Predigt an Pfingsten 2012

27. Mai 2012, Klosterkirche, Pater Urban Federer

Wer kennt ihn nicht: jenen Moment, in dem du nicht weisst, ob du nun lachen oder weinen sollst. Nachdem ein Radiosprecher vom «mysteriösen Geist an Pfingsten» gesprochen hat, stellte ich einigen Menschen die Frage, was uns denn beim Stichwort «Geist» in den Sinn kommt. Lachen musste ich zuerst, als ich von irgendwoher die Antwort bekam: «S‘Hippigschpängschtli» von Peter Reber! Lachen kann ich dabei, weil «s‘Hippigschpängschtli» ein wahrer Tollpatsch von einem Geist ist: Man muss es nicht fürchten und schon gar nicht ernst nehmen. Doch hier kommt dann auch schon das weinende Auge ins Spiel: Dieses nette Lied ist ja nur schon für Liebhaber von Geistergeschichten und für eingefleischte Harry-Potter-Fans ein Graus! Wenn dieses Lappi-Gespenst dann auch noch mit dem Hl. Geist ist Verbindung gebracht wird, liegt die Schlussfolgerung für Pfingsten nahe: Wirklich ernstnehmen muss man die Geist-Geschichte des heutigen Tages ja nicht wirklich!

Liebe Brüder und Schwestern, wenn Menschen beim Wort «Geist» an ein herumschwebendes Leintuch mit zwei Augenschlitzen denken oder es uns gar gruselig zumute wird, hat das auch mit der deutschen Sprache zu tun, die für all das nur ein Wort kennt. Das Wort «Geist» stammt vom indogermanischen gheis- ab und meint «erschaudern, sich fürchten». Sogar für das «Hippigschpängschtli» ist das Wort «Geist» also zu viel, denn vor diesem Gespenst muss man sich ja nicht fürchten. Für den Hl. Geist mache ich mich nun aber definitiv – wenigstens für diese Predigt – auf die Suche nach einer neuen Bezeichnung, ich will ihn ja hier nicht als etwas Furchteinflössendes verkünden – und schon gar nicht als etwas Harmloses. Im amerikanischen Englisch heisst der Geist «spirit», vom Lateinischen «spiritus». Auch dieses Wort ist im Deutschen aber nur schwer einsetzbar. Schon in der Apostelgeschichte muss sich Petrus wehren: Diese pfingstlichen Menschen sind nicht betrunken, Gottes Geist gehört nicht in den Spirituosen-Schrank. Treffender für den Hl. Geist scheint mir dann noch eher die deutsche Kurzform von spiritus: «Sprit». Dieses Wort verwenden wir ja nicht nur für Alkohol, sondern auch für Motorenbenzin. Ja, ist dieser Geist Gottes nicht der Treibstoff der Kirche, der Motor, ohne den das Kirchenschiff schon längst auf den Ozeanen dieser Welt untergegangen wäre? Der Hl. Geist – der Sprit der Kirche!?

Meine Lieben, mein sprachliches Gedankenspiel zeigt deutlich auf, wo auch in meinem Sprechen das Problem liegt: Ich denke über den Hl. Geist laut nach wie über etwas, das von aussen her mühsam herbeigeredet werden muss, ich dränge Ihnen den Hl. Geist für die Minuten eines Pfingstgottesdienstes als Mittelpunkt unseres Glaubens auf – aber nach dem Pfingstmontag könnte er eigentlich wieder irgendwo anders ungestört «Hippigschpängschtli» spielen. Ein solcher Geist hat mit dem Geist Jesu Christi nichts zu tun. Der Geist, der an Pfingsten auf die Jüngerinnen und Jünger kommt, lässt sich nicht nur auf diesen nieder, er erfüllt sie. Der Hl. Geist hat also wirklich etwas vom Sprit: Er lebt in uns, er spornt Menschen an zu reden, was er ihnen eingibt, er ist der Motor unseres Lebens aus dem Glauben.

Nun ist mir aber auch das Wort «Sprit» zu unpersönlich. Wer ist dieser Geist Gottes, der bei uns ist, genauer? Gehen wir in unseren Gedanken zurück in die Tage, als es langsam kalt wurde. Am 27. November 2011 feierten wir den 1. Adventssonntag. Da machten wir uns als Kirche auf und bekannten: Wir warten auf die Ankunft Christi in unserem Leben: Wir erwarten ihn als menschgewordenen Gott an Weihnachten und am Ende der Zeiten als deren Vollender. Und dann feierten wir Weihnachten: Unser Gott wurde tatsächlich Mensch, um bei uns zu sein, um uns zu zeigen, wer und wie dieser Gott ist, der den Menschen sucht. Aber mit der Menschwerdung hat Gott sich ein Problem eingehandelt: die Sterblichkeit, auch ohne Kreuz hätte Jesus sterben müssen. Da schafft Gott etwas Unglaubliches: Dort wo wir Menschen blind zerstören – am Karfreitag –, zeigt er Liebe, Hinwendung – am Kreuz. Und er zeigt an Ostern, dass diese Liebe, sein Leben, stärker ist als der Tod. An Himmelfahrt feierten wird zusammen, dass Christus beim Vater ist, dass er uns den Himmel geöffnet hat. War es das nun? Hat sich Gott in den Himmel zurückgezogen und bleibt nur noch als Idee, als eine unpersönliche Kraft zurück? Ist unser christlicher Glaube ein wehmütiges Zurückschauen auf vergangene Zeiten? Viele Menschen ausserhalb der Kirche sehen sie so, viele Menschen innerhalb der Kirche leben tatsächlich ein übereifriges Zurückschauen in die Vergangenheit. Christus aber wollte das Gegenteil: seine Kirche in die Zukunft führen! «Seid gewiss», sagt er im Matthäusevangelium, «Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt» (Mt 28,20). Dafür beschenkt er uns im heutigen Evangelium: «Empfangt den Heiligen Geist!» Dieser Geist ist kein Erinnerungsfoto an das, was Christus vor Urzeiten gelebt hat. Er ist auch kein Geist der Furchtsamkeit. In diesem Geist bleibt Christus bei uns, dieser Geist ist der Geist Christi, er ist Gott selbst! Und Gott ist nicht einfach ein harmloses Gespenstlein: Gott kann wie ein heftiger Sturm daherkommen und wir können dabei Feuer fangen. Weil er Gott ist, der in uns wohnt, ist die Hl. Schrift kein blosses Erinnerungsbuch, sondern wird Leben für uns. Weil er Gott ist, der bei uns ist, ist die Eucharistiefeier kein reines Erinnerungsmahl, sondern Christi Gegenwart für uns heute, bis zum Ende der Zeiten. Weil der Hl. Geist Gott ist, gibt es die Vergebung der Sünde, die Überwindung des Grabens zwischen Gott und dem Menschen: wahren Frieden und Glück. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der Gott an Weihnachten in Christus dem Menschen entgegenkommt, tritt der Hl. Geist in unsere Welt ein. Pfingsten ist ein zweites Weihnachtsfest: Seit Pfingsten ist der Hl. Geist nun bei uns und führt uns Einzelne und seine ganze Kirche zum Vater, dem Ziel unseres Lebens. Und der Hl. Geist bleibt bei uns bis zum Ende der Welt!

Nun kann ich meine Gedanken schliessen, liebe Mitchristen, denn ich habe einen Begriff gefunden, den ich wenigstens in dieser Predigt dem Hl. Geist geben möchte: Leidenschaft! Der Hl. Geist ist Gottes Leidenschaft für uns Menschen. Uns möchte er zum wahren Leben in Gott führen, uns möchte er die Möglichkeit für Frieden und Freiheit eröffnen. Schön wäre es, der Hl. Geist könnte seine Kirche zu einem verrückten Haus machen: nicht nur für 60 Meter wie jenes Haus in Zürich-Örlikon. Er soll uns verrücken in die Gegenwart und in die Zukunft hinein, aus Leidenschaft für die Menschen, die doch alle, innerhalb und ausserhalb der Kirche, Glück und Frieden ersehen. Gott hat an Weihnachten und an Pfingsten viel Fantasie aufgewendet, um für immer bei uns zu sein. Es ist nun an uns, den Glaubenden, Christi Botschaft mit viel Fantasie in unsere Welt zu tragen: «Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch», sagt Christus im heutigen Evangelium. Wir dürfen heute neu Feuer fangen, damit der Lebens-Funke auch auf andere überspringen kann. So lange die Kirche angstvoll um sich selbst und ihre Probleme kreist, wird sie von der Welt nicht ernstgenommen. Eine Kirche, die sich dem Hl. Geist anvertraut – der Leidenschaft Gottes – kann Sprit für diese Welt sein. Im Vertrauen auf den Hl. Geist, der immer bei uns ist, dürfen wir leidenschaftlich das wahre Leben in Gott lieben – für uns und für andere. Amen.


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