Predigt an Pfingsten

4. Juni 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Pascal Meyerhans

Bei der Himmelfahrt ist Jesus von uns gegangen. Seit diesem Tag sind die Jünger auf eigene Füsse gestellt. Sie wissen, Jesus lebt, er wird wiederkommen, wann, das wissen sie nicht. Es beginnt für sie die Zeit des Glaubens und ihres Einsatzes. Damit sie diese Zeit gut überstehen, empfangen sie den Hl. Geist.

Wer ist dieser Hl. Geist? Es ist die unsichtbare Gegenwart Jesu, die Kraft Gottes. Wir könnten für uns sagen, der Hl. Geist ist der innere Antrieb unseres Lebens, vorausgesetzt ist aber der Glaube.

Darf ich Ihnen dazu eine kleine Fabel erzählen? In einer Fabel, einer Tiergeschichte, macht das Tier gewöhnlich etwas, das es normalerweise nicht täte. Vielleicht haben Sie auch schon zugeschaut, wie eine Spinne ihr Spinnennetz webt. Das tat eine Spinne. Sie ist hinaufgeklettert und hat sich an einem Faden heruntergelassen. Dann hat sie begonnen, ihr Netz zu weben: ein wunderschönes Netz. In kurzer Zeit war sie soweit. Sie hat es nochmals begutachtet, ist kreuz und quer über das Netzlein gesprungen, hat an den Ecken etwas gezupft, geschaut, ob es wirklich auch hält. War alles tiptop.

Dann kam sie zu dem Faden, der nach oben führt. Ja, der passt ja gar nicht mehr zu dem Netz, das sich so schön präsentiert. Sie hat begonnen, diesen Faden durchzunagen, - das ist das, was die Spinne in Wirklichkeit sicher nicht täte – und als sie ihn durchgebissen hatte, was ist passiert? Das ganze Netz ist in sich zusammengefallen.

Vielleicht ahnen Sie, was ich Ihnen sagen möchte? Wir Menschen tun im Lauf unseres Lebens etwas ganz Ähnliches wie die Spinne. Wir bauen auch so ein Netz, mit unserer Arbeit, mit unserm Einsatz, mit unserer Leistung, alles ist vernetzt. Die einen machen ein ganz grosses, die andern halt nur ein kleines Netz, je nach dem. Kommt nicht auf die Grösse an. Wichtig ist eines, dass der Verbindungsfaden nach Oben stimmt, dass der Glaube da ist, der Glaube an Gott, der darf ja nicht entzwei gerissen sein. Viele meinen heute, der nützt doch nichts, schneiden ihn entzwei und merken gar nicht, in welche Dummheit sie stürzen. Nur dieser Verbindungsfaden mit Gott wird unserm Netz Standfestigkeit verleihen. Durch diesen Faden, durch den Glauben kommt der Hl. Geist zu uns, der in uns vieles bewirkt: manchmal ganz still und leise, manchmal überfallsmässig unwiderstehlich wie bei der Bekehrung des hl. Paulus, ab und zu allmählich, dann wieder stürmisch, aber immer so, dass wir wissen: Gott ist am Werk, Gott ist dabei. Ich bin und bleibe bei euch bis zum Ende der Welt. Und eigenartigerweise ist es oft so, wie es der hl. Papst Johannes der XXIII., als er zum Papst gewählt wurde, gesagt hat.

Damals vor gut 50 Jahren war es noch Brauch, dass der Papst auf einem hohen Tragsessel in den Petersdom getragen wurde. Er als gebürtiger Bauernsohn wäre vermutlich lieber zu Fuss gegangen, doch er liess es über sich ergehen, dass sie ihn trugen. Als sie sich dem Petersdom näherten, da hat er den Trägern gesagt, sie sollen nochmals anhalten, er müsse ihnen noch etwas sagen. Als er kleiner Bub gewesen sei, da hätte ihn sein Vater in Bergamo auf den Schultern in die Kirche getragen. Unterdessen sei er ein alter Mann geworden – und wie es so gehen könne, man hätte ihn noch zum Papst gewählt. Und jetzt tragen sie ihn auf diesem hohen Stuhl in den Petersdom. Er müsse ihnen aber etwas sagen: das Geheimnis des Lebens sei es, sich von Gottes Güte und Gottes Liebe tragen zu lassen. Das möchte Papst Johannes auch uns allen sagen. Wir sollen Gott etwas zutrauen. Wir sollen uns von seiner Liebe und Güte tragen lassen. Solange wir den Verbindungsfaden nach Oben aufrecht halten, zu unserm Glauben stehen, alles tun, damit der intakt bleibt, dürfen wir auch damit rechnen, dass unser Netz, das wir im Lauf unseres Lebens aufbauen, erhalten bleibt, ja nicht nur das: Wie Bruder Klaus an die Berner Regierung geschrieben hat: Wessen Glück sich hienieden mehret, der soll Gott dafür dankbar sein, so wird es sich auch im Himmel mehren. Voraussetzung dafür ist: den Faden nach Oben ja nicht abreissen, sondern intakt, aufrecht halten, damit der Heilige Geist in uns wirken kann.


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