Predigt an der Primiz von P. Thomas

13. Oktober 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Theo Flury

Lieber P. Thomas, liebe Brüder und Schwestern

Bei einer Priesterweihe legt der Bischof dem Weihekandidaten schweigend die Hände auf den Kopf. Dies ist ein Zeichen für das Herabsteigen des Heiligen Geistes und erinnert uns an das Schweben des Gottesgeistes über den Urfluten vor der Schöpfung, so wie sie im ersten Kapitel des Buches Genesis zur Sprache gebracht wird. Es erinnert auch an die Herabkunft des gleichen Geistes auf die Jungfrau Maria, in der das Wort Gottes Mensch geworden ist. Das Zeichen erinnert weiter an die Handauflegung während der Taufe einer jeden Christin und eines jeden Christen, ja, an die Ausbreitung der Hände über die Gaben von Brot und Wein während der Eucharistiefeier, in denen der auferstandene Herr real präsent, wirklich und wirksam gegenwärtig werden will. Immer geht es bei dieser Zeichenhandlung um Schöpfung oder Neuschöpfung. "Sende aus deinen Geist, und du wirst das Antlitz der Erde erneuern." So beten wir in Psalm 104 und glauben, dass diese Erneuerung im Heiligen Geist zum Ziel hat, alles nach dem Bild Christi umzugestalten und so ganz und gar in Gott hinein zu holen, so wie es im Hymnus im 1. Kapitel des Kolosserbriefs heisst: "Alles im Himmel und auf Erden wollte er – (Gott) – zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut." (Kol 1,20)

Die Sendung des Heiligen Geistes ist nach dem Neuen Testament eine Folge der Erhöhung des Sohnes Gottes am Kreuz und seiner Auferweckung durch den Vater. Die Geistsendung wirkt von hier aus in alle Zeiträume hinein. Durch diesen Geist werden auch wir verbunden mit dem österlichen Geheimnis, werden in dieses eingetaucht, und gehen in ihm mit Christus vom Tod zum Leben hinüber. Ostern war ja nicht einfach einmal, sondern ist immer, ist hier und jetzt, ist ein lebendiges und höchst aktuelles Geschehen!

In diesem Zusammenhang erhält deine Priesterweihe, lieber P. Thomas, auch ihren Sinn. Du wirst Menschen auf diesem Weg des Hinübergangs vom Tod zum Leben begleiten, ihnen betend, feiernd und helfend beistehen und mit ihnen selbst diesen Weg gehen – kämpfend, fallend und immer wieder aufstehend, glaubend, hoffend und liebend, Dich Gott anvertrauend, im Bewusstsein, dass er es ist, der zuerst und zuletzt dieses Werk vollbringt. Sei dir bewusst, dass nur Christus die Mitte sein kann, nichts anderes, natürlich auch du nicht. Der heilige Pfarrer von Ars hat einmal gesagt, der Priester sei ein Fenster, durch das hindurch man Christus sehe. In dieser Hinsicht solltest Du eigentlich immer durchlässiger, transparenter und damit auch unsichtbarer werden. Sei Dir bewusst, dass Du alles umsonst erhalten hast und auch alles umsonst weitergeben sollst (vgl. Mt 10,8). Sei dir weiter bewusst, dass die Kirche gewissermassen nicht erst in ihrem Inneren beginnt, sondern bereits auf dem Kirchenvorplatz, ja, auf den Strassen der Stadt. Grenze niemand aus und lebe deinen Glauben nie gegen andere, immer nur zu ihren Gunsten. Lebe deinen Glauben in der Gegenwart, so, wie sie ist, und nicht so, wie du sie haben möchtest.

Du wirst zweifellos "Karriere" machen – allerdings nicht auf der Leiter nach oben steigend, sondern nach unten fallend. Sei so gesinnt, "wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäusserte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der grösser ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr" – zur Ehre Gottes des Vaters." (Phil 2, 5-11) Mit diesen Worten mahnt uns alle der Apostel Paulus in seinem Brief an die Philipper. Falle, und du wirst ankommen – dort, wo Jesus von seiner Geburt im Stall bis zur Erhöhung am Kreuz war, nämlich unten. Falle zu ihm ohne die Bremsung durch all zu viele Fallschirme am Rücken. Wo Jesus ist, da sind auch die Menschen, und da ist Gott.

Wenden wir uns zum Schluss dem heutigen Sonntagsevangelium zu, das Jesus "ganz unten" zeigt, nämlich bei den Kranken, den Schwachen und Ausgegrenzten (Lk 17,11-19). Jesus hatte zehn Aussätzige geheilt. Von ihnen kehrte ein einziger zurück, um Gott zu loben und Jesus zu danken. Wohlgemerkt: Jesus wollte die zehn Männer ganz und grundsätzlich heilen, er wollte nicht einfach den Aussatz ausmerzen – es geht Jesus ja immer um den ganzen Menschen, nicht nur um irgend etwas an oder in ihm. Ausgerechnet einer, der vor dem jüdischen Gesetz nichts gilt, hatte nun allein die eigentliche Gabe erkannt: die Begegnung mit Jesus nämlich, die alles andere als zweitrangig erscheinen und mit dem Apostel Paulus zuversichtlich und getröstet sagen lässt: "Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn". (Rom 14, 8b)

So wollen wir uns alle, die wir durch Taufe, Firmung und Eucharistie mit Christus verbunden sind, seinem Geist öffnen, damit dieser auch durch uns das Antlitz der Welt neu schaffen, alles durch Christus zu Gott heimführen und in ihm vollenden kann.

Amen.


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