Predigt an Maria Empfängnis 2012

8. Dezember 2012, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Urban Federer

Tota pulchra es, Maria. – Alles an Dir ist schön, Maria. So, liebe Brüder und Schwestern hat die Choralschola für uns gesungen, zusammen mit dem «Halleluja», um das Evangelium und damit die Gegenwart Christi in Seinem Wort zu begrüssen. Tota pulchra es, Maria. Ja ist das denn wichtig, dass Maria schön ist? Tatsächlich ist mir keine Abbildung der Muttergottes bekannt, die sie hässlich darstellt. Obwohl niemand weiss, wie diese galiläische Frau Maria ausgesehen hat, gehen wir davon aus, sie sei schön gewesen – oder eben: sie sei immer noch schön!

Das Schönheitsideal der Menschen ist ja eigentlich der Zeit unterworfen. Wenn Sie hier um sich blicken, dann erkennen Sie, was die Menschen des Barock als schön empfanden: Weiss wollten sie sein, ja nicht braun wie jene armen Menschen, die sich auf dem Feld plagen mussten. Und ein bisschen Bauch durfte man haben! Denn Menschen, die auch am Leib etwas auf der Seite hatten, wussten zu leben – die Mageren hingegen kämpften meist mit dem Hunger. Anders das viel ältere Schönheitsidal des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von Einsiedeln; wir können Sie dort auf dem Seitenaltar gut betrachten, solange um und in der Gnadenkapelle noch gearbeitet wird. Ohne Krone und zusätzliche Kleider erkennen wir eine junge, elegant wirkende Frau, schlank und dunkel – das kommt doch unserem heutigen Schönheitsideal schon näher. So singen wir denn auch an ihrem Fest, am 16. Juli: Nigra sum sed formosa – Ich bin dunkel, aber schön!

Tota pulchra es, Maria – Alles an Dir ist schön, Maria. Dieser Anfang eines Gebetes aus dem 4. Jahrhundert, meine Lieben, wurde für Maria damals nur neu zusammengestellt, ist aber älter: Die Worte entstammen der Bibel, dem Hohelied aus dem Alten Testament. Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebesliedern, in denen sich Freundin und Freund vermissen, suchen, finden und eben lieben. Dort kommen in Kapitel 4,7 jene Worte vor, von denen ich hier spreche: Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet an dir. Nicht die Schönheit, sondern die Liebe steht in diesen Worten im Vordergrund. Die Liebe sucht mit viel Fantasie nach Worten für die Geliebte. Für den Liebhaber dieses biblischen Buches ist alles schön an ihr: an der Braut kann er keinen Makel sehen, denn er liebt.

Wer nicht liebt, bei wem die Liebe erkaltet ist, sieht sehr wohl die Makel der anderen Menschen. Je gereizter wir sind, desto mehr gehen uns die Fehler der anderen auf die Nerven – gerade bei Personen, die wir lieben oder liebten und darum gut kennen! Wenn Adam in der heutigen Lesung Eva die ganze Schuld zuschiebt, merkt er wohl, dass ihr Fehlverhalten eigentlich sein eigenes aufdeckt! Sein Makel ist aber nicht nur, dass er Eva nicht mehr lieben kann. Nein auch vor Gott versteckt er sich: da ist keine Liebe, kein Vertrauen mehr. Und wenn Sie nun das Deckengemälde mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies anschauen, merken Sie: Die beiden sind nicht schön, obwohl sie wohl proportioniert sind. Sie können nicht schön sein – weil sie nicht lieben!

Tota pulchra es, Maria. Warum sollte denn Maria schön sein? Weil sie mehr liebt als Adam und Eva? So erzählt es uns der Evangelist Lukas nicht. Maria liebt nicht mehr, sondern sie lässt sich lieben! Gratia plena – Du bist voll der Gnade, beten wir im «Gegrüsst seist Du Maria», weil der Engel zu ihr sagt: Sei gegrüsst Du Begnadete, und weiter unten im Text: Du hast bei Gott Gnade gefunden. Gratia – Gnade – können wir auch übersetzen mit Sympathie, Wohlgefallen. Gott liebt Maria, Gnade ist geschenkte Liebe. Gott möchte Menschen werden, er sucht sich dazu eine junge Frau in Nazareth als Mutter aus. Gott liebt sie – und sie lässt sich lieben! Maria ist nicht von sich aus ein besserer Mensch: Gott nimmt sie heraus aus der Verstrickung von Schuld und Sünde, in die Adam und Eva geraten sind, um in seiner Liebe zu uns Mensch zu werden. Gottes Liebe sagt zu Maria: Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet an dir.

Liebe Schwestern und Brüder, finden Sie Ihre Nachbarin, Ihren Nachbarn schön? Schauen Sie sich nur um. Vielleicht hat er ja etwas von barocker Fülle – was ganz gut in diese Kirche passt. Oder ihr Gesicht ist nicht so braun gebrannt – was bei diesem Wetter nicht wirklich erstaunt. Darauf dürfen Sie aber vertrauen: Gott findet Ihren Nachbarn, Ihre Nachbarin schön, auch Sie selbst! Warum? Weil Gott liebt. Weil sich wie bei der Taufe Jesu auch bei Ihrer Taufe der Himmel öffnete, aus dem Gott sagt: Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Gottes Liebe sagte zu Ihnen: Du bis voll der Gnade, das heisst: Alles an dir ist schön, meine Freundin, mein Freund; kein Makel haftet an dir. Wenn Maria schön ist, wenn Gott Maria liebt, dann, weil Gott den Menschen liebt. Wie Maria sich lieben lässt und Gott empfing, so dürfen ja auch wir jetzt zum Tisch des Herrn treten und ihn empfangen. Und wir tun das immer wieder, um diese Beziehung der Liebe mit Gott wach zu halten, damit sie nicht erkaltet. Was Maria schon ist – voll der Gnade –, das dürfen wir jeden Tag ein bisschen mehr werden. Und vielleicht singen die Engel ja wirklich gerne «Halleluja». Vielleicht singen sie, wenn wir eines Tages ganz in Gott eingehen werden: Tota pulchra es, amica, amicus: et macula originalis non est in te – Alles an dir ist schön, meine Freundin, mein Freund; und der Makel der Urschuld ist nicht mehr in dir.


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