Predigt an Heiligabend 2019

26.12.2019

In der Mitternachtsmesse an Heiligabend predigte unser Dekan, Pater Daniel Emmenegger. Hier können Sie seine Predigt nachlesen:

1. Aus verschiedenen Gründen ist der Mitternachtsgottesdienst an Weihnachten ein spezieller Gottesdienst. Einer dieser Gründe, die diesen Gottesdienst so speziell machen sind Sie oder zumindest ein wohl nicht geringer Teil unter Ihnen, den Mitfeierenden. Ich meine jene unter Euch, die gerne Weihnachten in der Kirche feiern, dieser während des restlichen Jahres dann aber fern bleiben. Wusstet Ihr, wie man Euch nennt? Man nennt Euch unter anderem „Weihnachtschristen“. Ich möchte Euch sagen, dass ich mich gerade Euretwegen speziell auf diesen Weihnachtsgottesdienst gefreut habe.

2. Ich sage Euch auch, warum: Am 3. Oktober dieses Jahres fand hier in Einsiedeln auf Initiative unseres Abtes Urban ein Impulstag für Leute statt, die in Pfarreien und Kirchgemeinden eine spezielle Verantwortung tragen. Als Referent wurde ein Priester aus Kanada eingeladen, der dort sehr erfolgreich dahinsärbelnde Gemeinden neu beleben konnte. Am Beginn seines Vortrags zeigte er uns ein Bild mit dem Kernteam, von dem aus dieses neue Leben in die Gemeinde hinein-sprudelte. Und wissen Sie was? Es waren Menschen von überall her darunter, nicht wenige von ihnen zuvor „kirchenfern“ – oder vielleicht eben traditionelle „Weihnachtschristen“! Spätestens seit diesem Tag seid Ihr in meinen Augen Grund zu grosser Hoffnung für die Kirche, für die Welt. Und eben deshalb habe ich mich speziell auf Euch gefreut!

3. Mit Blick auf die Predigt von heute Nacht habe ich unseren Herrn seit Wochen im Gebet bestürmt und Ihn gefragt, was man Euch denn nun mitgeben könnte, damit die Hoffnung, deren Grund Ihr seid, nicht vergebens ist. Und tatsächlich hat Er mir etwas zu-fallen lassen, das ich Euch und uns allen gerne weitergebe. Es ist ein für heute leicht angepasstes Gebet aus dem Jahr 1894 aus der Feder des im vergangenen Oktober heiliggesprochenen englischen Kardinals John Henry Newman. Es liegt hinten auf. Sie können es gerne mitnehmen und – vor allem! – anwenden. Für etwaige Risiken und Nebenwirkungen übernehme ich gerne die Verantwortung. Weihnachten berechtigt uns zu solchem Gebet, will dieses Gebet ja letztlich nichts anderes als dass die Nacht geweiht werde.

O mein Gott, ich bekenne: Du kannst meine Nacht erleuchten. Ich bekenne: Du kannst es allein.
Ich möchte, dass meine Nacht hell werde. Ich weiss nicht, ob Du es willst. Aber dass Du es kannst und dass ich es will, sind Gründe genug für mich, zu erbitten, was Du wenigstens nicht verboten hast zu erbitten.
Ich verspreche Dir: durch Deine Gnade, um die ich Dich bitte, will ich umfangen, was immer ich letztlich gewiss als die Wahrheit erfahre.

4. Mit diesem Gebet trauen wir (wir alle!) Gott zu, dass er unsere Nacht weihen; das Dunkel in uns hell machen kann. Aber vielleicht können Sie mit der Vorstellung, dass in Ihnen, in uns, um uns Nacht sein soll – selbst dann, wenn die Sonne scheint – gar nichts anfangen!?

5. Nun, es ist auf jeden Fall kein Zufall, dass wir die Geburt Jesu Christi, den wir – nota bene! – unseren Retter und Erlöser nennen, in einer der längsten Nächte des Jahres feiern. Die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember steht symbolisch für eine Nacht, die uns alle umgibt. Es ist die Nacht, die uns Gott nicht sehen und erkennen lässt. Morgen, am Weihnachtstag, wird uns im Gottesdienst der Anfang des Johannesevangeliums vorgetragen. Dort heisst es: „Das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. ER war in der Welt, und die Welt ist durch IHN geworden, aber die Welt erkannte IHN nicht“ (Joh 1,9-10). Das ist das eine: Die Nacht ist derart, dass sie uns das Licht nicht sehen lässt, selbst wenn es in ihr aufscheint.

6. Das andere: Die Nacht hüllt uns in eine Art Schlaf. Und wir haben es gar nicht gerne, wenn wir aus diesem Schlaf geweckt werden. Ein Liederdichter aus dem vierten Jahrhundert – Ephräm der Syrer – drückt dies mit drastischen Worten aus: „Die ganze Schöpfung wurde redend und verkündete laut Gottes Lob (hören Sie noch den Gesang der Engel von eben aus dem Evangelium, den Stiftschor und Orches-ter kurz zuvor im Gloria engelähnlich erklingen liessen?); Gott sprach wiederholt lauter als der Donner: Dies ist mein Sohn (so sang die Schola ganz zu Beginn dieses Gottesdienstes auf Latein)… Und doch entfloh Zions Schlaf bei der Stimme dieser Donner nicht; es wurde be-trübt, bestürzt, stand endlich auf und tötete Ihn, wer Er es aufgeweckt hatte“ (4. Gesang über die Geburt unseres Heilands). Sie sehen, diese Art Schlaf kann also sehr aktive, gar aktivistische Züge annehmen, nur um diese lästige Stimme, die uns weckt und ruft, loszuwerden, um weiterschlafen zu können!

7. Ahnen Sie nun etwas von dieser Nacht? Durchfährt Sie darob nicht ein leiser Schauer? Ich denke, wenn wir nicht ein wenig davor erschrecken – dann ist es eben Nacht (nach Bernard v. Clairvaux, Brief an Papst Eugen)!

8. So kommt der Bitte, dass diese Nacht geweiht werde, indem das Licht Gottes in ihr aufstrahlt, eine eigentliche Dringlichkeit zu. Aber diese Bitte nimmt uns in Pflicht: Es reicht nicht, Gott zuzutrauen, dass Er unsere Nacht weihen kann. Wir müssen es auch allen Ernstes wollen und bereit sein, die Konsequenzen zu ziehen. Erleuchtet vom Licht des Glaubens müssen wir bereit sein, vieles neu zu sehen; wir müssen be-reit sein, umzudenken; wir müssen bereit sein, unsere Selbstverständ-lichkeiten und Deutlichkeiten hinterfragen zu lassen; wir müssen bereit sein, in zunehmendem Widerspruch zur sogenannten „öffentlichen Meinung“ zu stehen; zu dem, was allgemein als vernünftig, normal, gut und gerecht gilt; wir müssen bereit sein, gegen einen „Mainstream“; gegen einen Strom zu schwimmen, der aus anderen Quellen als dem Evangelium gespiesen wird. Und – wohl das schwierigste! – wie müs-sen bereit sein, uns unserer eigenen Nacht zu stellen und Christus darin wohnen zu lassen. Er ist unser Licht, unsere Hoffnung, unser Friede. So sind wir dann auch bereit, Red und Antwort zu geben, wenn wir nach dem Grund unserer Hoffnung gefragt werden (vgl. 1 Petr 3,5).

9. Das alles ist kein Kinderspiel, sondern existenzielle Herausforderung. Eine Herausforderung, derer Sie jedoch würdig sind. Denn Sie sind Grund zu grosser Hoffnung! Gott selbst hofft auf Sie!

10. Gott zutrauen, dass Er unsere Nacht mit Seinem Licht weihen kann; diese Weih-Nacht aus ganzem Herzen wollen: Das lässt uns Gott um diese Gnade bitten. Bitten bedeutet noch nicht erlangen. Das ist wichtig, zu sehen. Wir dürfen uns nie an dem festklammern, was wir wollen, sondern müssen dieses immer wieder freigeben in die Weite und Weisheit Gottes hinein, wo es eben keine Nacht gib. Damit lassen wir zu, dass Gott der eigentlich Handelnde ist: Er ist es, der unsere Nacht hell macht, in uns und durch uns.

11. Gott zutrauen, dass Er unsere Nacht mit Seinem Licht weihen kann; diese Weih-Nacht aus ganzem Herzen wollen; Ihn an uns und durch uns handeln lassen: Haben wir Mut zu solchem Gebet! Weihnachten berechtigt uns dazu:

O mein Gott, ich bekenne: Du kannst meine Nacht erleuchten. Ich bekenne: Du kannst es allein.
Ich möchte, dass meine Nacht hell werde. Ich weiss nicht, ob Du es willst. Aber dass Du es kannst und dass ich es will, sind Gründe genug für mich, zu erbitten, was Du wenigstens nicht verboten hast zu erbitten.
Ich verspreche Dir: durch Deine Gnade, um die ich Dich bitte, will ich umfangen, was immer ich letztlich gewiss als die Wahrheit erfahre.

Amen.

Foto: Blick von der sog. „Assumpta-Galerie“ unter dem Hochaltarbild ins Schiff unserer Klosterkirche. Wir freuen uns über die gutbesuchten Weihnachtsgottesdienste! (Foto: Jean-Marie Duvoisin)