Predigt am Rosenkranzsonntag

06.10.2019

Nuntius Ivan Jurkovič predigte über Maria, die Rosenkranzkönigin.

Der erste Sonntag im Monat Oktober wird in Einsiedeln als „Rosenkranzsonntag“ gefeiert. Er gilt als letzter grosser Pilgertag der Wallfahrtssaison, die von Mai bis Oktober dauert. Für diesen krönenden Abschluss, an welchem Maria als „Rosenkranzkönigin“ gefeiert wird, konnte dieses Jahr Erzbischof Ivan Jurkovič, der apostolische Nuntius bei der UNO in Genf, begrüsst werden. Der Vertreter des Papstes hielt eine gehaltvolle Predigt, welche wir hier wiedergeben:

Lieber Abt Urban und liebe Mitbrüder der Benediktinergemeinschaft, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Ich bin dankbar für die Einladung, heute am Rosenkranzfest mit Ihnen den Abschluss der Wallfahrtssaison in diesem geschichtsträchtigen Heiligtum feiern zu dürfen.

Wie die vielen anderen Pilger dieses Jahres sind auch wir an diesen Ort der Stille, des Gebetes und der Nähe zu Maria gekommen, um uns auf unserem christlichen Lebensweg zu stärken und um neue Einsichten und Kräfte zu finden, die uns erlauben, die Lebenssituationen, in die wir gestellt sind, zu meistern und unseren christlichen Lebensweg auf den auszurichten, den sie geboren hat – Christus, den Heiland.

Die biblischen Lesungen, die wir gerade gehört haben, erzählen uns vom ständigen Gebet des Apostelkollegiums zusammen mit der Madonna im Abendmahlssaal und von der Herabkunft der göttlichen Gnade im Moment der Verkündigung.

Es handelt sich um zwei grosse Ereignisse der Heilsgeschichte, die uns verstehen lassen, welche Rolle die Madonna im Leben der Kirche, für jeden von uns und für die Welt spielt.

Unser Besuch in diesem „Haus Mariens“ wird uns sicherlich helfen in verschiedenen Situationen des Lebens das Antlitz des Herrn wiederzuerkennen, das Antlitz, das jede Epoche der Menschheitsgeschichte dringend braucht, ganz besonders in Zeiten grosser historischer Umbrüche, wie sie die Menschheit heute durchläuft. Die äusseren Schwierigkeiten spornen uns an, mit grösserem Eifer an die Madonna heranzutreten, um uns wieder neu Gott anvertrauen zu können und um Schutz auf unserem irdischen Lebensweg zu bitten.

Heute am Rosenkranzfest sind wir auch eingeladen, über unser Beten zu Maria nachzudenken.

Jedes Gebet ist das Gespräch des menschlichen Herzens mit Gott. Normalerweise drückt sich dies in einfachen Worten aus, die wir in unseren Familien gelernt haben. Es genügt an das Vater unser zu denken und so viele andere Gebete, die gut unser Flehen und Bitten ausdrücken. Das Gebet des Rosenkranzes, das seit Jahrhunderten die katholische Kirche begleitet, entspricht vielleicht am meisten dieser Anforderung. Es scheint, dass es heutzutage weniger praktiziert wird als in der Vergangenheit, aber wir müssen alles dafür tun, dass es uns auch heute begleiten kann. Es genügt, einen Rosenkranz in die Hand zu nehmen – diesen heiligen Gegenstand, so verbreitet und uns so lieb – und zu versuchen, ihn als persönliche Ecke der Kontemplation zu gebrauchen, um dort Kraft für unsere Tage zu schöpfen, geradezu wie Sauerstoff. Machen wir aus ihm ein Band der Einheit für unsere Familien, wo es möglich ist. Verwenden wir ihn als Gebet, das unsere Reisen begleitet, das sich hineinschleicht zwischen die eine Beschäftigung und die nächste, das die leeren Räume des Wartens besetzt, als ob es kleine Flecken blauen Himmels im Grau der täglichen Routine schaffen würde. Jeder, nach seinen persönlichen Möglichkeiten und der Gemütsverfassung, in der er sich befindet, kann es als sicheres Band verwenden, um verbunden mit dem Herrn zu bleiben.

Der Hl. Johannes Paul II. schreibt in seinem apostolischen Schreiben über den Rosenkranz Rosarium Virginis Mariae (16. Oktober 2002) folgende Worte: „Der Rosenkranz ist, wenn auch von seinem marianischen Erscheinungsbild her charakterisiert, ein zutiefst christologisches Gebet. In der Nüchternheit seiner Teile vereinigt er in sich die Tiefe der ganzen Frohen Botschaft, für die er gleichsam eine Kurzfassung ist. In ihm erklingt das Gebet Marias, ihr unaufhörliches Magnificat durch das Werk der erlösenden Menschwerdung, die in ihrem jungfräulichen Schoß ihren Anfang nahm. Mit dem Rosenkranz geht das christliche Volk in die Schule Mariens, um sich in die Betrachtung der Schönheit des Antlitzes Christi und in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu lassen. In der Betrachtung der Rosenkranzgeheimnisse schöpft der Gläubige Gnade in Fülle, die er gleichsam aus den Händen der Mutter des Erlösers selbst erhält.“ (Rosarium Virginis Mariae, n. 1).

Die grossen Wallfahrten sind auch Gelegenheiten für die Kirche und ihren Auftrag in der Geschichte zu beten. Maria hilft uns unsere Rolle in der Gesellschaft zu verstehen und die Notwendigkeit zu begreifen, der sozialen Wirklichkeit wieder Leben einzuhauchen. Maria hilft uns jeden Individualismus zu überwinden und uns im sozialen Bereich zu engagieren sowie offene und konstruktive Beziehungen zwischen Menschen zu fördern, vor allem im Dienst an den Letzten und Schwächsten. Unsere kirchlichen Gemeinschaften müssen Orte sein, wo die jungen Generationen die Hoffnung nicht als Utopie, sondern als festes Vertrauen in die Kraft des Guten lernen können. Das Gute siegt, und auch wenn es manchmal von Unterdrückung und Listigkeit besiegt zu sein scheint, wirkt es dennoch im Stillen und Verborgenen weiter und trägt auf lange Sicht Früchte. Das ist die soziale Erneuerung christlicher Prägung, die auf der Wandlung der Gewissen, auf der moralischen Formung und auf dem Gebet gründet. (Benedikt XVI.)

In den Spannungen, in denen sich die Welt befindet, dürfen wir es nicht unterlassen, uns mit einem Gebet um den Frieden in der Welt an die Madonna zu wenden. In Genf, wo ich meiner Aufgabe nachkomme, nimmt man eine wachsende Sorge um den Frieden in der Welt wahr. Gegen Ende des Jahres wird Papst Franziskus sich nach Japan begeben, ein Land das nukleare Verwüstung erleiden musste. Die Kirche ist sich der Gefahren, mit denen die Menschheit leben muss, bewusst und hört nicht auf, für den Frieden zu beten. Die lauretanische Litanei spricht der Madonna auch den Titel „Königin des Friedens“ zu. Ich lade Sie ein, sich heute mit den Worten des alten christlichen Hymnus Ave, Maris Stella an Maria zu wenden: „Schenke uns Tage des Friedens, wache über unserem Weg, lass uns in der Freude des Himmels deinen Sohn schauen.“ Amen.

 

Foto: Der Nuntius nach dem feierlichen Gottesdienst in der Sakristei des Klosters.