Predigt an Christi Himmelfahrt 2013

9. Mai 2013, Klosterkirche, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

"Miteinander die Glut unter der Asche entdecken" – mit diesem Thema begehen wir das Jahr des Glaubens. Immer am Donnerstag Abend um 19.45 Uhr treffen wir uns hier in der Klosterkirche zum Donnerstagsgebet, um miteinander die Glut unter der Asche zu entdecken. Dazu lade ich auch Sie heute Abend herzlich ein.

"Miteinander die Glut unter der Asche entdecken." Warum wir das tun? Weil es viel Asche in unserem Leben gibt, aber auch in der Kirche. Wenn Menschen heute aus der Kirche austreten, so darum, weil sie von der Kirche nur mehr die Asche wahrnehmen. Die Glut erfahren sie meistens schon länger nicht mehr. Und wenn sie weggehen, merken sie nicht, dass ihnen etwas fehlt. Aber gerade darum ist es wichtig, dass wir immer wieder die Glut unter der Asche entdecken. Denn die Alternative zur Asche ist nicht der Austritt, sondern die Glut. Wir sind und bleiben nicht in der Kirche wegen der Asche, sondern wegen der Glut des Glaubens.

Allerdings machen wir die Erfahrung, dass alles zur Asche werden kann, zu kalter Asche. Sogar ein festlicher Gottesdienst wie der heutige. Wir feiern dann einfach mit, weil es dazu gehört, weil wir müssen. Oder wir lassen einfach alles über uns gehen. Wenn wir in einer solchen Haltung mitfeiern, könnten wir auch darauf verzichten – und es würde uns nichts fehlen.

Darum wollen wir miteinander die Glut unter der Asche entdecken. Das beginnt schon mit ganz kleinen Zeichen. Wenn wir den Kirchenraum betreten, nehmen wir Weihwasser und erinnern uns dankbar, dass wir Getaufte sind, zu Jesus Christus gehören und darum zur Kirche. Dann wird es uns warm ums Herz.

Wir beugen unsere Knie vor Jesus Christus, der im Sakrament der Eucharistie in besonderer Weise gegenwärtig ist. So erfahren wir, dass wir – mit allen Lasten, die wir zu tragen haben – nie allein sind. Auch die Art und Weise, wo und wie wir uns an uns einen Platz begeben, kann Asche verbreiten oder Glut erfahrbar machen.

Wir alle tragen dazu bei, ob Asche vieles zudeckt oder die Glut erfahrbar wird. Denken wir zum Beispiel an den Organisten. Wenn dieser aus der Glut des Glaubens seinen Dienst versieht, kann er diese Glut über sein Spiel weitergeben. Dasselbe gilt für den Chor und für uns alle. Wir können einfach warten, bis die anderen gesungen haben. Oder wir können selbst mit Herz und Stimme dabei sein.

Alle Aufgabenträgerinnen und Aufgabenträger im Gottesdienst tragen bewusst oder unbewusst zu Asche oder Glut bei. Das gilt in besonderer Weise für den Priester. Wenn ich das Kreuzzeichen zu Beginn der Feier gedankenlos mache, lade ich ein, dass es auch bei den Anwesenden immer mehr zu einem Startzeichen wird, statt Zeichen des Heiles bleibt. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, das uns allen vertraut ist. Vor dem Tagesgebet spricht der Priester: "Lasset uns beten!" Leider ist es für uns alle zur Selbstverständlichkeit geworden, dass der Priester dann ein Gebet vorträgt. Und alle antworten mit "Amen". Und ist es uns warm ums Herz geworden? Wohl kaum. Hier sieht die Kirche einen anderen Weg vor, den wir miteinander wieder entdecken könnten. "Lasset uns beten" ist eine Einladung an alle, unser Gebet in Stille vor Gott zu tragen. Erst nachdem dies geschehen ist, fasst der Priester das Gebet aller laut zusammen. Darum heisst das Tagesgebet in lateinischer Sprache "Collecta", das heisst Sammlung der Gebete aller Anwesenden. Wagen wir einmal dieses Experiment! Tragen wir jetzt einmal in einem Moment der Stille das vor Gott, was wir ihm sagen möchten. Und anschliessend trage ich die Sammlung der Gebete mit dem Tagesgebet vor Gott, das ich vorher schon einmal vorgetragen habe.

Lasset uns beten!

Stilles Gebet

Allmächtiger Gott,
erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit,
denn in der Himmelfahrt deines Sohnes
hast du den Menschen erhöht.
Schenke uns das feste Vertrauen,
dass auch wir zu der Herrlichkeit gerufen sind,
in die Christus uns vorausgegangen ist.

Ich habe in der Stille Gott geklagt, wie viel Asche wir in der Kirche pflegen und damit vielen Menschen den Zugang zur Glut versperren. Das lähmt mich. Nach einem solchen Gebet erfahre ich im Tagesgebet die Glut. Von Freude und Dankbarkeit ist die Rede und vom festen Vertrauen. Da beginnt das Gebet zu leben.

Dasselbe gilt für alle anderen Gebete, die wir in diesem Gottesdienst miteinander sprechen oder singen. Sie können zu Asche werden. Wir alle können aber auch dazu beitragen, dass sie zur Glut werden – für uns und für andere. Zum Beispiel das Gebet des Vater unser. Wir können es einfach herunterleiern, oder wir können aus tiefstem Herzen so zu beten wagen, wie Jesus selbst uns gelehrt hat.

Wenn wir im Gottesdienst das Jesuswort hören "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen – Ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen", antworten wir mit grösster Selbstverständlichkeit: "Lob sei dir, Christus!" Wenn wir dagegen protestieren, wenn dieses Jesuswort auch in der Öffentlichkeit gesagt wird, verraten wir dann das Tun im Gottesdienst nicht als frommes Getue, als Asche?

Zur Kommunion können wir nach vorne kommen, weil es einfach dazu gehört, weil es die anderen auch tun. Oder wir können nach vorne kommen und mit grosser Ehrfurcht Jesus Christus empfangen, der sich uns anvertraut. Oder mit vor der Brust gekreuzten Armen den persönlichen Segen empfangen. Dann entdecken wir die Glut unter aller Asche.

Gestern am frühen Morgen haben wir als Klostergemeinschaft eine Predigt von Papst Leo I. angehört. Er ist im Jahr 461 gestorben. Die Predigt hielt er vor über 1500 Jahren an Christi Himmelfahrt. Was er dort schreibt, wird uns wohl überraschen: "In diesen Tagen gesellte sich der Herr den beiden Jüngern auf dem Weg als Dritter zu, als Begleiter. Um das Dunkel all unseres Zweifelns zu zerstreuen, schalt er sie, weil sie in Furcht und Schrecken ein so schwerfälliges Herz hatten. Ihr Herz wurde erleuchtet, und sie erhielten die Feuersglut des Glaubens. Ihr Herz war lau. Doch als der Herr ihnen die Schrift aufschloss, begann es zu brennen. Während sie mit ihm zu Tisch sassen, wurden ihnen beim Brechen des Brotes die Augen aufgetan. Als ihnen die Augen geöffnet wurden, war ihr Glück darüber, dass ihnen die Verherrlichung der menschlichen Natur offenbart wurde, grösser als die Verwirrung unserer Stammeltern, damals, als ihnen aufging, dass sie gesündigt hatten."

Der Herr möge auch unser schwerfälliges Herz erleuchten und uns die Feuerglut des Glaubens schenken. Er bringe auch unser laues Herz wieder zum Brennen und erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit. Er schenke uns festes Vertrauen. Dann ist dieser Gottesdienst nicht einfach Asche. Im Gegenteil. Wir selbst können erleben, was wir feiern: Himmelfahrt.


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