Predigt an Pfingsten

15. Mai 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Abt Urban Federer

Liebe Brüder und Schwestern

Kennen Sie die Person, die neben Ihnen sitzt? Und wenn ja: Wie steht es mit der Person vor ihnen oder hinter ihnen? Ist es nicht so, dass wir zwar alle das gleiche Ziel haben – nämlich an Pfingsten in Einsiedeln am Festgottesdienst teilzunehmen –, aber uns nicht unbedingt die anderen Mitmenschen auswählten, die jetzt auch noch da sind? So ist es übrigens auch beim Eintritt in ein Kloster: Wir wählen uns das Leben als Mönche und ein konkretes Kloster wie Einsiedeln, aber als Mitbrüder müssen wir nehmen, was schon da ist! Vieles im Leben können wir nicht erklären. Nicht nur die Grösse des Weltalls bleibt Spekulation, nicht nur die Frage nach menschenähnlichem Leben auf einem anderen Planeten oder die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten. Wir können eben nicht einmal die Frage wirklich beantworten, warum wir alle diese Feierstunde in Einsiedeln gewählt haben! Ob uns eine gemeinsame Software eingebaut wurde mit dem Programm: geh nach Einsiedeln? Ob wir gar ferngesteuert sind? Ist nicht bei jeder menschlichen Beziehung dies eine grosse Frage: Warum eigentlich haben gerade diese beiden konkrete Menschen sich gefunden? Gibt es nicht noch Milliarden von anderen Möglichkeiten als dieser eine Mensch, mit dem Sie zusammen sind?

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Diese Situation aus der Apostelgeschichte ist jetzt! Woher auch immer wir gekommen sind: Nun sind wir alle da, am gleichen Ort, am Pfingsttag. Das geschieht zuerst einmal als die Feier einer Tradition: Es ist ein grosser Festtag, und wir sind da, weil in Einsiedeln auf diese Zeit der Gottesdienst angelegt wurde. Nun geschieht in der Apostelgeschichte aber plötzlich Neues, es kommt Bewegung in das Ganze: Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. Nicht alles wird heute genauso eintreffen, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben ist. Bewegung wird bei uns aufkommen, wenn wir einander ein Zeichen des Friedens geben. Das machen wir in der Schweiz aber kaum so, dass es dabei stürmisch zu und her geht. Auch bei der Kommunion werden wir uns eher gesittet bewegen. Aber im Hintergrund hören wir tatsächlich immer mehr das Herannahmen einer grossen Bewegung: Die Portugiesenwallfahrt ist im Ansturm und es wird in Einsiedeln dann doch einmal mehr wahr, was in der Apostelgeschichte geschrieben steht: Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Man versteht Glaubende in allen Sprachen! Auch wenn Sie kein Portugiesisch sprechen, wenn sie kein Latein, kein Englisch, ja kein Deutsch können: Wir werden uns heute verstehen, wenn wir am Pfingsttag im selben Raum uns treffen, denn wir sind alle aus demselben Grund hier, sprechen dieselbe Sprache des Glaubens, unsere Sehnsucht hat dasselbe Ziel, wir hoffen dasselbe, lieben dasselbe: Gott! Darum sind wir hier, darum verstehen wir uns gegenseitig. Nein, wir sind nicht ferngesteuert, sind nicht alle gleich programmiert. Im Gegenteil: Wer vom Geist Gottes erfasst wird, auf dem lässt sich dieser Hl. Geist nieder, einzeln: Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Nicht die Gleichschaltung ist das Wunder des heutigen Tages. Vielmehr hat jeder und jede von uns von Gott eigene Gaben und Talente erhalten. Wir müssen uns darum nicht dauernd mit andere messen und vergleichen, sondern dürfen das, was uns gegeben, was unsere Stärke ist, gut tun, gerne tun, ja mit Leidenschaft tun! Das Wunder liegt nicht im der Geleichschaltung, sondern in der Vielfalt: Obwohl wir so unterschiedlich sind, obwohl wir uns auf der Strasse kaum grüssen, am Stammtisch vielleicht sogar bekämpfen würden, sind wir hier vereint: Gottes Geist hat uns gerufen, der Glauben an Gott verbindet, vereint! Gerade am Pfingsttag müssen wir den Kräften widerstehen, die im Glauben nur Hass und Gewalt sehen, die im Glauben etwas Unaufgeklärtes und Unzeitgemässes vermuten. Für mich ist es umgekehrt: Unsere Zeit braucht vielmehr wieder Hoffnung, braucht Ziele, braucht begeisterte Menschen, braucht Leitplanken im Leben, Frieden! Unsere Zeit braucht Menschen, die sich trotz aller Unterschiede treffen, nein besser: Menschen, die ihre Unterschiedlichkeit als Gewinn sehen, sich ergänzen und gemeinsam feiern! Und wenn heute in Einsiedeln Tausende in den unterschiedlichsten Sprachen die Hl. Pforte der Barmherzigkeit durchschreiten oder an ihr vorbeigehen, kann ich noch ergänzen: In unserer hektischen und oft so unbarmherzigen Welt braucht unsere Zeit Barmherzigkeit! Und wo erfahren wir diese mehr als beim barmherzigen Gott?

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Wer Gott in die eigene Furcht und Unsicherheit einlässt, erfährt Friede. Das ist die Botschaft nicht nur des heutigen Evangeliums, sondern auch des ganzen Pfingstfestes. Wer seine oder ihre Talente und Begabungen vom Hl. Geist her versteht, wird sich für das Ganze, für die Kirche, für die Menschen einsetzen. Es ist ein Wunder, dass wir trotz aller Unterschiede heute vereint sind – und wir werden uns verstehen, denn unsere Sehnsucht stammt von Gott und findet in Ihm unsere Erfüllung. Ja meine Lieben, sehen Sie Ihrem Nachbarn nur ins Gesicht: Sie kennen ihn oder sie! Sie erkennen ihn in Gott! Auch dieser Mensch neben ihnen wurde vom Hl. Geist, wurde von Gott hierhergeführt und ist darum eine be-geisterte Person, ein von Gott geliebter Mensch! Amen.


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