Sonntagsgedanke am 25. August 2019

24.08.2019

Diese uralte Lärche im Engadin macht es uns vor. Um in den Himmel wachsen zu können, muss sie in der Erde fest verankert sein. Ja, an der Erde führt kein Weg vorbei, wenn wir in den Himmel wachsen wollen.

Diese Lärche wird in ihren hunderten von Jahren so manche «Engpässe» erlebt haben. Zu trockene Jahre, zu nasse Jahre, stürmische Winde, Gewitter und Blitze, Menschen, die ihr «an den Stamm» wollten, Tiere, die ihr Schaden zufügten, die heiss brennende Sonne im Sommer, die eisig frostigen Winternächte, der schwere Schnee. Und wie ist sie schön geworden, gross und prächtig, voll Kraft! Sie möchte in den Himmel wachsen. Sie weiss, sie muss fest in der Erde verwurzelt sein.

Unlängst starb eine hochbetagte Frau, fast hundert Jahre alt. Im Gottesdienst wurde ein Lebenslauf vorgetragen. Auch dieser Mensch erlebte in ihren vielen Jahren des Erdenlebens zahlreiche Engpässe: Kriegstrauma als Kind, Flucht, später eine zerbrochene Beziehung, Erfahrung von Einsamkeit und Angst. Aber sie liess sich nicht unterkriegen, blieb auf dem Boden, liess sich ausbilden, war bereit Neues zu lernen, und sie verwurzelte sich im Glauben an Gott, an den auferstandenen Christus.

Im Sinne des heiligen Benedikt von Nursia sind wir „Schüler“ und „Schülerinnen“. Und die zu besuchende Schule nennt der heilige Benedikt „Schule des Herrn“. Diese Schule des Herrn hat ihr Schulgebäude in dieser Welt. Die Schüler und Schülerinnen Christi müssen in dieser Welt, auf dieser Mutter Erde verwurzelt sein, um in den Himmel wachsen zu können. Die Schule des Herrn ist somit gleichsam die Schule des Lebens.

Jesus Christus, unser Herr, fordert uns auf, von Ihm zu lernen (vgl. Mt 11,29). Güte und Demut zu lernen, diese Lektionen führen unweigerlich in Engpässe, die mühsam sind, beschwerlich und schmerzlich.

Bildung ist kostbar und Wissen ist wichtig. Es ist aufregend, etwas Neues zu lernen und faszinierend, neue Erkenntnisse zu erlangen und Zusammenhänge zu verstehen. Jesus macht aber klar. Was soll das denn für eine Bildung sein, wenn das Herz ungebildet bleibt? Was soll denn Wissen für einen Wert haben, wenn es an Weisheit fehlt?

Güte und Demut nennt Jesus. Wer bereit ist, diese eng anmutenden Wege zu gehen, diese manchmal harten Lektionen in der Schule des Herrn, in der Schule des Lebens zu lernen, und Güte und Demut im eigenen Herzen mehr und mehr Raum gewinnen, der gilt bei Gott als wahrhaft gebildet und wissend und weise. Ein gütiges und demütiges Herz erlangt die Erkenntnis Gottes, ist befähigt zu aufrichtiger Liebe und echtem Erbarmen.

Ein Herz, das Freude erfahren und Schmerz erlitten hatte, ein Herz, das beschenkt und verwundet wurde, ein Herz, das manchmal mühsam Güte und Demut erlernen musste. Ein menschliches Herz. Ein Herz, wie es Gott gefällt. Demut, Humilitas, Humus, Erde. Und der Himmel steht offen.

P. Benedict