Predigt an Palmsonntag 2013

24. März 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Martin Werlen

Liebe Schwestern und Brüder

Mit dem heutigen Palmsonntag beginnen wir die Heilige Woche, sozusagen ein Konzentrat unseres Glaubens. Ich lade Sie alle ein, im "Jahr des Glaubens" diesen unseren Glauben neu zu entdecken. Papst Benedikt XVI. verdanken wir "das Jahr des Glaubens". Im vergangenen Februar hat er selbst einen völlig unerwarteten Schritt des Glaubens getan. Wagen auch wir es, im "Jahr des Glaubens" Schritte des Vertrauens zu gehen!

Im Evangeliumstext vorhin in der Gnadenkapelle haben wir den Satz gehört: "Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf der Strasse aus." Ein Bischof von Kreta sagt im 8. Jahrhundert zu diesem Satz: "Wie Kleider wollen wir ihm die Sehnsucht unseres Herzens unter die Füsse breiten, damit er ganz in uns Fuss fasse, ganz in uns sei und zeige, dass wir ganz in ihm sind." Das soll uns allen Anregung sein, diese Heiligen Tage zu feiern!

Wir wollen Jesus die Sehnsucht unseres Herzens unter die Füsse breiten. Nicht unsere kleinen Wünsche, mit denen wir sehr oft um uns selbst kreisen, sondern die tiefe Sehnsucht unseres Herzens, die so oft unter viel Schutt begraben ist: Unsere Sehnsucht nach Leben, unsere Sehnsucht nach Sinn, unsere Sehnsucht nach Liebe, die diesen Namen wirklich verdient. Mit einer solchen wachen Sehnsucht lassen wir die Gottesdienste nicht einfach über uns ergehen. Wir feiern aus ganzem Herzen mit. Gott kann uns mit seiner Botschaft ansprechen. Aus einer solchen Sehnsucht heraus werden wir vielleicht sogar den Wunsch spüren, wieder einmal in der Beichte das Sakrament der Versöhnung zu empfangen. Wirklich neu beginnen und aus dem lebendigen Glauben unser Leben gestalten.

Diese Sehnsucht unseres Herzens wollen wir Jesus unter die Füsse legen, "damit er ganz in uns Fuss fasse, ganz in uns sei und zeige, dass wir ganz in ihm sind."

Liebe Schwestern und Brüder, gerne teile ich mit Ihnen eine ganz persönliche Erfahrung. Wie oft habe ich in mir schon die Sehnsucht gespürt, die Worte Jesu vor meinem Tod zu hören, die der Verbrecher am Kreuz gehört hat: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein." Gibt es ein schöneres Wort als Antwort auf die Sehnsucht unseres Herzens? Es ist eindrücklich, wenn man erleben darf, wie dies einem Menschen geschenkt wird.

Vor vier Jahren schrieb mir ein suchender und mit sich selbst und der Kirche ringender Mensch seine Not. Ein Interview ermutigte ihn, mir einen Brief zu schreiben. Er war überrascht über meinen Anruf und meine Einladung zum Gespräch. Noch mehr überrascht aber war er über sich selbst: Er hatte den Mut zu beichten. Vorletzte Woche erhielt ich über die allgemeine E-Mail-Adresse des Klosters ein Schreiben seiner Tochter. Sie schreibt darin: "Das Gespräch mit Ihnen und anschliessender Beichte hatte ihm tief imponiert. Er kam ganz gelöst und glücklich nach Hause." Dann heisst es im Schreiben: "Ich nehme im Auftrag meines Vaters zu Ihnen Kontakt auf. Er ist todkrank und nicht mehr in der Lage selber zu handeln. Sein grösster und letzter Wunsch wäre es, Sie noch einmal zu sehen. Leider liegt er jetzt schon seit ein paar Wochen im Sterben und kann einfach nicht gehen. Für uns ist es sehr schwer auszuhalten, mitzuerleben, wie ein lieber Mensch so leiden muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie keine Krankenbesuche machen, weil Sie einfach zu viel um die Ohren haben. Aber vielleicht würde ein Telefonanruf Ihrerseits schon Wunder bewirken? Ich bin nur etwas skeptisch, weil mein Vater Mühe hat zu telefonieren. Aber es wäre einen Versuch wert. … Es tut mir Leid, dass ich Sie mit unserer privaten Not belästige. Aber ich wünsche mir von Herzen, das mein Vater in Frieden aus diesem Leben scheiden kann!"

Am anderen Morgen war noch eine Viertelstunde frei – nach einer Stunde Anreise per Bahn und vor der Stunde Rückreise. Die Tochter des Sterbenden schrieb mir nach der Zusage: "Mein Vater freut sich sehr über Ihr kommen. Ich wünsche mir aufrichtig, dass mein Vater die innere Ruhe findet, die er braucht, um gut von dieser Welt zu gehen. Zur Zeit kann er noch nicht loslassen. Irgendetwas hält ihn mit Macht zurück. Es ist so schlimm mit anzusehen wie er sich quält."

Er hat sich tatsächlich gefreut. Nicht weniger als 2009. Er war wach, aufmerksam und breitete die Sehnsucht seines Herzens aus. Miteinander durften wir das Sakrament der Krankensalbung feiern.

Wir freute ich mich, als ich gestern nach ein paar Tagen im Ausland per Mail diese Zeilen erhielt. "Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, was Sie für meinen Vater getan haben. Nur ein paar Stunden später, nachdem Sie ihm die Krankenölung gegeben haben, ist er irgendwie verreist. Er war bis zu seinem Tod nicht mehr ansprechbar. Aber für ihn hat es einfach gestimmt. Es war gut so. In der Nacht von Sonntag auf Montag verstarb er ganz friedlich, ohne Kampf. … Das ist das grösste Geschenk, das man als Mensch bekommen kann. Zu wissen, dass er mit sich und der Welt im Frieden gegangen ist, und nicht noch unerledigte Dinge zu bereinigen hat."

Liebe Schwestern und Brüder, nehmen wir die Sehnsucht unserer Herzen wahr! Wagen wir es, unseren Glauben neu zu entdecken! In seiner ganzen Schönheit! "Wie Kleider wollen wir ihm die Sehnsucht unseres Herzens unter die Füsse breiten, damit er ganz in uns Fuss fasse, ganz in uns sei und zeige, dass wir ganz in ihm sind."


Gedruckt am 11.12.2017 / www.kloster-einsiedeln.ch, © 2017 kloster-einsiedeln.ch