Predigt am Festtag des hl. Meinrad 2013

21. Januar 2013, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Liebe Mitchristen

Auch wenn die Gewänder unseres Bischofs Amédée und der beiden Diakone glänzen, steht in dieser Feier nicht etwa das Gold, sondern die Farbe Rot im Vordergrund. Wir feiern heute nämlich keinen Triumpf, sondern einen Untergang: einen gewaltsamen Tod, und Rot steht für das Blut, das dabei floss: Wir feiern heute den Tod des hl. Meinrad. Und wenn wir Meinrad dann noch einen «Märtyrer» nennen, müssen wir aufpassen, dass wir nicht etwas verherrlichen, was in der heutigen Zeit vor allem Angst auslösen kann: «Märtyrer» nennen sich oft Leute, die behaupten, sie kommen via Sprengstoffgürtel ins Paradies, indem sie möglichst viele unschuldige Menschen mit sich in den Tod reissen. Dschihad, Islamismus und Salafismus: Diese Wörter verstehen wir kaum, doch verbinden wir sie mit Tod und Schrecken. Und der Blick nach Mali und Algerien lässt uns abwartend und ungläubig die Fragen stellen: Was kommt als nächstes und wohin führt dieser religiöse Irrsinn?

Liebe Schwestern und Brüder, beim hl. Meinrad war es anders als bei Terroranschlägen: Nicht er hat seinen Tod herbeigeführt, vielmehr wurde er gewaltsam getötet. Und es ging am 21. Januar 861 gar nicht um so etwas Edles wie das Paradies, sondern um etwas viel Geistloseres: um einen Raubmord. Das Erstaunliche an diesem Tod ist also nicht das Motiv der Räuber, auch nicht die Gräueltat selbst, sondern die Haltung, in der Meinrad starb. Es wird erzählt, Meinrad habe die beiden Mörder kommen sehen und sie dann noch bewirtet, bevor er umgebracht wurde. Nicht umsonst heisst Meinrad auf Althochdeutsch Meginrat: grosser Ratgeber. In der Stille auf dem Etzel und hier in Einsiedeln reifte er zu einem hörenden Menschen heran, der um sein Menschsein wusste, manchen Kampf mit sich selbst aushielt und so feinfühlig für sich und andere wurde und darum Rat geben konnte. Meinrad muss andere Menschen gut verstanden haben und spürte deswegen auch bei diesen beiden Männern, dass sie schlechte Absichten hatten. Seine Haltung war dann aber nicht die der Verteidigung, auch rannte er nicht davon, sondern er lebte die Gastfreundschaft – er versuchte zu geben, um die Herzen seiner Mörder zu gewinnen.

Es braucht schon sehr viel Mut und Selbstvergessenheit, im Moment der Gefahr nicht einfach die eigene Haut retten zu wollen, sondern auch im Menschen, der uns Böses will, dessen Würde zu entdecken und ihm zu dienen. Ist es nicht so, dass wir lieber einen grossen Bogen machen um Menschen, die wir nicht mögen? Ist die beste Art, eigene Ängste zu überspielen, nicht jene, den Ruf und damit die Würde anderer zu zerstören, indem wir kräftig mitmischen, wenn über andere schlecht gesprochen wird? Braucht es nicht viel Mut und Selbstvergessenheit, um Personen auszuhalten, die schlecht von uns reden? Und eine Belohnung ist uns dabei nicht sicher, wenn wir uns in der Haltung Meinrads üben. Er konnte ja nichts an den bösen Absichten der beiden Männer ändern und scheiterte: Meinrad zahlte seine Haltung mit dem Tod.

Meine Lieben, «Martyrium» heisst übersetzt «Zeugnis». Die Geschichte des Märtyrers Meinrad legt Zeugnis für etwas anderes als Terror ab. Der hl. Meinrad war ja nicht der erste starke Mensch, der für andere da war und dennoch scheiterte: Schon Christus lief im Augenblick, als er selbst vom innersten Kreis seiner Freunde verraten wurde, nicht davon. Lieber nahm er den qualvollen Tod auf sich, als gegen sein Gewissen zu handeln, gegen Gottes Willen für unsere Welt. Meinrads Leben glich sich hier im Finsteren Wald über die Jahre hinweg immer mehr dem Leben Christi an: Er konnte leben und geben, ohne Angst zu haben zu verlieren, weil er alles hatte: die Erfahrung, von Gott angenommen und geliebt zu sein. Ein christlicher Märtyrer ist also nie und nimmer ein Mensch, der den Tod sucht – das ist Unsinn und gegen die christliche Botschaft gerichtet! Das christliche Martyrium legt vielmehr noch im Tod Zeugnis ab, dass es mehr gibt als die Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Meinrads Haltung zeugt noch im Tod von innerer Stärke und Hoffnung.

Woher aber kommt diese Stärke? «Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!», rät Jesus im heutigen Evangelium einem jungen Mann. Dieser Satz muss geschmerzt haben. Der Mann will ja nur glücklich sein. Er ist ein anständiger Mensch und hält sich an alle Gebote der Gesellschaft. Darüber können wir ja froh sein. Eine solche Haltung kann aber auch in den Fanatismus führen – und das nicht nur in der Religion –, wenn plötzlich Gesetzte, Gebote oder der Druck einer Gesellschaft, wie wir denken müssen, im Mittelpunkt stehen und nicht mehr der Mensch. Jesus fordert uns auf, vielmehr nach verborgenen Schätzen, nach dem Himmel zu suchen und ihm nachzufolgen. Jesus bietet also Beziehung mit Gott an, bietet Liebe an. Dafür gilt es loszulassen von eigenen Sicherheitsvorstellungen, denn wer liebt, ist verwundbar, wer liebt, kann scheitern.

Liebe Mitchristen, wie Christus ist Meinrad in einem gewaltsamen Tod gescheitert! Dennoch legte er im Scheitern ein Martyrium – ein Zeugnis für die Liebe Gottes ab. Und Gott vermag mehr, als was wir für möglich halten. So wie Gott Abraham versprach, er werde ein Segen werden, wurde Meinrad für Millionen Menschen ein Segen, hier in Einsiedeln, in Europa bis hin in die USA und Südamerika. In seine Haltung der Suche nach Beziehung mit Gott dürfen wir uns einüben, um liebende Menschen zu werden. Wir dürfen dabei wie Meinrad Zeuginnen und Zeugen sein für Gottes Liebe und Beistand – auch in unserem Scheitern. Amen.


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