Sonntagsgedanke – 28. Juli 2019

28.07.2019

Das Gebet des Herrn:
Mit den Augen einer Jüdin

Im Evangelium des heutigen Sonntags lehrt uns Jesus das Vaterunser, das wir deshalb auch das “Gebet des Herrn” nennen. Es ist Grundgebet jedes Christen und läuft gerade deshalb Gefahr, zu einer Routine zu verkommen. Vielleicht kann uns hier und heute Simone Weil helfen, dieses Gebet mal wieder etwas “nachdenklicher” zu sprechen. Man möge sich Zeit nehmen nach-zudenken: Einzelnen Stellen des Herrengebets (wobei ich hier dem Lukasevangelium folge) und einzelnen “Gedankensplittern” eben von Simone Weil aus einer Betrachtung über das Vaterunser. Simone Weil möchte ich hier einfach mal eine “jüdische Christin” nennen – im vollen Bewusstsein der Spannung dieser Bezeichnung: Ihre Liebe zu Christus ist offensichtlich, ihre Gotteserkenntnis tief, ja mystisch. Das Sakrament der Taufe scheint sie aber nicht empfangen zu haben, obwohl sie durchaus darum gerungen hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Simone_Weil).

Vater…

S.W.: Er ist der Vater, der in den Himmeln ist. Nicht anderswo… Wir können nicht einen einzigen Schritt auf Ihn hin tun.

 

…geheiligt werde Dein Name.

S.W: Indem wir diese Heiligung erbitten, erbitten wir das, was in Ewigkeit ist… Zu erbitten, was ist, was wirklich, unfehlbar, ewig und auf eine von unserer Bitte gänzlich unabhängige Weise ist, das ist die vollkommene Bitte.

 

Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen.

S.W.: Christus ist unser Brot. Wir können ihn nur für den gegenwärtigen Augenblick erbitten. Denn er ist immer da, Einlass heischend steht er an der Tür unserer Seele und will eintreten; aber er vergewaltigt nicht die Einwilligung… Die Einwilligung ist ein Akt, sie kann nicht anders als aktuell sein. Es ist uns kein Wille gegeben, der sich auf die Zukunft richten liesse. Alles an unserem Willen, was nicht wirksam ist, ist imaginär.

 

Erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist.

S.W.: In dem Augenblick, da man diese Worte spricht, muss man schon alle Schulden erlassen haben. Nicht nur die Genugtuung für die Beleidigungen, die wir erlitten zu haben glauben, sondern auch die Erkenntlichkeit für das Gute, das wir getan zu haben glauben, und ganz allgemein alles, was wir von den Wesen und Dingen erwarten, alles, von dem wir glauben, dass es uns geschuldet ist und dessen Ausbleiben in uns das Gefühl entstehen liesse, darum betrogen worden zu sein. Kurz, alle Anrechte, die wir durch die Vergangenheit auf die Zukunft zu haben glauben.

 

Und führe uns nicht in Versuchung (sondern erlöse uns von dem Übel).

S.W.: Das Wort “Vater” hat das Gebet begonnen, das Wort “Übel” beschliesst es. Man muss von dem Vertrauen zur Furcht gehen. Nur das Vertrauen verleiht genügende Kraft, dass die Furcht nicht ein Anlass zum Abfall werde. Nachdem die Seele den Namen, das Reich und den Willen Gottes betrachtet, nachdem sie das übernatürliche Brot empfangen hat und von dem Bösen gereinigt wurde, ist sie nun zu der wahren Demut bereit, die alle Tugenden krönt. Die Demut besteht darin, zu wissen, dass die ganze Seele in dieser Welt der Zeit und der Veränderlichkeit des Wechsels unterworfen ist.

P. Daniel Emmenegger