Predigt an Heiligabend

24. Dezember 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

«Ja warum habt Ihr denn keine Krippe?» Diese Frage, liebe Mitchristen, wurde auch dieses Jahr wieder gestellt, wie mir unser Br. Alexander von der Klosterpforte berichtete. Jedes Jahr, wenn der Einsiedler Weihnachtsmarkt stattfindet, kommt diese Frage. Früher ärgerte sie mich: Wir feiern halt Weihnachten an Weihnachten und nicht schon Ende November! Heute begegne ich dieser Frage etwas gnädiger: Die Leute könnten ja auch fragen, warum wir noch keine Christbäume in der Kirche haben. Sie fragen aber nach der Krippe! Warum eigentlich?

«So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.» Das sind vertraute Worte, seit über 2000 Jahren werden sie weitererzählt. Seit unserer Kindheit kennen wir diese Worte: wir haben sie in Krippenspielen aufgeführt und unsere Kinder und Grosskinder tun es auch heute noch. Die Krippe von Bethlehem bietet uns darum Vertrautes, Sicherheit in einer unsicheren Zeit. Und auch wenn wir wissen, wie schwierig die Verhältnisse für diese junge Familie damals waren – die Geburt fand ja doch unter prekären Verhältnissen unter Tieren statt –, weckt die Krippe unsere Sehnsucht nach Familie, nach unserer Herkunft, nach Liebe und Geborgenheit. Eigentlich müssten wir unseren oft so hoffnungslosen und gestressten Mitmenschen diese Frage stellen: Warum habt ihr denn keine Krippe?

Am Ende dieses Gottesdienstes werden wir eines der berühmtesten Lieder der Welt singen: das «Stille Nacht». Es ist ein Krippenlied: In der Nacht wacht das heilige Paar Maria und Josef, in der Futterkrippe der Tiere liegt der Knabe in lockigem Haar. Vielleicht haben einige unserer Zeitgenossen – oder gar wir selbst – Mühe mit der Krippe, weil sie in diesem Lied ein wenig kitschig daher kommt. Doch die Zeit, in der das «Stille Nacht» entstand, war alles andere als kitschig: Der Beginn des 19. Jahrhunderts war geprägt von Kriegen, Hunger und der Not, die aus den grossen Umbrüchen in Europa entstand. Das Lied löste damals eine Sehnsucht aus nach einer ganz anderen Zeit: nach «himmlischer Ruh»! Und so war es auch hundert Jahre später: Im sogenannten «Weihnachtsfrieden» von 1914 etwa, also mitten im Ersten Weltkrieg, wurden in den Schützengräben Weihnachtslieder gesungen, auch das «Stille Nacht». Und plötzlich hörten die Soldaten ohne Waffenstillstandsabkommen auf, aufeinander zu schiessen. Vielmehr wurden Leichen begraben, die Soldaten besuchten sich gegenseitig und am Weihnachtstag wurden sogar Geschenke ausgetaucht. Es ist kaum zu glauben: auch im «Kessel von Stalingrad» 1942 sangen Christen aller Konfessionen zusammen mit Andersglaubenden und Kommunisten das «Stille Nacht». Aus einer katastrophalen Lage heraus – in der Schlacht um Stalingrad starben über 700‘000 Menschen – ertönte dieses Krippen-Lied der Sehnsucht nach Frieden und Liebe, das in diese Hölle des Krieges hineinfragte: Mensch, warum hast Du denn keine Krippe?

Wer sich zur Krippe aufmacht, glaubt daran, dass der Mensch auch anders könnte: dass er fähig zu Liebe und Friede wäre. Wer sich zur Krippe aufmacht, glaubt an die Macht des göttlichen Friedens. Wer sich zur Krippe aufmacht, glaubt, im kleinen Kind der Grösse und Macht Gottes zu begegnen. Wenn heute Menschen wegen Aleppo, Berlin, Irak und Zürich sagen: Wie kann man noch Weihnachten feiern!, müssen wir antworten: Erst recht müssen wir jetzt Weihnachten feiern! All diese Menschen in den Krisengebieten unserer Welt brauchen die Krippe: die Zuversicht, dass Gott auch heute in den Dreck des Lebens kommt, uns auch dort nahe ist. Menschen machten sich schon immer in dunkler Nacht zur Krippe auf, nicht bei Sonnenschein. So war die Situation schon vor der Geburt Christi, also in der Zeit der Sehnsucht nach Weihnachten. Wir haben davon in der 1. Lesung aus dem Buch Jesaja gehört, auch darin wird diese Sehnsucht nach dem Frieden Gottes aus einer Kriegsszene heraus beschrieben: «Jeder Stiefel, der dröhnend daher stampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.» Auch für das alte Volk Israel spricht die Lesung in eine dunkle Nacht hinein: «Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.» Weihnachten, die Krippe, ist ein Licht, ein Licht, das in der Nacht aufstrahlt. Und so feiern wird heute noch Weihnachten in der Nacht, denn Christus wurde geboren, als andere die Angst der Nacht erlebten: «In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr.» Da hinein sagt der Engel: «Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.» Das tönt im «Stille Nacht» ganz ähnlich, aber dort sind wir es, die singen: «Christus, der Retter ist da».

Meine Lieben, erst recht feiern wir jetzt Weihnachten. Wir rufen zuerst einmal uns gegenseitig zu: Fürchtet euch nicht, Christus, der Retter ist da. Der Friede muss zuerst einmal unser eigenes Herz erfassen. Je mehr Menschen vom göttlichen Frieden berührt werden, desto mehr können ganze Gemeinschaften und Gesellschaften Lieder der Hoffnung singen. Grosse Parolen und Statements nach Terroranschlägen nützen nur bedingt etwas. Wir aber können uns die Krippen-Geschichte voll von Hoffnung weitererzählen, dass Gott unter schwierigen Umständen auf die Welt gekommen ist, um uns den Weg zum Frieden zu zeigen. Wir müssen unsere Sehnsucht nach Leben nicht zuschütten lassen durch Worte von Unfriede und Hass. Wenn ich nachher bei der Vorbereitung des Altars zur grossen Krippe im Kirchenschiff gehe, um für uns alle vor dem Kind um göttlichen Frieden zu bitten, soll unsere aller Sehnsucht mit diesem Frieden erfüllt werden. Gut, haben wir unsere Krippe!


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