fach Mühe hatten, diese Erfahrung anschaulich darzustellen und mitzuteilen.

Bei den meisten von uns ereignet sich diese Menschwerdung Gottes unspektakulär, ja kaum bemerkt. Wir werden daran erinnert, wenn wir als Kinder Gottes bezeichnet werden – denn als Kind hat man Teil an den Eltern und hier eben an Gott. Oder wenn uns Paulus als Tempel Gottes bezeichnet, als Glieder am Leibe Christi, wenn er vom neuen Menschen spricht, den wir anziehen sollen. Aber das bleibt immer recht allgemein und abstrakt. Was aber entscheidend ist: die Mensch-werdung Gottes geschieht auch in uns.

Mit unserm Christsein stehen wir daher näher bei den drei Weisen aus dem Mor-genland als bei der Krippe. Wir sind aufgefordert, uns wie sie immer wieder auf-zumachen, um nach dem in diese Welt gekommenen Sohn Gottes zu suchen und ihm zu huldigen. Dann ereignet sich die Menschwerdung Gottes auch in uns.

So ist es eigentlich gut, dass Weihnachten wieder vorbei ist, wir uns nicht von der Krippe festhalten lassen, sondern uns mit den Weisen auf den Weg machen, um den in die Welt gekommenen Sohn Gottes immer wieder neu zu suchen. Amen.

P. Lorenz Moser