Predigt am Stephanstag 2019

26.12.2019

Am zweiten Weihnachtsfeiertag, der dem ersten Märtyrer Stephanus geweiht ist, predigte Pater Cyrill Bürgi.

Wenn Sie einmal in Rom sind, müssen Sie die Basilika Santa Pudenziana ganz in der Nähe von Santa Maria Maggiore be­su­chen. In der Apsis befindet sich ein Mosaik aus dem be­gin­nen­den 5. Jahrhundert. Es zeigt Christus umgeben von den Apos­teln. Zwei Frauen bringen Kränze und halten sie über die Häupter der Apostel Petrus und Paulus, um sie zu be­kränzen.

In Ravenna gibt es ebenfalls zwei Kirchen mit Mosaiken aus der ausgehenden Antike. In der Kirche San Vitale reicht Christus dem Märtyrer Vitalis einen goldenen, mit Edelsteinen besetzten Kranz. In der Basilika San Apollinare Nuovo wird eine ganze Märtyrer­prozession dar­gestellt. Alle Märtyrer sind gekennzeichnet mit einer Märty­rer­palme und auf ihren Händen tragen sie Kränze, um sie Christus zur Verehrung als Opfer dar­zubringen. Diese Darstellung erin­nert an die 24 Äl­testen in der Offenbarung des Johannes, die ebenfalls ihre Sieger­kränze Christus hinlegen. (vgl. Offb 4,10).

Die Alte Kirche hatte grossen Vorbehalt gegenüber dem Ge­brauch und Darstellung von Kränzen. Denn in der grie­chisch-heidnischen Welt wurden solche verwendet, um Götter zu verehren. Der Priester und die Opfernden trugen beim Opfern einen Kranz; Götterstatue wurden bekränzt oder man opferte Kränze zu Ehren von Göttern. Später ehrte man auch ver­diente Menschen mit einem Kranz. Bei den öffentlichen Sport­wettkämpfen zu Ehren der Götter wurden die Sieger bekränzt. Den Siegeskranz zu gewinnen, galt den Teilnehmenden als höchste Ehre und grösstes Lebensziel. Feldherren, Soldaten, Politiker wurden beim Triumphzug mit Kränzen geehrt.

Wegen dieser Nähe zum Götterkult haben die Juden im Alten Testament diesen Brauch abgelehnt. Erst die jüngeren Schrif­ten der Bibel erwähnen Kränze. Noch im zweiten Jahr­hundert lehnt der christlich Schriftsteller Tertullian die Sitte, Kränze aufs Haupt zu setzen, als heidni­schen Brauch ab.

Der Wandel in der Einstellung gegenüber dem Kranz vollzog sich langsam unter dem Einfluss der visionären Bilder der Offenbarung des Johannes. Im zweiten Kapitel verheisst die himmlische Stimme den Getreuen den Kranz des Lebens (vgl. Offb 2,10). Dieses Wort entspricht inhaltlich der Seligpreisung im Jakobusbrief: «Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheissen ist, die Gott lieben» (Jak 1,12). Ist der Kranz der Siegespreis, so ist der mit ihm gegebene Inhalt das Leben. In der Nähe dieser Aussage steht das Bild vom Lebensbaum (Offb 2,7). Man darf sich vorstellen: Vom Lebens­baum ist der Kranz des Lebens gepflückt; er ist das Leben, das kein Tod mehr bezwingen kann für den, der mit ihm bekränzt wird. Dieser Kranz des Lebens ist nach dem ersten Petrusbrief (1 Petr 5,4) aus unverwelklichen Blättern gefloch­ten, deren Unverwelklichkeit in ihrer lichten Art be­steht. Leben und Licht gehören ebenso wie Finsternis und Tod zusammen. Der Kranz des Lebens ist Lichtkranz und wird darum als Licht­aureole um das menschliche Haupt dargestellt.

Diesen Lichtkranz tragen verschiedene Personen in der Offen­barung des Johannes. So erscheint die Frau, die wir als Maria identifizieren «mit der Sonne bekleidet […] und einem Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt» (Offb 12,1).
Christus, der erhöhte Menschensohn, erscheint mit dem Kranz seiner Herrlichkeit (vgl. Offb 14,14). Dieses Bild von der Er­scheinung des «Königs der Könige und Herrn der Herren» (Offb 19,11-16) am Ende der Bibel ist Gegenbild zur Schil­de­rung des Dornen­ge­krönten in den Evangelien. Dort ist der Kranz, die Dornen­krone, Ver­ulkung des Königskranzes, wie ihn die römi­schen Vasallenkönige trugen und diente der Ver­höhnung Jesu.
In der Ikonographie haben Märtyrerpalmen die Siegeskränze der Märtyrer abgelöst. Die Kränze wurden oft zu Kronen. In der Basilika von San Apollinare Nuovo sind die Märtyrer noch mit beiden Insignien dargestellt. In unserer Klosterkirche finden wir ebenfalls beide Zeichen. Palmzweige finden Sie zum Beispiel auf den Sarko­phagen bei den Seitenaltären.

Neben dem Kranz der Rosen rund um Maria auf dem Hoch­altar­bild hat sich zumindest ein Kranz in unserer Kirche noch erhalten. Zuoberst auf dem Epitaph für die Mönche – hier zu meiner Linken – hält eine Allegorie einen Kranz in die Höhe, um gleich­sam diejenigen, deren Namen unten auf der Tafel ge­schrieben stehen, zu bekränzen.

Das ist natürlich eine theologische Aussage: Die in Christus Verstorbenen sind um seines Todesleidens willen mit Herr­lich­keit und Ehre gekrönt (vgl. Hebr 2,9).
Im Glauben dürfen wir die Verheissung, die uns gegeben ist, als Wirklichkeit schon vorausnehmen. In Christus haben wir den Kranz des Lebens schon errungen. Wir sind durch die Taufe mit dem Leben bekränzt. Das, was wir in der himm­lischen Frau visionär betrachten, dass sie einen Kranz von zwölf Sternen um ihr Haupt trägt, ist das vollendete Bild einer Wirklichkeit, die durch die Taufe bei uns schon seinen Anfang genommen hat. Wir sind mit Herrlichkeit und Ehre bekränzt. Deswegen ruft uns der Advent auch immer wieder zu: «Richtet euch auf und erhebt euer Haupt!» Dieser Adventsruf müssen wir stets neu hören, um uns unserer neuen Würde in Christus bewusst zu sein: Gott hat uns mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Diese Wirklichkeit kann uns keine Verfolgung und keinen Spott wegnehmen, denn der Geist des Vaters spricht in und durch uns.

Warum erzähle ich ihnen das alles am Stephanstag? Sie werden es schon ahnen: das griechische Wort für bekränzt, mit einem Kranz gekrönt, heisst στεφανος. Der heutige Tagesheilige heisst eigentlich der Bekränzte. Er ist der von Gott mit Herrlichkeit und Ehre gekrönte. Im heiligen Stephanus dürfen wir nicht nur den Proto-Märtyrer erkennen, sondern auch den Prototyp aller Christen. In ihm dürfen wir uns selbst erkennen: Gestärkt durch die Firmung, voll Gnade und Kraft, tragen wir eine Frohbotschaft in uns, der niemand widersprechen kann. Erfüllt vom Heiligen Geist dürfen wir den Himmel offen sehen und Jesus als Gottessohn erkennen und mit Stephanus beten wir, dass Christus uns aufnehme. Wir beten aber auch für diejenigen, die uns Mühe bereiten: «Herr, rechne ihnen ihr Tun nicht an!»

Es ist unsere sichere Freude, schon als bekränzet zu leben. Das dispensiert uns nicht vom Wettlauf. Denn der Sieg erringt uns Christus nicht ohne uns. Den «unvergänglichen Siegeskranz» (vgl. 1 Kor 9,25f) ge­win­nen wir, in dem wir nicht ziellos laufen, sondern mit Christus unserem Leben eine Richtung geben. Wir folgen dem Beispiel des Ersten mit dem Siegeskranz der Märtyrer bekränzten und blicken unbeirrt nach oben zum Himmel empor. Und in allen Situationen dürfen wir neu beten «Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!», denn wir tragen eine Frohbotschaft in uns, der niemand widersprechen kann.
Christus hat uns den Kranz des Lebens schon erworben. Darum dürfen wir uns aufrichten, das Haupt erheben und dem Leben entgegengehen.

Bild: Die Märtyrerprozession in San’Apollinare Nuovo in Ravenna (Foto: Wikimedia)