Predigt an der Priesterweihe von P. Daniel Emmenegger und P. Thomas Fässler

5. Oktober 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Bischof Paul Hinder OFMCap

Die Zeiten, in denen einem Neupriester zugejubelt wurde, sind – wenigstens in unseren Breitengraden - vorbei. Im Grunde genommen ist das so neu nicht. Bereits in der Apostelgeschichte bekommen wir eine ähnliche Situation vor Augen geführt? Saulus "versuchte sich den Jüngern anzuschliessen. Aber alle fürchteten sich vor ihm und konnten nicht glauben, dass er ein Jünger war" (Apg 9,26). Wenn heute ein Priester nicht mehr zum vornherein auf Begeisterung stösst, hat dies natürlich viele Gründe, auf die ich nicht hier einzugehen brauche. Es hat aber wohl auch sein Gutes, wenn den Priestern ein etwas rauerer Wind entgegenbläst - selbst wenn in dieser Hinsicht oft über das Ziel hinausgeschossen wird. Auf alle Fälle müsst ihr damit rechnen, dass ihr als katholische Priester nicht nur als Träger der frohen Botschaft wahrgenommen werdet, sondern ein Feld betretet, auf dem verschiedene geistige Tretminen lauern.

In dieser Situation ist es wichtig, den Blick auf einige Kernpunkte zu richten:

- Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus (cf. Paulus). Darum werdet ihr öffentlich eure Bereitschaft versprechen, "in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen".

- Wir sind nicht Funktionäre eines kirchlichen Apparates, sondern Zeugen und Mystagogen: Gesandt unsere Schwestern und Brüder mit den Geheimnissen Christi vertraut zu machen.

- Wir arbeiten nicht für unseren eigenen Profit, sondern sind bereit "den Armen und Kranken beizustehen und den Heimatlosen und Notleidenden zu helfen", wie ihr mir in einigen Minuten feierlich versprechen werdet. Es können die physisch Armen und Kranken, Heimatlosen und Notleidenden sein. In vielen Fällen sind es aber auch Menschen, die religiös arm und geistlich erkrankt sind; andere sind religiös heimatlos geworden und leiden oft genug nicht nur an sich und an der Welt, sondern auch an der Kirche. Seid ihnen gute und verständige Hirten! Ihr werdet nicht alle Probleme lösen, nicht alle Wunden heilen und nicht jede Leere ausfüllen können. Aber ihr könnt all diesen Menschen gut sein und ihnen so in schlichter Transparenz Christus vermitteln. Dann verwirklicht ihr, was Johannes im ersten Brief seinen Gläubigen ins Stammbuch schreibt: "Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit" (1 Joh 3,18). Das kann sehr weh tun und unser Herz in Unruhe versetzen. Doch derselbe Apostel schreibt: "Gott ist grösser als unser Herz und er weiss alles" (1 Joh 3,20) und deshalb haben wir ihm gegenüber Zuversicht.

- Zu diesem Dienst gehört, dass ihr euch bereit erklärt, "euch Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum Heil der Menschen für Gott zu leben". Das mag euch manchmal in einsame Stunden führen, wie Jesus, der Hohepriester schlechthin, es nicht nur in der Stunde von Getsemani erfahren hat. Jesus lässt uns im Johannes-Evangelium verstehen, worum es geht, nämlich Christus, dem "wahren Weinstock", verbunden zu sein, in ihm zu bleiben und so "Frucht zu bringen". Was nicht auf ihm, dem wahren Weinstock gewachsen ist, wird früher oder später "weggeworfen und verdorren" (Joh 15,1-8).

- Ihr werdet versprechen, "das Priesteramt als zuverlässige Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten". Darüber hinaus versprecht ihr – o Schreck für heutige Ohren! - ausdrücklich "Ehrfurcht und Gehorsam dem Bischof, in dessen Bistum (ihr) tätig (seid), und (eurem) Ordensoberen". Das kann euch in ungeheure Spannungen und Loyalitätsprobleme führen. Ihr tut es aber nicht, um irgendeinem Menschen unterwürfig zu gefallen, sondern um das Band der Einheit nicht zerreissen zu lassen, das oft genug bis an die Grenze des Erträglichen gespannt wird.

Schliesslich, vergesst die Worte nie, die ich euch nach der Weihe bei der Übergabe von Brot und Wein sage: "Empfange die Gaben des Volkes für die Feier des Opfers. Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes."

Lieber Daniel, lieber Thomas, liebe Mitglaubende: Ich bin vor 46 Jahren zum Priester geweiht worden als wir voll Enthusiasmus und in Aufbruch-Stimmung waren. Seither ist mancher Frost von links und rechts über die Kirche gekommen. Es ist tröstlich darum zu wissen, dass Christus, der wahre Weinstock, auch dem stärksten Frost gewachsen ist, und immer wieder neue Reben treibt, die Frucht bringen. Eure Weihe zu Priestern und die Eucharistie, die wir gemeinsam feiern werden, stehen als Zeichen dafür. Ich verspreche euch: Es lohnt sich euch ganz auf ihn einzulassen, der Ziel und Mass eures priesterlichen Wirkens sein soll. Amen.


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