Predigt an der Engelweihe 2013

14. September 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

«Jesus Christus alleine genügt!» Mit dieser Kurzform, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich das Geheimnis des Festes der Engelweihe zusammenfassen. Das ist zuerst gar nicht so selbstverständlich: Die Engelweihe ist ein barockes Fest, zu dem vieles dazu gehört: Weihrauch, kostbare Gewänder, ein grosser Chor mit Orchester und festlicher Musik, am Abend dann Tausende von Kerzen, viele Leute – und inmitten all dieser Pracht, schon fast versteckt in einer mit Edelsteinen und Perlen besetzten Monstranz: ein kleines Stück Brot, zerbrechlich, eigentlich sogar billig: ein paar Rappen wert. Doch darin erkennen wir Jesus Christus, der im Wort und im Brot auch in dieser Feier im Mittelpunkt steht.
Gerne möchte ich anhand der Engelweihlegende und der heutigen Lesungen zeigen, dass es wirklich darum geht, wie ich das Fest hier zusammenfasse: «Jesus Christus alleine genügt!»

Chers amis de langue française, «Le Christ seul suffit !» : Cette vérité exprime la foi qui se trouve au cœur de cette fête de la dédicace de notre sainte chapelle. La sainte chapelle des Ermites a été – selon la légende – l'objet d'une faveur extraordinaire : C'était au mois de septembre 948, l'Abbé Eberhard, originaire de Strasbourg, a demandé à saint Conrad, évêque de Constance, de venir consacrer ce sanctuaire. Alors qu’il se rendait à Einsiedeln, il eut, pendant la nuit, une vision, où il voyait le Christ lui-même consacrer la sainte chapelle, assisté par des Saints et des anges. Le matin, tout étant préparé, l'assistance se rendait à l'église. L'Evêque n'arrivant pas, on s’est permis d'aller l'avertir. Il raconta alors la vision qu'il avait eue la nuit précédente. Sur les insistances de la foule qui avait peine à croire, l’Evêque se résigna à commencer les cérémonies de la consécration. A ce moment, on entendit les paroles qu’on peut lire aujourd’hui tout au fond de notre basilique, au-dessus da la porte principale : «Frères, arrêtez, la chapelle a été consacrée par Dieu lui-même.» Pour le restent de la journée, la foule des croyants restait en action de grâce. C’est cela le but de notre cérémonie, et c’est également le but de la procession de ce soir : nous nous unissons en action de grâce, parce que le Christ est parmi nous, il est au centre de la Sainte Chapelle, le Christ est au centre de notre foi : «Le Christ seul suffit !»

Für uns heute noch wichtiger als die Legende der Engelweihe ist das Zeugnis der heutigen Lesungen, vor allem die Lesung aus dem Hebräerbrief. Über Christus sagt der Verfasser des Briefes: «Wir haben einen Hohenpriester, der sich zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat, als Diener des Heiligtums und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen hat, nicht etwa ein Mensch.» Warum ist das so wichtig? Von welchem Zelt ist hier die Rede? Der alte Bund, der durch Mose begründet wurde, hatte in seiner Mitte ein Zelt, eigentlich einen tragbaren Tempel für die Wanderungen des Volkes Israel. In der Mitte dieses Zeltes waren die Gesetzestafeln, die wir heute nur kurz «Die Zehn Gebote» nennen. Dieses Zelt mit den Gesetzestafeln wurde zum Symbol für die Gegenwart Gottes unter den Menschen. Als dann in Jerusalem ein wirklicher Tempel gebaute wurde, durften die Gläubigen nur in dessen Vorhof beten. In das erste oder vordere Zelt mit den heiligen Broten durften nur die Priester eintreten, das hinterste Zelt mit den Gesetzestafeln, das sogenannte «Allerheiligste», durfte nur der Hohepriester betreten und nur einmal im Jahr. Dieses Zelt mit den Tafeln des Moses sehen Sie übrigens in der Abendmahlskuppel auf deren Westseite. Diese Gesetze des jüdischen Volkes sind uns auch heute noch heilig. Dennoch sagt uns der Hebräerbrief etwas Erstaunliches in einem Vers, der in der heutigen Lesung ausgelassen wurde: «Wäre Christus nun auf Erden, so wäre er nicht einmal Priester, da es hier schon Priester gibt, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen.» Christus war kein Priester im Sinne des alten Israel und hatte darum auch keine Opfergaben, die er im Zelt darbringen durfte, ja er hatte gar keinen Zugang zu diesem Zelt. Doch – und das ist jetzt das Neue – das brauchte er auch nicht mehr: Jesus Christus brachte seinem Vater statt Opfer seine Liebe, sein Leben dar, seine Liebe zu uns Menschen, durch Christus haben wir nun einen so direkten Zugang zu Gottvater, jede und jeder von uns, dass es kein von Menschenhand gemachtes Zelt mehr braucht: Gott ist mitten unter uns, in seinem Volk!

Diese komplizierte Sprache des Hebräerbriefes wird in der Abendmahlskuppel bildlich umgesetzt: Im Westen sehen wir, wie gesagt, das Zelt des Moses, also ein Zelt, das von Händen gemacht wurde und nur dem Hohenpriester vorbehalten ist. Und im Osten, da wo die Sonne aufgeht, Ostern, das göttliche Licht des Lebens, sehen wir den neuen Bund, das Abendmahl: Christus gibt sich darin allen, als Brot des Lebens, alle haben wir so durch Christus das Leben Gottes in uns. Darum spricht man bei der Taufe vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen: Wir stehen nicht mehr nur im Vorhof Gottes, sondern in Gottes Mitte, in seinem Herzen und sind so immer beim und im Vater. Es gibt kein trennendes Zelt, keine Vorhang mehr zwischen Gott und uns, wo nur Priester durchgelassen werden. Darum heisst es im Evangelium nach Matthäus beim Tod Jesu: «Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei» (Mt 27,51). Jesus ist unser neuer Hohepriester, der immer Zugang zum Zelt Gottes, also zur Gegenwart des Vaters hat, er alleine genügt, damit auch wir immer Zugang zu Gott haben. Deshalb sagte ich: «Jesus Christus alleine genügt!» Und die heutigen Priester bringen darum auch keine neuen Opfer dar. Wir stehen der Feier vor, in der Christus selbst immer wieder diese seine Liebe zu uns Menschen, die er uns am Kreuz geschenkt hat, im Brot des Lebens gibt, wie es die Abendmahlskuppel zeigt: Christus reicht uns das Leben Gottes: «Jesus Christus alleine genügt!»

«Le Christ seul suffit !» Cette phrase ne s’exprime pas seulement dans la dédicace de la Sainte Chapelle, cette vérité est aussi donnée dans la réponse du Christ à la Samaritaine : « L'heure vient - et c'est maintenant - où les vrais adorateurs adoreront le Père en esprit et vérité : tels sont les adorateurs que recherche le Père. » Nous, chers frères et sœurs, nous sommes les vrais adorateurs, quand nous acceptons l’amour du Christ, donnée pour nous par sa mort sur la croix. Le Christ ne parle pas ici d’une vérité scientifique qu’on peut chercher par notre intelligence. Jésus Christ lui-même est la vérité qui est à notre recherche pour nous mener vers Dieu le père ! En célébrant la fête de la «Engelweihe», de la dédicace angélique, nous confessons alors c’est vérité exprimée au début de ma prédication : «Le Christ seul suffit !»


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