Predigt in der Osternacht

26. März 2016, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Jean-Sébastien Charrière

Liebe Schwestern und Brüder

Dass die zwei wichtigsten Feste des Christentums, Weihnachten und Ostern, mitten in der Nacht gefeiert werden, ist bestimmt kein Zufall! Beide Male geht es um eine Geburt. Gott wird Mensch an Weihnachten, damit die Menschen durch den Tod und die Auferstehung Jesu als Kinder Gottes neu geboren werden können. Die Nächte, in welchen diese beiden Geburten stattfinden, sind aber die eine und dieselbe Nacht.

Die Nacht kann positiv verstanden werden. In diesem Fall stellt sie das Geheimnis dar. Nicht ein Geheimnis, das wir nicht verstehen könnten, sondern ein Geheimnis, das so gross ist, dass es unser Verständnisvermögen immer übersteigen wird. In der Tat sehen wir in der Nacht viel weiter als am Tag, wo wir nur bis zur Sonne sehen können. In der Nacht sehen wir Abertausende von Sonnen. Damit erahnen wir auch gleichsam die Unendlichkeit des Alls, die wir, wie das Geheimnis Gottes, nie endgültig erfassen werden. Auch dank der Sternen-Konstellationen können sich die Wüstenvölker in der Nacht viel besser und präziser orientieren als während dem Tag! So hat sich auch eine Spiritualität der dunklen Nacht entwickelt, in dem die Nacht als Wegweiser und Hilfe verstanden wird, um das Licht wahrzunehmen und es zu schätzen lernen.

In der Symbolik wird aber die Nacht vor allem als etwas Negatives verstanden. Sie ist die Abwesenheit des Lichtes, das für unser Leben so wichtig ist. Wir sprechen etwa von Mächte der Dunkelheit, von der Nacht der Sünde, von der Finsternis der Unwissenheit. Nach dem Schöpfungsbericht hat Gott die Nacht nicht geschaffen. Sie entsteht, indem Er das Licht erschuf. Auch die Tageswechsel in diesem Bericht entwickeln sich von der Nacht zum Licht: "Es wurde Abend und es wurde Morgen" (Genesis 1,1ff.) hören wir am Schluss jedes neuen Schöpfungstages bis am siebten Tag, wo es keine Nacht mehr gibt! Diese Entwicklung steht auch für die Entwicklung des Menschen, von der Dunkelheit des Mangels zur Erfüllung in Gott, der selber Licht ist. "Ich bin das Licht der Welt" (Johannes 8,12) sagt uns Christus. Und: "In Ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis" lesen wir im Johannes-Prolog (Johannes 1, 4-5.9-12).

Der Begriff Ostern weist auch auf das Licht hin, das von Osten her kommt. Deshalb ist auch unsere Klosterkirche orientiert. Sie ist zum Orient, nach Osten gerichtet, Symbol für die Auferstehung, die unsere Nacht erhellt und in immerwährenden Tag verwandelt. In den biblischen Sprachen heisst aber Ostern: Pessach, Pascha . Es heisst wortwörtlich "Vorüberschreiten, Übergang, Durchgang". Es ist zuerst das Fest des Übergangs von Ägypten, das Land der Sklaverei, nach Israel, dem Land der Freiheit. Mit Christus ist es der Übergang vom Tod zum neuen Leben. Der Übergang von der Nacht der Sünde zum Licht Gottes.

So ist Christus unser Ostern. Er ist für uns zum Tor, zum Durchgang geworden (cf Johannes 10,9). Durch Ihn und in Ihm bekommen wir das Licht des neuen Lebens. So stellen die Pforten der Barmherzigkeit, wie die auf unserem Klosterplatz, Christus und Ostern dar. Sie sind sicher keine magische Gegenstände, die uns mit einem blossen Hindurchgehen das Heil schenken würden. Es sind keine Automaten, die Gnade und Ablass verleihen. Sie sind ein Zeichen unseres Lebenswegs durch und in Christus. Durch sie können wir ein konkretes Zeichen unserer Entschlossenheit setzen, die Finsternis hinter uns zu lassen und uns durch und in Christus für das Licht, die Wahrheit, das Leben und die Liebe zu entscheiden.

Unsere Welt, unser Leben oder unser eigenes Herz können von Dunkelheit oder von den Mächten der Finsternis geplagt sein. Überall und vermehrt hören wir von Verschwörung, Missbrauch, Streit, Kriegen, Hass, Habgier, Rache, Fanatismus und Terrorismus, Naturkatastrophen, Epidemien und so weiter. Dies mag uns verängstigen und verunsichern. Klagen darüber nützt aber nichts. Der Weise Konfuzius sagte mit recht: "es ist klüger, eine Kerze anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen". Im gleichen Sinn sagt uns Paulus: "Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute" (Rm 12,21). Anders gesagt: vertreibt die Nacht mit dem Licht . Jesus geht noch weiter, wenn er uns mahnt: "Liebt eure Feinde", was so viel bedeutet wie "liebt alle Menschen". Nur die Liebe kann die Welt erleuchten und verwandeln. Kreuz, Leiden und Tod Christi haben uns nicht erlöst. Leiden und Tod können nicht erlösen, denn sie stammen aus der Finsternis. Es ist die Liebe Jesu, die uns erlöst hat. Eine grenzenlose Liebe, die bereit war für uns zu leiden und zu sterben. Denn "es gibt keine grössere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh. 15,13). Gott holt uns in der Nacht ab. Er holt uns da, wo wir sind, ohne uns zu verurteilen (cf Johannes 12,47). Keine Nacht, so dunkel sie sein mag, kein Sündenzustand erschreckt Ihn. Er lässt sich kreuzigen als Liebe für diejenigen, die ihn töten. So bricht er den zerstörerischen Teufelskreis der Gewalt und der Rache auf.

Liebe Schwestern und Brüder

Wenn die Nacht in unserer Welt noch herrscht, liegt das Problem nicht bei Gott. Jesus sagte:
"Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!" (Lukas 12,49). Dieses Feuer haben wir in unserer Taufe empfangen. Um zu wachsen und sich zu verbreiten, um die Nacht zu vertreiben, braucht dieses Feuer Nahrung. Diese bekommt es durch Gebet, geistliche Lesung und geistliche Gespräche, durch den Empfang der Sakramente und das Üben der Werke der Barmherzigkeit. Am Anfang dieser Feier haben wir gesehen, wie die kleine Flamme der Osterkerze sich auf all unsere Kerzen ausbreiten und so die ganze Kirche erhellen konnte. Auch winzige Zeichen der Liebe, wie auch zum Beispiel "niemandem Böses mit Bösem vergelten" (cf Römer 12,9-21) können viel Wirkung erzielen. Wenn wir aus der Begegnung mit Christus Kraft schöpfen und ihm als unserem Vorbild folgen, wird sich die Verheissung der Offenbarung erfüllen: "Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit" (Offenbarung 22,5) AMEN.


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