Predigt an Engelweihe

14. September 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Bischof Jean-Marie Lovey

Liebe Mitbrüder der Festgemeinschaft
Liebe Pilger und Pilgerinnen
Brüder und Schwestern

Das Leben ist ein Abenteuer. Es ist ganz und gar Pilgerschaft. Jeder und jede von uns empfindet im Herzen ein unergründliches Geheimnis und geht den persönlichen Weg auf Gott hin, der uns liebt und der uns anzieht. Unsere irdischen Wallfahrten sind ein Abbild unseres ganzen menschlichen Lebens. Die Wallfahrt und das Leben sind ein Abenteuer. Man bereitet sich darauf vor, hat einige Bezugs- und Schwerpunkte, aber vor allem lebt man es.

Einsiedeln ist ein grosser Wallfahrtsort. An diesen Ort pilgert man schon seit langem. Die Pilgerinnen und Pilger erfinden nichts Neues. Sie tauchen ein in den Storm von vielen Jahrhunderten des geistlichen Abenteuers, das viele Menschen vor uns erfahren haben.
Das erste geistliche Abenteuer dieses Ortes ist das seiner Weihe. Es kommt nicht selten vor, dass Orte, die Träger spiritueller Abenteuer sind, geheimnisvoll dazu ausersehen wurden, und dass man dort ein Gebäude errichtete. Das ist die Erfahrung des Propheten Ezechiel. Seine Augen sind Zeugen einer grossartigen Vision. Er sieht die Herrlichkeit Gottes die den ganzen Raum erfüllt. Zur gleichen Zeit vernimmt er die geheimnisvollen Worte die ankündigen, dass an diesem Ort «die Füsse Gottes ruhen und er hier für immer mitten unter den Israeliten wohnen will».

Wir erinnern uns an die Worte, die Bernadette Soubirous von Maria empfängt: «Geh und sag den Priestern, dass man hier eine Kapelle bauen und in Prozession hierher kommen soll».

Viele Heiligtümer, die der Jungfrau Maria geweiht sind, wurden auf ähnliche Weise bestimmt. Hier in Einsiedeln ist nicht nur der Ort dazu auserwählt worden, sondern die Weihe wurde von den Engeln selber vorgenommen. Dieses Ereignis feiern wir heute. Wir sehen in dieser Feier nicht einfach ein geheimnisvolles oder magische Geschehen. Die beiden anderen Lesungen des Tages geben interessante Hinweise um zu verstehen, um was es sich wirklich handelt. Der Verfasser des Hebräer-Briefes drückt es so aus: «Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter und durch das erhabene und vollkommene Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das
heisst nicht von dieser Welt ist»

Durch die ganze Heilsgeschichte hindurch hat Gott sein Volk immer unterwiesen; er will die Menschen verstehen lehren, dass er keine Vorliebe hat für einen majestätischen Tempel, wie der König David dachte, noch für die schönste Kirche auf dieser Erde. Wir vernehmen, dass dieses Zelt, «das nicht von Menschenhand gemacht ist», der Leib Jesu selber ist. Wenn das Heiligtum der Leib Jesu ist, ja, dann wird es von den Engeln durch ihr ständiges Lob und ihre immerwährende Anbetung bewohnt.
Indem die Engel sich aufmachten, um die Kirche von Einsiedeln zu weihen, lenken sie unseren Blick und unsere Aufmerksamkeit auf das wahre Heiligtum. Dieses verdient es, dass die ganze Schöpfung seine Grösse, seine Majestät, seine Göttlichkeit erkennt: Jesus ist der wahre Gott und sein Leib ist der Ort, wo die Herrlichkeit Gottes wohnt, - nicht nur Tempel! Es gibt darum keinen sicheren Ort, um Gott zu begegnen, als uns dem Leib Christi zu nähern.

Mit dem Evangelium nach Johannes machen wir noch einen weiteren Schritt. Die Samariterin stellt Jesus die gleiche Frage, die manchmal auch in uns steckt: Wo ist der beste Ort, um zu beten, um Gott zu begegnen, im Tempel von Jerusalem – was die Juden damals dachten – oder auf dem Berg Garizim, was die Samariter glauben? Die Antwort von Jesus verweist auf den sichersten Ort, um Gott zu begegnen. Nicht an diesem
oder an jenem Ort, «aber die Stunde kommt und sie ist schon da, in der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit». Also nicht der Ort ist die Hauptsache, sondern die Wahrhaftigkeit des Aufbruches und der Sehnsucht. Auf die Frage, ob es besser ist, eine Wallfahrt nach Rom, nach Lourdes, nach Fatima oder nach Einsiedeln zu machen, gibt uns das Evangelium eine Antwort, die zum Wesentlichen führt: «Der Vater sucht Anbetende im Geist und in der Wahrheit».

Damit eine Wallfahrt gelingt, muss sie in die Tiefe und bis ans Ende gehen. Es genügt nicht, schöne Wallfahrtsorte zu entdecken. Wir müssen eintreten in den schönsten von allen, in unser eigenes Herz. Dort erfahren wir, dass Jesus hier lebt und wir ihm begegnen können. Er wartet darauf, dass wir ihn entdecken, ihm begegnen, bei ihm bleiben.

Die Weihe dieses Heiligtums durch die Engel weist uns auf unsere eigene Weihe zurück. Am Tag unserer Taufe ist Jesus gekommen, um in unserem Herzen zu wohnen. Hier, «im Geist und in der Wahrheit» können wir dem anbetungswürdigen Gott immer begegnen. Und der Chor der Engel fährt fort mit seiner Mission. An der Türe des Herzens eines jeden einzelnen Menschen erinnern uns die Engel, dass «jeder Mensch eine heilige Geschichte ist, weil er als Ebenbild Gottes erschaffen wurde».

Amen.


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