Predigt Maria Himmelfahrt 2019

15.08.2019

Vor den Sommerferien habe ich, liebe Schwestern und Brüder, mit einer Klasse im Geschichtsunterricht die Lebensumstände Tausender von Menschen – Frauen, Männer und Kinder – im beginnenden Industriezeitalter angeschaut, die in einer der vielen Fabriken arbeiteten, die damals wie Pilze aus dem Boden schossen. Dabei haben wir gesehen, wie diese Menschen – auch in unserem Land – bis zu 16 Stunden am Tag schufteten, unter prekären Verhältnissen, eigentlich ständig in Lebensgefahr, und wie sie dann spät abends nach Hause kamen, in eine winzige Wohnung, in der die vielen Familienmitglieder auf engstem Raum zusammengepfercht lebten. Die entsprechenden Zahlen dazu, wie viele Quadratmeter dabei pro Person zur Verfügung standen, liess ich meine Schülerinnen und Schüler vergleichen mit den Quadratmetern, die ihnen in den Wohnungen und Häusern, in denen sie leben, pro Person zur Verfügung stehen.

Mit dieser Aufgabe versuchte ich, einem der höchsten Gebote des Geschichtsunterrichts zu folgen: Die Vergangenheit lebendig, aussagekräftig zu machen, indem man einen Bezug zum Jetzt, zur eigenen Lebenswelt herstellt. Das in der Vergangenheit Geschehene bleibt so nicht mehr etwas Fremdes, weit weg, sondern wird vergleichbar mit meinem Leben. Dabei sehe ich – neben vielen Unterschieden natürlich – plötzlich auch Gemeinsames.

Dasselbe Gebot gilt auch für die Feier von religiösen Festen: Auch sie bleiben nichts-sagend, sie bleiben etwas Fremdes und etwas rein Äusserliches, wenn wir keinen Bezug zwischen ihnen und uns, unserem eigenen Leben, herstellen. Versuchen wir also, dies mit dem heutigen Fest zu tun.

Vom Geheimnis, vom Inhalt dieses heutigen Festes, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist, gibt es in Rom eine wunderschöne Darstellung in der Basilika Santa Maria in Trastevere, einer der ältesten und bedeutendsten Marienkirchen dieser Stadt. Die Apsis vorne in der Kirche ist geschmückt mit einem Mosaik, das auf goldenem Grund Christus zeigt, der Seite an Seite mit Maria auf einem festlichen Thron sitzt und ihr den Arm um die Schulter legt. Bei meinem letzten Besuch dort mit unseren Ministranten diesen Frühling hatte ich das Gefühl, als würde Christus dabei zu seiner Mutter sagen: «Welche Freude, dass du hier bist! Bei mir kannst du dich ausruhen. Fühl dich wohl!» Tatsächlich strahlt Maria in diesem Bild eine faszinierende Ruhe aus, Geborgenheit, ja das wärmende Gefühl des Angenommenseins.

Dieses Thema des heutigen Glaubensfestes ist nicht etwas, das uns nichts anginge, das keinen Bezug zu unserem Leben hätte. Im Gegenteil: Wir glauben daran, dass uns einst etwas Ähnliches widerfährt, dass auch wir einmal in den Himmel aufgenommen werden.

Letzthin erzählte mir jemand, dass das Weiterleben nach dem Tod für sie darin bestehe, nach dem letzten Atemzug bei geliebten Menschen weiter in Erinnerung zu bleiben. Das aber ist zu wenig. Es ist schon deshalb zu wenig, weil ein solches Leben nach dem Tod alles andere als ewig wäre: Spätestens nach der dritten Generation kennt mich nämlich niemand mehr, sterbe ich quasi noch einmal – und dieses Mal für immer. Wir Christen aber sind berufen – und das ist der Kern unseres Glaubens – wir sind dazu berufen, ein Leben zu haben, das uns nie mehr genommen wird, ein Leben in unvorstellbarer Fülle, auf ewig bei Gott, in seiner Herrlichkeit. Dazu, und aus keinem anderen Grund, ist Gott in die Welt gekommen – geboren von der Jungfrau Maria. Und dazu ist Christus am Kreuz für uns gestorben – im Beisein seiner Mutter.

Gerade diese Mutter, Maria, zeigt uns, auf welchem Weg wir das Ziel erreichen, das für uns bereitgelegt ist. Was dazu gehört? Ganz bestimmt die Offenheit für Gottes Willen, die Bereitschaft, seinen Plan für uns anzunehmen – auch im Schmerz. Dabei zeigt sich gerade an Maria, wie wir soeben gesehen haben, dass die Erfahrung von Not und Leid im eigenen Leben keinesfalls ein Beweis der Abwesenheit, ja gar der Nichtexistenz Gottes ist. Vielmehr macht nicht nur das Leben Jesu deutlich, sondern auch jenes von Maria, die so nah wie kaum jemand bei Gott war und ein Leben führte, wie von Gott gewollt, dass Leid und Not zum Leben auf Erden schlicht dazugehören. Gleichzeitig zeigt sich an ihrem Leben aber auch, dass Not und Leid nicht das letzte Wort haben. Das letzte Wort hat immer das Leben. Wir können uns vorstellen, wie wichtig eine solche Botschaft war, als im Jahre 1950 die Aufnahme Mariens in den Himmel als Dogma verkündet wurde – gerade mal fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, der über Abermillionen von Menschen so viel unvorstellbares, menschenverachtendes Leid gebracht hatte.

Über den Grund des Leidens in der Welt könnten wir nun lange miteinander nachdenken. Eine befriedigende Antwort werden wir dabei aber keine finden. Dafür aber sehen wir wiederum an Maria, dass die Erfahrung von Schmerz uns dazu anleiten kann, in der Liebe zu wachsen – und aus dieser Liebe heraus täglich neu unser JA – als Antwort auf Gottes JA zu uns Menschen – zu sprechen, unser eigenes «mir geschehe». Dabei ist dieses «mir geschehe» kein «ich werde es tun, ich kann das, das vermag ich zu leisten». Es ist vielmehr ein sich Anvertrauen, ein sich Übergeben in die Hände von jemandem, bei dem ich darauf vertrauen darf, dass er es gut mit mir meint. Dies ist die Haltung, mit der wir unser Ziel erreichen. Es ist die Haltung, bereit zu sein, aufgenommen zu werden.

Wenn wir versuchen – und es ist immer das Versuchen, das zählt –, den Spuren Marias zu folgen, erreichen auch wir unser Ziel. Dann vollzieht sich auch an uns die Aufnahme in den Himmel, ebenfalls mit Seele und – ich sags jetzt mal so – mit irgendeinem Leib. Wie genau dann dieser unser Leib aussehen wird und wie genau das Ganze geschehen wird, das wissen wir nicht. Das brauchen wir aber auch nicht zu wissen. Denn auch Maria wusste es bestimmt nicht, bevor es an ihr geschehen war!

«Maria mit dem Kinde lieb» – «Uns allen deinen Segen gib!» Amen.