Sonntagsgedanke – „proposer la foi“

02.11.2019

Im Jahre 1996 schrieben die französischen Bischöfe ihren katholischen Landsleuten einen Brief. Es ging darum, Wege zu suchen, wie man den Glauben im Heute weitergeben könnte. Dabei verwendeten sie einen Ausdruck, der mir gefällt: „proposer la foi“. Also den Glauben „vorschlagen“ im Sinne von „anbieten“, „hinhalten“. Genau diesen Ausdruck gebrauchte auch Papst Franziskus anlässlich der Amazonien-Synode, als er wörtlich sagte: Bei der Missionierung Südamerikas sei oft „die Gabe Gotte nicht angeboten, sondern aufgezwungen worden“. – Anbieten, nicht aufzwingen: Das war auch die feine Art Jesu. So z.B. in seiner Begegnung mit dem Zöllner Zachäus. Gewiss macht Jesus den ersten Schritt, indem er sich von Zachäus zum Essen einladen lässt. Aber er geht hin ohne jede Vorbedingung, d.h. ohne vom Zöllner zuvor ein Schuldbekenntnis oder eine Bekehrung des Lebens zu fordern. Diese feine Art Jesu, sich ungezwungen mit dem Zöllner zu Tisch zu setzen, ohne Moralkeule und Erwartungen, bringt es wie von selbst mit sich, dass Zachäus erste Schritte in die Richtung Jesu tut.

Die Regel Benedikts ist auch ein Angebot. Sie bietet schon im ersten Satz die „Lehren des Meisters“ an: „Nimm an“ (wenn du willst), heisst es da. Und später, im Noviziat, geht es wieder um ein Angebot, jetzt um „proposer la loi“: „Das ist das Gesetz, unter dem du dienen willst. Wenn du es halten kannst, tritt ein. Wenn nicht, geh frei deines Weges“ (RB 58,10).

Es geht also nie um ein gewaltsames Erzwingen oder ein billiges Anbiedern. Es geht vielmehr um ein freudiges Anbieten, das begleitet sein muss durch eine Person, die überzeugend dahinter steht.

P. Christoph Müller OSB