Sonntagsgedanke – 24. November 2019

23.11.2019

Am Ende des Kirchenjahres – vom Ernst des Lebens

Vor zwei Wochen nahm ich an der Beerdigung einer Frau teil, die sich das Leben genommen hatte. Sie war die starke Figur in einer seit Jahrzehnten leidgeprüften Familie. Vor etwa zwei Monaten hatte sie vom Arzt eine schwere Diagnose erhalten, welche sie unglaublich ängstigte. Diese Angst löste dann offenbar eine ernsthafte psychische Störung aus, die sie in die Nacht der Verzweiflung führte. Sie wünschte sich nur noch, endlich Ruhe zu haben und schlafen zu können. Dieser Wunsch ist ihr schliesslich zum Verhängnis geworden.

Der Pfarrer hat die Trauerfeier ehrlich und gleichzeitig sehr sensibel gestaltet. Mir ist dabei wieder einmal bewusst geworden, wie sehr der christliche Glaube fähig ist, alle Schattierungen des Lebens zuzulassen und dabei behutsam Perspektiven anzudeuten. Nur schon das spricht für ihn; man muss nichts verdrängen und sich nicht selbst belügen! Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass in einer bestimmten Art von geistlicher Literatur oder Literatur zur Lebenshilfe vom an sich unbarmherzigen Konstrukt eines immer aufgestellten, von Lebenswillen strotzenden, aktiven, überlegenen und alle Probleme gelöst habenden Supermenschen ausgegangen wird. Auf dieses Ziel muss hingearbeitet werden, wir schaffen das! Erreicht man es nicht, hat man versagt.

Nicht nur die Theologie, auch die Erfahrung zeigt hingegen, dass unsere Natur durch die Erbsünde schwer belastet und verwundet ist. Jesus Christus war frei von dieser Belastung, hat aber stellvertretend für uns seine menschliche Natur im Lebensopfer am Kreuz Gott dargebracht. Für das Wort „Opfer“ gibt es nun zwei lateinische Begriffe: Victima (von lat. vincere, victus: besiegt) und Sacrificium (von lat. sacrum facere: heilig machen). Im Opfer Jesu Christi am Kreuz (Sacrificium) wurde die menschliche Natur Gott dargebracht und dadurch wieder heil, heilig gemacht; grundsätzlich jedenfalls, so, dass wir sagen können: „Es gibt Hoffnung – selbst gegen allen Schein! Ich will versuchen, zu vertrauen und zu glauben.“

Dort, wo wir selber konkret zu leiden haben, sollten wir bei unserer belasteten und verwundeten Natur in ihrer individuellen Ausprägung ansetzen, sie tragen, wie Jesus sie stellvertretend für uns getragen hat, und sie, mit ihm, Gott hinhalten, sie gewissermassen „opfern“, damit Er auch sie heil und heilig werden lasse: auf dass durch Gnade aus einer Wunde ein Wunder werde. Wir können eigenes und fremdes Leid in vielerlei Hinsicht lindern oder doch es tragen helfen. Im Letzten kann jedoch kein Mensch sich selbst oder andere wirklich erlösen. Das kann nur Gott, manchmal indirekt durch eine glückliche lebensgeschichtliche Fügung, manchmal direkt und unsichtbar, manchmal auf langen Umwegen – und manchmal scheinbar nie. In diesem Fall helfen quälende Fragen oft nicht weiter, auch wenn sie sich nicht einfach wegschieben lassen. Wenn Gott uns aber die notwendige Kraft gibt, können wir zumindest das Segel unseres Lebensbootes setzen, sein Steuer fest in die Hand nehmen und unbeirrt der Kompassnadel folgen, selbst wenn wir im Nebel auf hoher See dahintreiben. Eine solche Kompassnadel sind gleichsam die folgenden Verse aus dem Hebräerbrief: „Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,1f).

P. Theo Flury