Predigt an der Wallfahrt der Jugend

24. April 2016, Gnadenkapelle, Abt Urban Federer

Liebe junge Menschen

Ihr seid ein komischer Haufen: Ihr läuft bei schlechtestem Wetter als Gruppe nach Einsiedeln. Wie kann man nur im Schnee marschieren wollen! Das mögen in Biberbrugg einige gedacht haben, als sie Euch loslaufen sahen. Ohne es zu wissen, seid Ihr so für andere ein Zeichen geworden: Junge Menschen sind unterwegs. Und manch einer fragte sich wohl: Wohin die wohl wollen?

Auch das Tor vor der Kirche ist ein Zeichen: Ob das moderne Kunst darstellt? Wer die Anmerkungen dazu liest, dass das die Pforte der Barmherzigkeit ist, dass es diese zu durchschreiten gilt, für den oder die wird dieses Zeichen zu mehr: zu einem Symbol der Barmherzigkeit Gottes selbst.

Uns umgeben viele Zeichen. Die Frage für uns ist: Worauf weisen sie hin? Können wir sie lesen? Wie werden sie zu einem sprechenden Zeichen mit einer Botschaft?

In der Lesung ist die Rede von Jerusalem. Leider ist diese Stadt heute ein Zeichen für Krieg. Der Schreiber der heutigen Lesung, der hl. Johannes, sitzt in der Verbannung auf der Insel Patmos. Als Christ, der ursprünglich Jude war, ist ihm Jerusalem zuerst einmal Zeichen seiner geographischen Heimat, von der er getrennt lebt. Seine Sehnsucht nach dieser Stadt verknüpft er nun mit seiner grösseren Sehnsucht nach der Begegnung mit Christus, nach seiner endgültigen Wiederkunft! Er hat Sehnsucht nach einer ewig andauernden Beziehung mit Gott, die Johannes mit der Liebe zwischen Bräutigam und Braut ausdrückt: Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Die Erbauer dieser Kirche wollten dieses biblische Bild umsetzen: Sie soll ein Zeichen für das himmlische Jerusalem sein, das festlich geschmückt ist für die Gegenwart Gottes und zu uns herabsteigt. Das schönste Kirchengebäude ist aber kein wirkliches Zeichen, das andere lesen können, wenn wir es als Kirche nicht mit Bedeutung füllen: Wir sind Gottes Volk, auf das dieser Raum wartet. Wenn wir als Gruppen betend nach Einsiedeln pilgern, sind wir für komisch dreinschauende Zeitgenossen ein Zeichen, dass es anscheinend eine Sehnsucht gibt, die Menschen auch bei scheusslichem Wetter irgendwohin aufbrechen lässt. Wenn wir hier gemeinsam Gott feiern, ist er unter uns. Und wenn wir nach Hause kommen, müssen wir uns nicht schämen, bei Schnee in Einsiedeln gewesen zu sein: Wir dürfen vielmehr auch im Alltag Zeichen sein, dass Gott unsere Mitte ausmacht, dass er gegenwärtig ist.

Gott ist in unserer Mitte – wir schreiben hier also gleichsam die Lesung weiter, in der es heisst: Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Für Johannes ist klar: Gott ist treu. Wenn er ein Zeichen seiner Gegenwart setzt, dann nimmt er es nicht mehr zurück. Das Zeichen wird zum Sakrament. Wir, die Kirche selbst, dürfen ein solches Zeichen für Gottes Gegenwart sein. Im Sakrament der Taufe bekamen wir alle Anteil am Priestertum Christi. Wenn ich also als Christ, als Christin etwa an ein Krankenbett gerufen werde, vertrete ich unabhängig von meiner Laune und meiner persönlichen Lebensführung für den kranken Menschen Gottes Gegenwart. Ist das nicht eine wunderbare Berufung: ein Zeichen für die Gegenwart Gottes zu sein, obwohl ich vielleicht selbst diese Gegenwart gar nicht gross spüre? Wo wir verletzt sind und der Heilung bedürfen, da ist Gott in der Verzeihung im Sakrament der Versöhnung, der Beichte, gegenwärtig. Und im Priester, der der Feier der Eucharistie vorsteht, setzt Gott das verlässliche Zeichen, dass Christus in seiner Hingabe für uns in Brot und Wein gegenwärtig ist.

Liebe Schwestern und Brüder, wir dürfen unseren Mitmenschen diese heilende Gegenwart nicht vorenthalten. Wir werden am Ende dieses Gottesdienstes aufgerufen: Geht hin in Frieden! Die Welt schreit nach Frieden, nach Liebe. Wenn wir im Brot der Eucharistie Christus in seiner hingebenden Liebe für uns empfangen, dann dürfen wir diesen geschenkten Frieden nicht in Spaltung und Streit umwandeln: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jüngerinnen und Jünger seid: wenn ihr einander liebt. Die Einsiedler Wallfahrt soll auch die Daheim-Gebliebenen erfahren lassen, dass Gott treu und gegenwärtig ist. Wenn Du also zu Hause gefragt wirst: Wie war’s? Dann antworte nicht: Ach kalt… und Schnee… und überhaupt: lass mich in Ruhe! Erzähle lieber von der Pforte der Barmherzigkeit, die Ihr durchschritten habt, mit anderen zusammen, und dann haben wir als Kirche gefeiert und es wurde uns warm – und Gott war in unserer Mitte und er ist nun in mir…. Seien wir stolz auf diese Berufung, Zeichen, ja Sakrament Gottes für andere zu sein! Vielleicht werden sie sogar spüren: Wenn die so miteinander feiern, wenn sie sich lieben, dann muss etwas dran sein!


Gedruckt am 14.12.2017 / www.kloster-einsiedeln.ch, © 2017 kloster-einsiedeln.ch