Predigt am Weihnachtstag 2019

25.12.2019

Predigtwort von Abt Urban Federer OSB im Rahmen des Pontifikalamts am Weihnachtstag in der Klosterkirche Einsiedeln.

Liebe Brüder und Schwestern, als ich vor zwei Wochen in einer Kirche irgendwo in Deutschland betete, tauchten neben mir ein kleiner Junge und seine Grossmutter auf. Sie schauten sich gemeinsam die Krippe neben mir an. Die Grossmutter erklärte ihrem Enkel, dass im Moment nur die Hirten zu sehen seien, noch nicht das Christkind. Die Hirten würden dann an Weihnachten bei Betlehem durch die Engel von der Geburt Christi erfahren. Da fragte der kleine Junge: «Aber Oma, wie schaffen die Hirten denn jetzt noch den Weg nach Betlehem? Das ist doch viel zu weit ohne Flugzeug!» Ich musste mich zusammenreissen, um nicht hörbar zu schmunzeln. Ohne es zu ahnen, hatte mir der kleine Junge meine Predigtthema gegeben: Weihnachten ist nicht vor 2’000 Jahren, Weihnachten ist heute, darum müssen sich die Hirten ja auch beeilen.

Auch wenn heute im Evangelium einer der berühmtesten Texte der Weltliteratur verkündet wurde – der Prolog des Johannesevangeliums –, werden die meisten unter uns nicht wiedergeben können, was da gelesen wurden. Wie viel einfacher hat es doch die Geschichte, wie sie uns der Evangelist Lukas in der Heiligen Nacht erzählt mit der Herbergssuche, mit der Krippe, mit den Hirten auf den Feldern. Doch gerade wegen dieser Erzählung haben wir das Gefühl, Weihnachten sei von gestern, denn eine solche Szenerie dient heute nur noch für Krippenspiele. Das Johannesevangelium macht das anders. Es sieht zusammen mit der Genesis, mit dem ersten Buch der Bibel Gott als Schöpfer von allem, was ist, wenn dieser spricht: «Es werde», und alles wird auf dieses Wort hin. Und dann heisst es im Evangelium von diesem göttlichen Wort: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt». So tönt Weihnachten doch ganz anders. Da laufen keine Hirten, da singen keine Engel, da gibt es nur den Menschgewordene Sohn Gottes – und uns. Denn Weihnachten ist heute, für uns. Darum heisst es im Evangelium: «Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.» Johannes der Täufer ist ein konkreter Mensch wie wir, der bezeugt, dass der Glaube von Weihnachten sich lohnt. Es lohnt sich, an das Licht zu glauben, und zwar nicht gestern, sondern heute. Brauchen wir nicht immer alle wieder ein Licht, eine neue Perspektive? Als Sie heute hierhergekommen sind, mussten Sie durch eine Baustelle zur Kirche finden. Zugegebenermassen war diese Baustelle schon schlimmer. Weihnachten kann sie nicht verdecken, wie das Fest auch die Baustellen in unserem Leben nicht verdecken kann. Aber das Fest kann uns darin eine neue Perspektive geben, so wie wir als Kloster auf der Baustelle des Klosterplatzes eine neue Chance erhalten haben. Nicht die geplanten Arbeiten um den Marienbrunnen herum konnten wir in Angriff nehmen, dafür den Oberplatz: den Zugang zur Kirche. Diesen wünschen sich viele Menschen schon lange barrierefrei – und das können wir nun früher angehen, als ursprünglich geplant. Das ist ein Weihnachtsgeschenk für Menschen, die wir bei uns empfangen wollen, die aber nur schwer zu uns kommen können. Das ist auch ein überraschendes Geschenk für mich und die Klostergemeinschaft.

Noch schwieriger zu verstehen als das Evangelium ist die heutige Lesung aus dem Hebräerbrief. Er wurde an das junge Christentum geschrieben, als es noch kein Weihnachtsfest gab, keine Kempter-Messe und kein «Christe redemptor». Gerade deshalb fordert uns seine Botschaft heraus, die von Gott sagt: «Am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn.» Am Ende dieser Tage. Das ist keine Zeitangabe, das meint vor allem: Gott spricht in Jesus unwiderruflich. Für den Hebräerbrief meint Weihnachten: Jesus wurde nicht auf Probe geboren, hat nicht auf Probe mit uns gelebt, ist nicht auf Probe für uns gestorben, hat nicht auf Probe geliebt. Er ist das endgültige Ja Gottes zu uns Menschen, das göttliche Ja zur Menschheit, zur Welt. Ein solches Ja kann uns tragen, wo wir doch unser Leben oft als vorläufig und unsicher, ja vieles als verlogen und vergeblich erfahren. Das weihnachtliche Ja Gottes ist ein Licht in unserer Dunkelheit, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Ein Licht, wo wir gelähmt sind, der Depression verfallen oder einfach keinen Sinn mehr sehen. Weihnachten erzählt davon, dass da einer ist, der uns sucht, liebt, trägt, uns leuchtet, der mit uns auf dem Weg ist in den Baustellen unseres Lebens.

Meine Lieben, am Schluss meiner Predigt brauche ich wieder den kleinen Jungen mit seiner Fantasie und der Frage, wie nun die Hirten es noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest schaffen. Es braucht nämlich unsere Fantasie, wie Weihnachten aktuell bleibt, wie dieses göttliche Licht zu anderen kommt, damit auch sie erfahren dürfen: Da ist einer, der spricht das gute, unwiderrufliche Wort für mich, das mich trägt, das mir leuchtet. Es braucht Menschen wie Johannes den Täufer, der Zeugnis für dieses Licht gibt. Wir müssen gar nicht zu weit suchen in unserer Fantasie, um selbst Zeugnis geben zu können. Manchmal reicht ein Lied der Hoffnung, das wir für andere anstimmen können. Manchmal reicht sogar nur der Anfang eines Liedes, und bereits wissen wir: Heute ist Weihnachten. Hören Sie! Eine Geige spielt die ersten vier Töne von «Stille Nacht». Sehen Sie: Es funktioniert, schon sehe ich ein Lächeln auf unseren Lippen. Manchmal wäre es so einfach, Friede und Freude weiterzugeben. Weihnachten ist heute. Ich wünsche uns allen viel Fantasie und dieses göttliche Licht von Weihnachten! Amen.

Bild: Abt Urban küsst das Evangeliar nach der Verkündigung des Evangeliums (Foto: Jean-Marie Duvoisin).