Predigt an der Äusseren Feier des Festes Unserer Lieben Frau von Einsiedeln

21. Juli 2013, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Im Oktober 2012 hat Papst Benedikt XVI. ein "Jahr des Glaubens" eröffnet. In seinem Schreiben legt der Papst mit eindrücklichen Worten dar, worum es ihm geht: Wir alle sollen den Weg des Glaubens wieder entdecken; wir sollen wieder die Freude und erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus finden. Damit das geschehe, müssten sich die Kirche als ganze und die Hirten in ihr auf den Weg machen. So solle das Zeugnis des Lebens der Gläubigen an Glaubwürdigkeit gewinnen.

Seit Oktober 2012 ist in diesem "Jahr des Glaubens" in der Kirche schon viel passiert – mehr, als das je für möglich gehalten wurde. So kam zum Beispiel am 5. Juli ein Schreiben von Papst Franziskus heraus mit dem Titel: "Licht des Glaubens". Vorbereitet wurde es von Papst Benedikt. Das Schreiben schliesst mit einem Gebet zu Maria. Die einzelnen Bitten mögen uns heute an der Feier Unserer Lieben Frau von Einsiedeln im "Jahr des Glaubens" berühren und bewegen.

Hilf, o Mutter, unserem Glauben!
Unzählige Menschen aus aller Welt sind mit dieser Bitte hier in Einsiedeln vor das Gnadenbild gekniet: Hilf, o Mutter, unserem Glauben. Menschen in grosser Not, Menschen in Sorge für andere, aber auch Menschen in grosser Dankbarkeit. Das möge in diesem Jahr des Glaubens auch immer wieder unsere Bitte sein: Hilf, o Mutter, meinem Glauben. Hilf, o Mutter, unserem Glauben.

Öffne unser Hören dem Wort, damit wir die Stimme Gottes und seinen Anruf erkennen.
Maria war selbst ein hörender Mensch. Sie war ganz Ohr für Gott. So konnte sie Gottes Stimme hören und seinen Ruf erkennen. Auch wir alle sind von Gott Gerufene und von ihm Berufene. Zurecht bitten wir: Öffne unser Hören dem Wort, damit wir die Stimme Gottes und seinen Anruf erkennen. Wie wichtig ist diese Bitte, damit wir unsere Berufung erkennen und leben, sei das als Mönche, als Eheleute, als Getaufte. Beten wir vor allem für die jungen Menschen, die ihr Leben zu planen beginnen! Beten wir für sie, dass sie ihre Berufung erkennen und diese auch leben.

Erwecke in uns den Wunsch, seinen Schritten zu folgen, indem wir aus unserem ‚Land wegziehen‘ und seine Verheissung annehmen.
Wir alle sind immer wieder herausgefordert, nicht sitzen zu bleiben, sondern den Lebensweg weiterzugehen. Das gilt auch für die Kirche. Papst Benedikt hat bei der Ankündigung des Jahres des Glaubens gefordert, dass sich die Kirche als ganze und die Hirten in ihr auf den Weg machen sollen. Er ist mit dem Beispiel vorangegangen, als er am 11. Februar zu den völlig überraschten Kardinälen sagte: "Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch um euch eine Entscheidung von grosser Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen. Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben." Papst Benedikt ist uns allen ein Vorbild darin, dass wir nicht in unserem liebgewonnenen Land sitzen bleiben.

Hilf uns, dass wir uns von seiner Liebe anrühren lassen, damit wir ihn im Glauben berühren können.
Unser christlicher Glaube ist keine Buchreligion. Unser christlicher Glaube ist keine Gesetzesreligion. Christin oder Christ ist nicht einfach der Mensch, der sich an das hält, was die Kirche vorschreibt. Christin oder Christ ist, wer in lebendiger Beziehung mit Jesus Christus lebt. Wer sich von seiner Liebe anrühren lässt und ihn im Glauben berühren kann. Diese Beziehung muss selbstverständlich gepflegt werden, damit sie lebendig bleibt: Im Lesen der Heiligen Schrift, im Gebet, in der Feier der Sakramente, im Austausch mit anderen Glaubenden.

Hilf uns, dass wir uns ihm ganz anvertrauen, an seine Liebe glauben, vor allem in den Augenblicken der Bedrängnis und des Kreuzes, wenn unser Glaube gerufen ist zu wachsen und zu reifen.
Das ist unser Glaube: uns Jesus Christus anvertrauen, an seine Liebe glauben. Auch und vor allem dann, wenn wir in Not sind, vielleicht sogar am Verzweifeln.

Säe in unseren Glauben die Freude des Auferstandenen.
Weil unser Glaube lebendige Beziehung mit Jesus Christus ist, ist eine Frucht die Freude des Auferstandenen. Selbst dort, wo wir nicht mehr weitersehen. Heute um 15 Uhr sind Sie alle eingeladen, sich auf der Tribüne des Welttheaters vor der Klosterfassade das Credo der h-moll-Messe von Johann Sebastian Bach anzuhören. Klosterplatz und h-moll-Messe sind gleichzeitig geschaffen worden. Die Architektur der Klosterfassade entspricht der Architektur der grandiosen Vertonung des Glaubensbekenntnisses.

Erinnere uns daran: Wer glaubt ist nie allein.
Gott ist da! In seiner Gegenwart dürfen wir unseren Lebensweg gehen. Und selbst wenn wir ihn vergessen: Er ist da. Immer neu, in jedem Augenblick – auch jetzt - können wir uns voll Vertrauen in seine Hände legen.

Lehre uns, mit den Augen Jesu zu sehen, dass er Licht sei auf unserem Weg; und dass dieses Licht des Glaubens in uns immerfort wachse, bis jener Tag ohne Untergang kommt, Jesus Christus selbst, dein Sohn, unser Herr!
Unser Glaube schenkt uns Weite. Der heilige Benedikt schreibt in seiner Mönchsregel: Wer im Glauben voranschreitet, dem weitet sich das Herz. Unser Glaube schenkt uns Licht auf unserem Weg. Und der letzte Tag ist nicht Untergang, sondern Begegnung mit Jesus Christus selbst. Er ist der Tag ohne Untergang.

So wollen wir zu Maria rufen:
Hilf, o Mutter, unserem Glauben!
Öffne unser Hören dem Wort, damit wir die Stimme Gottes und seinen Anruf erkennen.
Erwecke in uns den Wunsch, seinen Schritten zu folgen, indem wir aus unserem ‚Land wegziehen‘ und seine Verheissung annehmen.
Hilf uns, dass wir uns von seiner Liebe anrühren lassen, damit wir ihn im Glauben berühren können.
Hilf uns, dass wir uns ihm ganz anvertrauen, an seine Liebe glauben, vor allem in den Augenblicken der Bedrängnis und des Kreuzes, wenn unser Glaube gerufen ist zu wachsen und zu reifen.
Säe in unseren Glauben die Freude des Auferstandenen.
Erinnere uns daran: Wer glaubt ist nie allein.
Lehre uns, mit den Augen Jesu zu sehen, dass er Licht sei auf unserem Weg; und dass dieses Licht des Glaubens in uns immerfort wachse, bis jener Tag ohne Untergang kommt, Jesus Christus selbst, dein Sohn, unser Herr!


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