21. Januar 2011

Wort von Abt Martin Werlen zum 1150. Todestag des heiligen Meinrad an alle, die mit dem Kloster Einsiedeln verbunden sind.

Am 21. Januar 861 – also vor 1150 Jahren - wurde der Benediktinermönch und Einsiedler Meinrad im Finsteren Wald von zwei Räubern erschlagen. Zuvor hat der Heilige, der die Absicht der Besucher durchschaut hat, diese noch gastfreundlich bewirtet. Bei der Meinradszelle wurde 934 das Kloster Einsiedeln gegründet. Der heilige Meinrad ist der Patron von Einsiedeln.

Treue bis in den Tod

Was hat ein Einsiedler aus dem 9. Jahrhundert Menschen im 21. Jahrhundert zu sagen? Erstaunlich viel. Wie wir, so war auch der heilige Meinrad auf der Suche nach Leben in Fülle. Wenn wir ihn als Heiligen verehren, so bekennen wir damit unseren Glauben, dass er das Leben in Fülle in Gott gefunden hat. Meinrad hat im 9. Jahrhundert auf Gottes Ruf gehört, er hat sich auf den Weg gemacht, er ist ein Gott-Suchender geblieben und hat seine Berufung im Alltag bis in den Tod treu gelebt. Sein Tod im Finsteren Wald ist eine Konsequenz der Treue, die er Tag für Tag gelebt hat. Darin kann der heilige Meinrad uns allen ein Vorbild sein: Unsere Berufung als Christinnen und Christen, als Ordensleute, als Priester oder als Eheleute in grosser Treue zu leben versuchen - Tag für Tag.
Die Urversuchung des Menschen ist es, der Verheissung Gottes nicht zu trauen, dass wir in ihm Erfüllung finden. Das ist nicht eine theoretische Versuchung. Wir erliegen ihr immer wieder in unserem konkreten Alltag. Gefährlich wird es, wenn Untreue zur Gewohnheit wird – auch und gerade im Kleinen. Alle möglichen und unmöglichen Rechtfertigungen und Ausreden haben wir dazu bereit. Haben diese Ausreden auch Bestand, wenn wir vor dem Herrgott stehen? Das Lebensbeispiel des heiligen Meinrad ist ermutigend. Er zeigt uns, worauf es in unserem Leben letztlich ankommt.

Ein einzelner Funke lässt den Finsteren Wald leuchten

In den vergangenen Jahren haben uns die zurückgehenden Zahlen bei Berufungen sehr beschäftigt: die Zahl der Priester und Ordensleute, die Zahl der christlichen Eheleute. Aber: Was sagen schon Zahlen aus! Die Untreue in der Berufung ist das grössere Problem als abnehmende Zahlen. Mit der Untreue in der Berufung untergraben wir unsere Glaubwürdigkeit, oder wie es der heilige Benedikt sagt: Wir machen Gott lächerlich. Entscheidend sind nicht die Zahlen – auch nicht die Zahlen einer Klostergemeinschaft. Entscheidend ist die Treue. Unser Br. Romuald selig, der während vieler Jahrzehnte die Gnadenkapelle besorgt hat, hat mir im Sommer 1987 bei den Exerzitien vor der Feierlichen Profess gesagt: "Und selbst wenn niemand mehr ins Kloster eintreten würde: Was Gott von mir will ist die Treue bis zum letzten Atemzug."
Treue ist der Nährboden für Leben – für Leben in Fülle. Der heilige Meinrad ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Er hat im 9. Jahrhundert hier im Finsteren Wald als Einsiedler gelebt. Weit ab vom Geschehen dieser Welt. Und was ist daraus geworden? 934 wurde bei der Meinradszelle ein Kloster gegründet. Einsiedeln wurde zu einem international bekannten Wallfahrtsort, zu einem Zentrum der Spiritualität, der Bildung und der Kultur. Von hier aus wurden Klöster gegründet in Europa, in Nordamerika und in Südamerika. Namentlich erwähnen will ich hier nur zwei Gemeinschaften: Das Kloster Fahr, das seit 1130 zusammen mit der Männergemeinschaft in Einsiedeln das einzige heute existierende Benediktiner-Doppelkloster bildet und die Erzabtei St. Meinrad, die zusammen mit der Ortschaft seit 1854 den Namen des Einsiedlers im Finsteren Wald in der neuen Welt trägt. Die Meinradszelle ist zu einem Gnadenort geworden. Hier wird unzähligen Menschen unverdient die Erfahrung geschenkt, dass Gott da ist. Heute pilgern nicht mehr nur Katholiken nach Einsiedeln. Auch Nichtkatholiken bekennen in aller Öffentlichkeit, dass sie regelmässig an diesen Wallfahrtsort kommen. Die Sängerin Vera Kaa, selbst aus der Kirche ausgetreten, erzählte vor ein paar Wochen in einer Fernsehsendung: "Wir sind Kerzen anzünden gegangen an unserem Kraftort Einsiedeln. Und mein kleiner Sohn hat plötzlich die Augen ganz fest geschlossen. Man hat gemerkt, dass er in sich geht. Und plötzlich sagt er: ‚Ah, okay, jetzt weiss ich, dass es Gott gibt‘." Ich könnte noch viele solche Zeugnisse anführen.
Hinter dem Phänomen Einsiedeln steht die Treue eines einzelnen Menschen, die Treue des heiligen Meinrad. Die Zahl ist klein – die Wirkung gross. Johann Wolfgang von Goethe meditiert darüber, wenn er schreibt: "Es musste ernste Betrachtung erregen, dass ein einzelner Funke von Sittlichkeit und Gottesfurcht hier ein immer brennendes leuchtendes Flämmchen angezündet, zu welchem gläubige Scharen mit grosser Beschwerlichkeit heranpilgern sollten, um an dieser heiligen Flamme auch ihr Kerzlein anzuzünden. Wie dem auch sei, so deutet es auf ein grenzenloses Bedürfnis der Menschheit nach gleichem Licht, gleicher Wärme, wie es jener erste im tiefsten Gefühl und sicherster Überzeugung gehegt und genossen."

Vergelt’s Gott!

Unserer Mönchsgemeinschaft ist das Erbe des heiligen Meinrad seit dem Jahr 934 anvertraut. Und wie schon zur Zeit des Ortspatrons haben durch all die Jahrhunderte hindurch gute Menschen diese Verantwortung mitgetragen. Ich möchte an dieser Stelle ein grosses Vergelt’s Gott aussprechen. Ich danke all unseren Wohltätern. Seit Anfang des Klosters bis heute darf unsere Gemeinschaft ein grosses Wohlwollen erfahren. Unzählige Menschen tragen nach ihren Möglichkeiten dazu bei, dass dieser Ort lebendig bleibt. Viele von ihnen sind in den verschiedenen Vereinigungen engagiert, die das Kloster unterstützen. Sie ermöglichen es, dass Menschen hier im Finsteren Wald ihr Kerzlein anzünden können. Ich danke unseren Angestellten. Viele unserer Angestellten sind uns Mönchen Vorbild in ihrem Einsatz und in ihrer Treue. Dieser Ort lebt wesentlich vom Mittragen unserer Angestellten. Ich danke den unzähligen Menschen, die unsere Verantwortung im Gebet mittragen. Namentlich erwähne ich unsere Oblatengemeinschaft und die Gemeinschaft Unserer Lieben Frau. Ich danke auch den Menschen, die unser Leben kritisch beobachten und kommentieren. Sie sind uns Herausforderung, selbst kritisch zu bleiben, Vergangenes aufzuarbeiten und immer neu in der Treue zu wachsen. Danken möchte ich auch allen Mitbrüdern, die an dieser Stelle in grosser Redlichkeit Gott suchten und suchen. Es gab in der Vergangenheit Heilige in unserer Gemeinschaft – es gibt sie auch heute. Gott sei Dank! Sie sind Ansporn, bei allen Schwierigkeiten nicht zu verbittern, sondern in allem der Liebe zu Christus nichts vorzuziehen – selbst in den kleinen Dingen des Alltags. Besonders wollen wir Gott danken für das Geschenk des heiligen Meinrad und für unser eigenes Leben und unsere eigene Berufung.

Das Meinradsjahr

Wir werden das Meinradsjahr nicht so sehr mit grossen Feierlichkeiten begehen. Viel mehr geht es darum, dass Alltägliche in grösserer Treue zu leben. Das Jahr soll zur Stärkung der Klostergemeinschaft führen. Und die Menschen, die mit uns zu tun haben, sollen ihrerseits in ihrer eigenen Berufung gestärkt werden.
Für die Klostergemeinschaft geht es darum, sich dankbar des Ursprungs dieses Ortes bewusst zu werden, aber auch des Ursprungs unseres Hierseins. Sowohl der heilige Meinrad als auch wir sind hier in den Finsteren Wald gekommen, um Gott zu suchen und ihm ungeteilt zu dienen. Wir wollen das Wesentliche unseres Hierseins neu entdecken und andere Menschen an diesem Wesentlichen teilhaben lassen.
Das Meinradsjahr begann mit der ersten Vesper am Abend des 20. Januar 2011. Anschliessen begab sich die ganze Klostergemeinschaft auf den Etzelpass, um mit einer schlichten Vigilfeier die neu renovierte Meinradskapelle wieder zu eröffnen.
Am Meinradstag selbst – 21. Januar – war eine grosse Delegation von der Insel Reichenau im Finsteren Wald. Nach der Vesper fand eine Begegnung mit dem Abt statt, der für den Meinradssonntag im Oktober auf die Reichenau eingeladen wurde. In diesem Jahr sollen verschiedene Beziehungen, die durch den heiligen Meinrad geschaffen wurden, vertieft werden.
Am Tag nach dem Meinradstag konnte unser Mitbruder Bischof Amédée Grab Fr. Justinus Pagnamenta zum Diakon weihen.
In den Exerzitientagen werden wir versuchen, uns auf das zu besinnen, was dem heiligen Meinrad Nahrung war und was auch uns heute Nahrung sein kann. Sie stehen unter dem Motto: "Was wir zum Leben brauchen."
Am 2. Juli findet 90 Jahre nach dem ersten Alteinsiedlertag der 10. Alteinsiedlertag statt. Beim letzten Alteinsiedlertag am 29. Juni 2002 sagte ich in der Predigt: "Die grosse Resonanz auf die Einladung zum Alt-Einsiedler-Tag 2002 zeigt, dass viele Ehemalige diese Sendung als wertvoll erfahren haben und dem Kloster dankbar sind. Wir wollen aber auch nicht vergessen, dass nicht wenige Schülerinnen und Schüler mit Verletzungen von diesem Ort weggegangen sind. Sie sind vor allem unter denen, die heute nicht mit uns feiern. Wenn Sie solche Ehemalige kennen, so sagen Sie ihnen, dass es uns ein grosses Anliegen ist, den Weg der Versöhnung zu suchen. Soweit wir das von unserer Klostergemeinschaft her tun können, werden wir dazu alles unternehmen." Es werden dieses Jahr einige Alteinsiedler mit dabei sein, die 2002 den Weg nach Einsiedeln bewusst nicht unternahmen. Im Jahr 2010 konnten wir einigen ehemaligen Schülerinnen und Schülern den Weg nach Einsiedeln wieder zugänglich machen. Und das darf uns mit Dankbarkeit erfüllen.
Der 9. September 2011 wartet mit einer Premiere auf: Ein Fest der Klostergemeinschaft mit allen Mitarbeitenden. Wir freuen uns auf GEMI.
Anlässlich der zwölften Zentenarfeier der Geburt des heiligen Meinrad im Jahre 2000 wurde sehr viel Grundlegendes über den ersten Bewohner des Finsteren Waldes aufgearbeitet und in einer gelungenen Festschrift publiziert(1). Es ist mehr als angebracht, dass die verschiedenen Artikel gerade in diesem Jahr vertieft werden. Sie können uns eine Hilfe sein, dem Ursprung dieses Ortes und dem Ursprung unserer Berufung näher zu kommen und aus diesem Ursprung heraus unser Leben zu gestalten.

Erbe und Auftrag

Uns ist ein wertvolles Erbe anvertraut. Möge der heilige Meinrad uns Fürbitter im Himmel sein, dass wir dieses Erbe miteinander mutig in die Zukunft führen!

Abt Martin Werlen OSB

(1)Odo Lang (Hrsg.), Sankt Meginrat. Festschrift zur zwölften Zentenarfeier seiner Geburt. St. Ottilien 2000.


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