Predigt an Weihnachten

25. Dezember 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Ich liebte meine Grosseltern, keine Frage. Vor allem garantierte Ihr Weihnachtsbesuch am 25. Dezember, dass die Kerzen am Baum nochmals entzündet wurden und unter dem Baum erneut Geschenke lagen. Zweimal Weihnachten: mein Kinderherz war den Grosseltern mehr als dankbar! Wenn da nur nicht das Abendessen gewesen wäre. Warum mussten wir ausgerechnet am Weihnachtsabend immer Fisch essen? Ja waren denn die Grosseltern wichtiger als ich?

Liebe Brüder und Schwestern, heute würde ich gerne aus der Küche meiner Mutter einen Fisch essen. Es bleibt das Bewusstsein, dass es Ungerechtigkeiten im Leben gibt, selbst an Weihnachten. Und wir können leider oft gar nichts gegen sie tun, sondern uns nur fragen: Was mache ich aus dieser Situation? Weihnachten kann auch in schwierigen Situationen gelingen: Dieses Fest bringt Menschen zusammen, die sich mit Geschenken sagen: Du bedeutest mir etwas. Gleichzeitig zeigte mir der Fisch auf dem weihnächtlichen Teller aber auch, wie verschieden wir sind und dass auf der Welt nicht alles so läuft, wie wir es gerne hätten. Das war schon bei der Geburt Christi so: Musste nicht vor allem Josef das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden? Da hatte er eine Zukunft mit einer Frau und einem Kind geplant! Und was wird aus seinen Plänen? Die Geburt Christi wurde für ihn zum Anfang eines Lebens in Unsicherheit und sogar der Flucht, nach Ägypten. Wo wir die Geburt Gottes im Kind feiern, muss sich Josef zuerst gefragt haben: Ob Gott wirklich da ist? Ob Gott gerecht ist?

Auch wer an Gott glaubt, wird von solchen Fragen nicht verschont und sieht längst nicht alles im Leben als gerecht an. Lesen wir die Worte der heutigen Lesung aus dem Buch Jesaja vor diesem Hintergrund, dann hören wir diese Worte anders. Da heisst es freudig: «Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr nach Zion zurückkehrt.» Wenn Gott zurückkehrt, heisst das doch, dass er zuvor ausgezogen war. Jahrzehntelang hatte das Volk Israel in der Zeit des Babylonischen Exils das Gefühl, Gott interessiere sich überhaupt nicht für ihr Schicksal, er habe sich von ihnen abgewandt. Die Frage treibt eben auch den Glaubenden um: Warum lässt Gott das zu?

Und so scharen sich um die Krippe Menschen wie Maria und Josef in ihrer ganzen Zerbrechlichkeit. Es kommen Hirten hinzu, die gar nicht so recht verstehen, warum die Engel sie zur Krippe schicken. Ja schauen sie zur Weihnachtskuppel auf und sehen sie selbst, wer noch alles um Maria und Jesus herumsteht: Menschen wie Sie und ich, Menschen, die froh sind, Menschen, die staunen, ich sehe weiter Menschen, die sich gar nicht gross um diese Geburt zu interessieren scheinen. Um die Krippe herum stehen auch zweifelnde Menschen, Menschen, die mit Gott hadern und glauben, zu kurz gekommen zu sein. Sie alle führt etwas Kleines, ein Kind zusammen. Ist das nicht erstaunlich? Auch heute, 2'000 Jahre später versammelt uns dieses kleine Jesus-Kind hier zum Weihnachtsfest! An diesem Kind muss doch etwas sein!

Meine Lieben, dies ist möglich, weil Weihnachten nicht vor 2'000 Jahren, sondern heute stattfindet. Und Weihnachten braucht heute nur eine Krippe: unser Herz. In unserem Herzen entscheidet sich, ob das Licht, das hier in der Weihnachtskuppel vom göttlichen Kind ausgeht, auch wirklich einen Wiederschein findet. In unserem Herzen entscheidet sich, ob Ungerechtigkeiten mit weiteren Ungerechtigkeiten beantwortet werden oder nicht. In unserem Herzen trifft die Botschaft auf unser Ja – oder eben nicht. Und an Weihnachten bildet sich eine Gemeinschaft, wenn viele Menschen sich vom göttlichen Licht berühren lassen und es weitergeben – hinein in die Welt der Zu-kurz-Gekommenen, in die Herzen der Abhängigen und Traurigen, in die Welt des Versagens und des Unfriedens, der Flüchtenden, der Ausgegrenzten, der Kranken und Sterbenden. Auch die Lesung aus dem Buch Jesaja weiss, dass die Botschaft von der Nähe Gottes zu den Menschen bei vielen noch nicht angekommen ist. Warum kann sie dann trotzdem dieses Lied der Freude singen, das wir gehört haben? «Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln.» Die Lesung spricht von Wächtern. Das sind Menschen mit einem wachem Herzen. Sie erheben ihre Stimme und verkünden eine Hoffnung, weil sie Gottes Stall, seine Krippe sind. Weihnachten ist, wo es Wächter, wo es gläubige Menschen gibt, die von Gottes Licht berührt werden. Von ihnen sagt das heutige Evangelium: «Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden.»
Das ist unsere Berufung: Stall Gottes zu sein, seine Krippe, Gott aufzunehmen, uns als Gottes Kinder zu entdecken. Ob heute wirklich Weihnachten ist, entscheidet sich nicht zuletzt in uns: Trauen wir Gott den Frieden zu, den wir nicht haben? Die Freiheit, wo wir Abhängigkeit sehen? Freude, wo wir in Trauer versinken? Leben, wo doch der Tod uns bedroht? In der Kommunion werden wir unsere Gotteskindschaft erneuern und damit unsere Hoffnung in Gott. Dann ist Weihnachten, wenn wir sagen: Amen, so ist es. Gott schafft dabei meine Zweifel und Ängste nicht aus dem Weg, sondern kommt in sie hinein, erleuchtet sie von innen her.

Liebe Mitchristen, es ist schon ein erster Schritt, wenn das Kind zu akzeptieren lernt, dass der Fisch auf dem Teller Weihnachten nicht verhindert. Ich gebe Ihnen nun einen Auftrag mit: Gehen Sie beim Verlassen dieser Kirche bei der grosse Krippe der Klosterkirche vorbei, zu der ich nachher auch mit dem Weihrauch gehe. Von weitem sehen Sie eine Krippe. Genauer betrachtet stehen Maria, Josef und das Kind unter den Flügeln eines Engels. Ein Engel ist ein Bote Gottes und bringt Gottes rettendes Wort. Die kleine, zerbrechliche Familie steht also unter dem Wort Gottes, in seinem Licht. Das ist Weihnachten: Gottes Wort spricht in unseren Alltag hinein, erleuchtet unser Herz mit all seinen Sorgen von innen. Stellen auch Sie sich unter diesen Engel, unter das Wort Gottes: Dann ist Weihnachten! Amen.


Gedruckt am 19.1.2018 / www.kloster-einsiedeln.ch, © 2018 kloster-einsiedeln.ch