Predigt am 8. Dezember 2019

08.12.2019

Pater Jean-Sébastien über Maria Empfängnis

Zwar feiert die Kirche das Hochfest 2019 offiziell am 9. Dezember, weil der Zweite Adventssonntag in der liturgischen Rangordnung Vorrang hat, doch machten wir im Marienwallfahrtsort Einsiedeln im Konventamt um 09.30 Uhr und in der Pilgermesse um 11.00 Uhr eine kleine Ausnahme. Dabei hielt Pater Jean-Sébastien Charrière eine eindrückliche Predigt, welche den nicht so ganz leicht zu verstehenden Inhalt des Marienfestes erklärte.

«Wo bist du»?

Liebe Schwestern und Brüder

Dieser Ruf Gottes im Paradies nach dem Sündenfall ist ganz wesentlich. Er weist auf die Liebe Gottes hin. «Wo bist du»? Gott sucht den Menschen, der sich verloren hat. Durch die Sünde hat sich der Mensch vom Ursprung seines Lebens entfernt. Getrennt von der Quelle seines Seins, weiss er nicht mehr, wer er ist. Er fürchtet sich sogar vor der Wahrheit, vor dem Leben und der Liebe – er fürchtet sich vor Gott. Deshalb versteckt sich der Mensch. Seine Aufmerksamkeit ist nicht mehr auf Gott gerichtet, dessen Abbild er war, sondern auf sich selbst, auf seine Nacktheit. Der Mensch ist verwirrt und verloren. Gott will ihn aber wiederfinden; genauer ausgedrückt: Gott will, dass der Mensch sich selbst wiederfindet. Deshalb ruft er ihn, ruft er uns: «Wo bist du»?

Das Fest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, das wir hier heute im Kloster feiern, als auch die Adventszeit weisen beide auf eine Erwartung hin. Sie sind Erwartung und Vorbereitung auf eine Begegnung zwischen Gott und dem Menschen. Sie bereiten uns sogar vor, Gott als Mensch unter uns zu empfangen. Christus will mit uns dem Vater antworten: «Ich bin da».

Der Ewige ist nicht an die Zeit gebunden. Deshalb hat er, um diese persönliche Begegnung mit uns zu ermöglichen, Maria im Voraus die Früchte der Auferstehung geschenkt: die Befreiung von der Erbsünde. Diese besondere Berufung Marias, Gott in ihrem Schoss zu empfangen, damit er einer von uns werden kann, verlangte auch eine besondere Gnade. Obwohl der Mensch diese Trennung von Generation zu Generation geerbt hat, musste Maria mit Gott verbunden sein, um ihn überhaupt empfangen zu können. Deshalb wurde sie bewahrt von der Erbsünde. Und dies nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für uns. 

Die Vorbereitung auf die Menschwerdung Gottes, auf seine Geburt, war die Bedingung und notwendige Vorbereitung auf eine andere Geburt: die des neuen Menschen. Dafür musste der alte Mensch sterben, um erneut auferstehen zu können – um neu geboren zu werden. Deshalb fanden die Kirchenväter die Antwort auf die Frage Gottes «Wo bist du» im Mund von Pilatus, wenn er sagt: «Ecce Homo / Seht der Mensch». Pilatus weist auf Jesus hin. Jesus ist das Wort und die Antwort. Er ist der vollkommene Mensch, Abbild Gottes und unser Vorbild. 

Was Maria im Voraus bekommen hat, haben wir ebenfalls nach dem Tod und der Auferstehung Jesu in der Taufe bekommen. Auch wir sind jetzt, dank dem «Ja» Marias und der Hingabe Jesu, ohne Erbsünde. In Christus sind wir neu geboren, vereint mit Gott.

Trotzdem fragt uns Gott weiter und immer wieder: «Wo bist Du»?

Obwohl wir erlöst sind und es keine Trennung mehr gibt zwischen Gott und Mensch, haben wir die Gewohnheit beibehalten, uns durch unseren Mangel an Wahrheit, an Liebe, an Frieden und Achtsamkeit, immer wieder von Gott zu entfernen. So müssen wir uns immer wieder erneut Gott zuwenden. Deshalb sagt er uns unermüdlich weiter, und dies auch durch unsere Nächsten: «Wo bist du»?

Liebe Schwestern und Brüder

Die ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria ist ein reiner und makelloser Tempel Gottes, der Ort der Gegenwart und der Begegnung mit dem Ewigen. Gott findet sich in Maria, so wie Maria sich ganz in Gott findet. Da gibt es keine Suche. Es gibt nur eine Vereinigung, eine Einheit. So ist uns Maria als Schwester ein Vorbild und als Mutter und Sinnbild der Kirche eine Helferin und Fürsprecherin.

Trotz der Erlösung müssen wir alle gestehen, dass unser Leben eher einem Stall gleicht als einem Tempel. Auch wenn wir mit Ochs und Esel, mit Durchzug und Staub, mit Heu, Spinnhoppeln und Mist vertraut sind, weist Weihnachten darauf hin, dass Gott unseren Stall in seinen Tempel verwandeln kann. Er braucht nur eine offene Tür. Zudem müssen wir den Blick von unserer Nacktheit, Armseligkeit und Bedürftigkeit abwenden und diesen immer wieder neu auf ihn richten.

Deshalb ist uns der Advent geschenkt als Zeit des Hörens, der Besinnung, der Umkehr und des Teilens. Er lädt uns ein, in der Krippe unseres Lebens achtsam zu sein, um das fleischgewordene Wort Gottes in den Details des Alltags zu erkennen und vereint mit ihm Gott und unserem Nächsten zu antworten: «Hier bin ich».

Amen.

Zum Foto: Rosette, gemalt von P. Jean-Sébastien Charrière OSB